Im Wort zum Sonntech teilen erfahrene Unternehmer ihren Erfahrungsschatz mit Gründern, diskutieren – manchmal mit spitzer Zunge – aktuelle Begebenheiten oder plaudern ganz einfach aus dem Nähkästchen. Heute geht Dr. Friedrich Georg Hoepfner im ersten Teil einer zweiteiligen Serie der Frage nach, ob Mittelständler gut auf der Gründungswelle schwimmen und erläutert, warum eine Zusammenarbeit für beide Seiten durchaus fruchtbar sein kann.

Fruchtbare Zusammenarbeit mit innovativen Start-ups

„Ich möchte in einem Start-up arbeiten!“ Das sagte mir vor kurzem eine junge Wirtschaftingenieurin. Ich war doch ein bisschen erstaunt. Immerhin hatte sie jetzt eine Stelle bei einem weltbekannten staatlichen Forschungsinstitut? „So sicher ist der Arbeitsplatz da auch nicht!“, erwiderte sie. „Ich hangele mich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag und das hat sowieso keine Zukunft, irgendwann ist Schluss!“

Gründer sind in

Zukunft ist das Stichwort. In einer Welt voller Unsicherheiten und plötzlichen Veränderungen, im Dschungel der Trends und in einem System, in dem alles irgendwie zusammenhängt, suchen wir nach Superman, der die Probleme meistert.

Da kommen die unerschrockenen Gründer gerade recht, die ohne Rücksicht auf soziale Sicherheit und althergebrachte Geschäftspraktiken ins Neuland vorstoßen. Wenn wir schon ins Auge des Sturms fahren, können wir uns genauso gut Captain Ahab aus dem Roman Moby Dick anvertrauen – der hat wenigstens keine Angst! Gründer sind „in“.

Hoepfner Stiftung
Die Gründer von Ice-Shock präsentieren mit Spaß und Engagement © Ras Rotter

Das war nicht immer so. Vor 20 Jahren war das Ideal eines deutschen Examenskandidaten, in den Staatsdienst übernommen zu werden. Heute geht es darum, ein Auslandspraktikum bei Google zu machen, Harvard abzubrechen und möglichst noch in einem Loft zu wohnen, das man zu gleich zum Büro machen kann.

Was macht die Gründerkultur aus?

Die große Anziehungskraft der Gründerkultur führt zu der Frage nach dem was und nach dem warum. Hier ein paar Gedanken, was die Gründerei so interessant macht:

1. Die Suche nach neuen Ufern

Das hat nicht nur Kolumbus und die Goldgräber motiviert, sondern auch „Steve“ Paul Jobs , Thomas Alva Edison und Werner von Siemens. Wer würde nicht gerne mal die Fesseln des Alltags abstreifen? Das gilt nicht nur für Gedanken. Verlockend sind auch das hierarchiearme Arbeiten, die freie Einteilung der Arbeitszeit, die von Andersdenkenden und Gewerkschaftern verteufelte Verbindung und Vermengung von Freizeit und Arbeit, der gemeinsame Kampf auf dem Weg zur Weltspitze – und die Verlockung, vielleicht mal ganz groß rauszukommen.

Die Fregatte „Hermione“
© Ras Rotter

2.    Selbstbestimmung

Für viele junge Menschen ist es auch schön, wenn ihnen nicht dauernd irgendein (Wirtschafts-) Veteran sagt, was sie tun müssen und was sie auf keinen Fall tun dürfen und warum sie ihren Mund halten sollen und was früher schon nicht funktioniert hat…

3. Anders sein

Besonders Menschen, die in anderen Strukturen vielleicht benachteiligt wären (wegen Migrationshintergrund, Geschlecht, sexueller Orientierung, mangelnder Bereitschaft zur Anpassung oder ungewöhnlichem familiären Hintergrund) können sich in einem jungen Unternehmen vielleicht besser entfalten und zeigen, was sie zu Stande bringen.

