Eine Umfrage der Umweltorganisation Greenpeace kommt zum Ergebnis, dass zwei Drittel der Deutschen sich weniger Smartphone-Modelle wünschen. Nicht nur das Ergebnis lässt mich persönlich zweifeln, auch einige Kollegen lassen sich dazu verleiten, Hersteller, meist aus der Ecke der Androiden, an den Pranger zu stellen. Dabei sollten wir endlich aufwachen und uns an die eigene Nase fassen.

Normalerweise lasse ich mich zu einer öffentlichen Kritik selten hinreißen. Doch wenn Studien dazu benutzt werden, Stimmung zu machen, dann muss ich einfach aus meiner Haut. Kommen wir gleich zum Thema. Die Umweltorganisation Greenpeace hat eine Studie veröffentlicht, die meines Erachtens soviel Inhalt zu bieten hat, wie zehn Meter Feldweg. So wünscht sich laut der Studie die große Mehrheit der Deutschen weniger neue Smartphone-Modelle. Dass allerdings noch immer 1,5 Milliarden Smartphones jährlich neue Abnehmer finden, wird in der Studie nur als Randnotiz vermerkt.

Greenpeace: 2,8 Milliarden Smartphone-Nutzer in 2020 vs. 5.000 Befragte

„Die Geschwindigkeit mit der die Hersteller neue Modelle auf den Markt bringen ist mit technischem Fortschritt nicht zu rechtfertigen“, so Manfred Santen, Greenpeace-Chemie-Experte. „Die Menschen wollen nicht das Gefühl bekommen, schon nach einem Jahr ein veraltetes Smartphone zu besitzen. Die Hersteller müssen auf den Wunsch nach nachhaltigeren Geräten reagieren und langlebige Smartphones auf den Markt bringen.“ Nein, müssen sie nicht. Ein Hersteller reagiert grundsätzlich auf den Markt, nicht auf Wünsche von ein paar Wenigen. Bei Milliarden Endgeräten reicht es meines Erachtens nicht, in fünf Ländern jeweils 1.000 Personen zu befragen. Das macht gerade einmal 5.000 Nutzer weltweit. Zum Vergleich: Laut statista besaßen und nutzten im Februar 2015 rund 45,6 Millionen Personen allein in Deutschland ein Smartphone. 2016 sind es laut derselben Quelle 49 Millionen. Einige Millionen dürften hinzukommen, die arbeitstechnisch sogar auf zwei Smartphones zurückgreifen.

Mehr Zahlen? Schauen wir uns doch dazu die weltweite Entwicklung an: Die Zahl der Smartphone-Nutzer weltweit im Jahr 2012 wurde mit rund 1,06 Milliarden beziffert. Im Jahr 2014 waren es bereits rund 1,6 Milliarden Personen, die ein Smartphone ihr Eigen nannten und Marktforscher rechnen für das Jahr 2020 mit mehr als 2,8 Milliarden Nutzern. Warum also, sollten Hersteller plötzlich gegen den eigentlichen Bedarf produzieren, beziehungsweise gegen die eigenen Gewinne? Zudem geht die Studie nur halbherzig auf die seltenen Erden (Wikipedia) ein.

Inhalte nicht verfügbar.
Bitte erlauben Sie Cookies durch ein Klick auf Akzeptieren.
Nicht nur, dass ein Preiszerfall der Branche durch neu erschlossene Quellen die derzeitige Marktsituation beschreibt; mittlerweile finden die seltenen Erden auch ihren Nutzen in Windrädern, Hybridautos, Flachbildschirmen oder Präzisionswaffen – die Masse hat den Markt kaputt gemacht; der Hype um die Erden ist vorbei. Alternativen, wie Technology Review berichtet, sind bereits im Aufwind oder werden zumindest im Augenschein genommen.

Über SEO-Schlachten, phonest und der Irrglaube ans Gute im Menschen

Klammert man die Studie aus, bleiben die schreibenden Kollegen übrig. Einige stürzten sich auf die Greenpeace-Nachricht und machten daraus ein Politikum. Andere wiederum versuchten die Content-Strategie ihres Arbeitgebers in die vorgegebene Richtung zu drücken. So bekam beispielsweise Apple ein grünes umweltfreundliches Gewandt; oder wurde erst gar nicht genannt. Für den weniger informierten Leser erstrahlt Apple so als Unternehmen, welches nicht auf billige Arbeitskräfte setzt, keine seltenen Erden unter schlechten Arbeitsbedingungen fördert – ein wahrlich tolles Unternehmen, oder? Andere Magazine liefern sich zudem eine SEO-Schlacht, wie sie nur „in Büchern“ vorkommt. Curved nennt beispielsweise gefühlt 40 Markennamen und deren Endgeräte – inklusive Verlinkungen zu den dazu passenden und klickgetriebenen Artikeln. So eine Art des Journalismus ärgert mich und verhindert eher eine sachliche Diskussion. Schaut man sich dazu die dort veröffentlichten und kaum moderierten Kommentare an, wird einem schlecht. Ach ja, den Hersteller Apple sucht man natürlich auch dort vergebens.