4. Status anders definiert

Zur Gründerkultur gehört auch der bewusste oder manchmal auch durch die finanziellen Möglichkeiten erzwungene Verzicht auf traditionelle Statussymbole wie das Auto, der edle Briefbogen, die genormte Büroeinrichtung und teure Kleidung. Stattdessen sind die besten Smartphones, Turnschuhe und Fahrräder gefragt.

5. Die Kollegen

Bei vielen Start-ups sind die jungen Leute unter sich. Da fühlt man sich wohl. Umgangston und Lebensstil passen besser zusammen. Wer will da schon an die Altersversorgung denken? Bei dem Rentensystem und bei der Staatsverschuldung haben junge Leute sowieso ganz schlechte Karten…

6. Konsequenz für den qualifizierten Mittelstand

Durch die hohen Anforderungen, die die entwickelte Wirtschaft an ihre Nachwuchskräfte stellt, kommt es zum „War for Talents“. Da sieht mancher Mittelständler seine Felle davon schwimmen, wenn die besten Abgänger eines Jahrgangs nicht auf den soliden Job bei ihm fliegen. Viele werden entweder einen hoch bezahlten Job bei SAP annehmen oder fast gratis zu einem Start-up gehen.

hoepfner boden
Zurechtfinden im Netz des Datendschungels (Ikeda Präsentation im ZKM) © Ras Rotter

Speed-dating und andere Gelegenheiten

Bei so vielen Unterschieden in Kultur, Vorgehensweise und Ambition ist es keine Überraschung, dass zwischen Gründungs-Unternehmen und dem typischen deutschen Mittelständler eine gläserne Wand zu stehen scheint, welche die Kommunikation stört oder gar unterbindet. Wenn Mittelständler von der Gründerkultur profitieren wollen, ist der erste Schritt also die Suche nach Kommunikationsgelegenheiten. So schwer kann das eigentlich gar nicht sein, denn umgekehrt haben erfahrene Mittelständler auch den Gründern viel zu bieten. Ein paar Beispiele:

Pause bei Star-Ups
Kreativ-Pause beim Perfekt Futur im Alten Schlachthof © Ras Rotter

1. Anschauen

Im ersten Moment mag es etwas Überwindung kosten, sich auf die Themen eines Kongresses für junge Firmen einzulassen oder gar Freizeit zu investieren, um junge Unternehmen kostenlos zu coachen oder als Mentor zu begleiten. Aber es lohnt sich, denn beide Seiten können viel dabei lernen.

2. Nutzen

Eine andere Gelegenheit wäre es, bewusst Aufträge an junge Unternehmen zu vergeben. Dazu müsste man sich von der Vorstellung freimachen, dass eine solche Zusammenarbeit mit ungeheuren Risiken verbunden wäre. Natürlich ist die Zukunft eines jungen Unternehmens unsicher – aber in einer Zeit, in dir selbst Karstadt von der Insolvenz bedroht wird, muss man das relativieren. Durch eine unkonventionelle Herangehensweise, durch innovative Lösungen und durch eine oft erfrischende Bedenkenlosigkeit machen junge Unternehmen manchmal wieder wett, was ihnen an Erfahrung und Seriosität fehlt.

3. Mitmachen

Wer eventuell sogar bereit ist, sein schwer verdientes Geld in Form von Beteiligungskapital für junge Unternehmen aufs Spiel zu setzen, braucht nicht gleich selbst zum Gründer zu werden. Er hat heute viele Gelegenheiten, beim Speed-Dating, bei Pitches und anderen Veranstaltungen in fruchtbaren Kontakt mit dem Unternehmer-Nachwuchs zu treten.

Wohin geht die Reise? (Eindruck von der „Globale“ im ZKM) © Ras Rotter
Wohin geht die Reise? (Eindruck von der „Globale“ im ZKM) (Bild: Ras Rotter)

Der zweite Teil der Mini-Serie „Start-ups: Schwimmen Mittelständler gut auf der Gründungswelle?“ folgt am kommenden Sonntag. Dann steht die Frage im Mittelpunkt, wie ein gestandener Unternehmer davon profitieren kann, wenn er sich mit Gründern befasst?

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