 

Curved und sein SEO-getriebenes Konzept.
Gefühlt 40 Endgeräte verlinkt Curved auf wenigen Sätzen – SEO pur bei magerem Inhalt zur Studie. (Screenshot Curved)

Dabei liegt die eigentliche Wahrheit nur einen Klick entfernt. Das „Startup“ phonest zeigte kürzlich, wo die eigentliche Herausforderung zu finden ist – nämlich bei uns. So wies der Betreiber, Jonathan Schöps, daraufhin, dass Transparenz alles ist. Er zeigte zum Beispiel auf, woher die seltenen Erden für sein imaginäres Smartphone stammen und wies auf Heise-Online darauf hin, warum solche Studien und Kampagnen nett sind; aber „fast“ wirkungslos bleiben. Die phonest-Seite zeigt eine eigentlich perfekte Marketing-Kampagne. Eigentlich? Zwischen beeindruckenden Zahlen zum Smartphone selbst mischt Schöps Textbausteine, die auf erwähnte Missstände hinwiesen.

 

Seltene Erden, billige Arbeitskraefte - fertig ist das Smartphone.
Schlechte Arbeitsbedingungen, billige Arbeitskräfte in China – fertig ist unser Smartphone. (Screenshot phonest)

„Den für Smartphones unverzichtbaren Rohstoff Tantal beziehungsweise Coltan beziehen wir aus einer sehr ertragreichen Mine in der Demokratischen Republik Kongo. 12h-Schichten untertage und die Kontrolle durch Milizen gewährleisten dir das optimale Preis-Leistungs-Verhältnis.“

Weiter im Text: „Das notwendige Gold kann aus vielen Ländern stammen. Damit wir dir das phonest zu einem fairen Preis anbieten können, sparen wir uns den Aufwand für die Rückverfolgung. Egal ob Sudan, Burkina Faso oder Peru: Kinder- und Zwangsarbeiter gewinnen mithilfe von Quecksilber das Gold aus dem Gestein.

Unser Smartphone wird in China produziert. Praktischerweise ist ein Teil der Arbeitskräfte angehende Akademiker. Sie dürfen hier ihr Zwangspraktikum ableisten, auch wenn ihr Studiengang nichts mit Elektronik zu tun hat. Wer sich weigert, bekommt keinen Studienabschluss.“

„Konsumenten sollten gezielt einkaufen (zum Beispiel bei Fairphone, Nager IT oder Fairlötet), bei Herstellern nachfragen, Petitionen unterzeichnen und Organisationen unterstützen, die sich für fairen Handel einsetzen.“ Hinweis des Autors: Zuletzt fiel das Projekt Fairphone negativ auf, weil auch dieser vermeintlich grüne Hersteller nicht grün produzieren lässt.

Inhalte nicht verfügbar.
Bitte erlauben Sie Cookies durch ein Klick auf Akzeptieren.
Und dennoch. Auf Anfrage kam nachträglich noch ein Update vom Betreiber Jonathan Schöps: „Diese Aktion ist im Rahmen meiner Masterarbeit unter dem Titel ‚Ein Fakephone und die gute alte Sklaverei‘ im Fach Visuelle Kommunikation / Visuelle Kulturen an der Bauhaus-Universität Weimar entstanden. […] Meine These war: Typische Kampagnen von Hilfsorganisationen setzen oft auf Mitleid, sie zeigen Fotos von Menschen, die ausgehungert schuften. Das hat definitiv seine Berechtigung, aber meiner Meinung nach erreicht man damit nur eine bestimmte Zielgruppe. Mit dem phonest konnte die Begierde nach einem schon-wieder-neuen-High-End-Smartphone geweckt werden. Und genau diese Leute wollte ich erreichen.“

Und nun? Hört endlich auf zu heulen und die Hersteller an die Wand zu fahren. Verzichtet endlich auf das neuste Smartphone und damit auf die neuste Technik. Dann klappt es auch mit der Umwelt, den guten Arbeitsbedingungen und den ach so eigenen hochgelobten Prinzipien. Auf den Punkt gebracht: Das Gros der Gesellschaft zieht das neuste Smartphone vor. Uns ist es schier egal, ob faire Arbeitsbedingungen herrschen. Uns ist es egal, ob die Umwelt zerstört wird. Auf dem neusten Smartphone male ich mir eh die Welt, wie sie mir gefällt.

Inhalte nicht verfügbar.
Bitte erlauben Sie Cookies durch ein Klick auf Akzeptieren.