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Unternehmen tappen immer wieder in dieselbe Falle, wenn es um die Einführung von Künstlicher Intelligenz geht. Trotz jahrzehntelanger Diskussionen und Erfahrungen. Welf Schröter, renommierter Experte für Soziale Technikgestaltung, zeigt auf, warum viele Unternehmen den grundlegenden prozessorientierten Ansatz ignorieren und stattdessen in teure Technikruinen investieren. Im Interview deckt er die häufigsten Fehler auf, spricht über die Bedeutung von Assistenz- und Delegationstechnik und fordert einen Paradigmenwechsel in der Herangehensweise an KI-Implementierungen.

Von Ariane Lindemann

Du beschäftigst Dich seit mehr als 30 Jahren mit Künstlicher Intelligenz und der sozialen Gestaltung von IT-gestützten Arbeitswelten. KI ist also gar kein so neues Thema …

Viele Menschen glauben, die sogenannte „Künstliche Intelligenz“ sei gerade erst vom Himmel gefallen. Im Personennetzwerk „Forum Soziale Technikgestaltung“ beschäftigen wir uns bereits seit vielen Jahren mit Fragen zur Digitalisierung der Arbeitswelten. Die sogenannte „KI“ war schon vor der Gründung 1991 ein wichtiges Thema. Bei meiner ersten großen Veranstaltung im Landtag von Baden-Württemberg trafen Valentin Braitenberg, Direktor des Max-Planck-Instituts für Biologische Kybernetik in Tübingen (heute Cyber Valley), und der kürzlich verstorbene Sozialphilosoph Oskar Negt aufeinander. Das war im Jahr 1988. So neu ist das Thema also nicht.

Du bist der Meinung, dass bei der Einführung von Künstlicher Intelligenz immer wieder die gleichen Fehler auftreten. Welche sind das?

Ein zentraler Fehler besteht darin, dass IT-Teams mit einem technischen Endprodukt wie Missionare in Unternehmen oder Verwaltungen auftreten und sagen: „Wir haben hier eine Lösung, habt ihr ein passendes Problem dazu?“ Dies ist kein effektiver Ansatz für die Einführung oder Entwicklung von Technologie. Stattdessen müssen wir von den Prozessen her denken. Wer die Arbeitsprozesse, -abläufe und -organisationen nicht kennt und dennoch versucht, Technik einzuführen, baut in der Regel eine teure Technikruine. Viele glauben, sie könnten, wie mit einem Helikopter ChatGPT über einer Firma abwerfen, in der Hoffnung, dass irgendjemand es auffängt und damit etwas anfangen kann. Diese Art der Technikeinführung ist jedoch nicht nur falsch, sondern auch teuer und frustrierend für alle Beteiligten.

Was schlägst Du vor?

Unser gelerntes Prinzip ist, zuerst eine klare Analyse der Arbeitsabläufe durchzuführen, die verbessert werden sollen, und dann zu überlegen, wie wir das umsetzen können. Erst dann sollten wir nach den technischen Möglichkeiten suchen. Ein anderer Ansatz führt selten zum Erfolg. Ich sage das meinen eigenen Kolleginnen und Kollegen unter Betriebs- und Personalrät:innen, aber auch den Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern, die manchmal technik-verliebt sind und ein neues Produkt aus Marketinggründen im Unternehmen oder in einer Organisation unterbringen wollen. Sie haben aber nicht verstanden, dass das Produkt möglicherweise überhaupt nicht zu den Prozessen passt, um die es geht.

Ist Künstliche Intelligenz ein unzureichender Begriff?

Definitiv. Die sogenannte „Künstliche Intelligenz“ ist ein Begriff, den es seit der Zeit kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gibt und der keine exakte Definition hat. Es gibt über 100 Definitionen und diese sind in der Regel interessengeleitet. Interessen zu haben, das ist zwar gut, aber diese müssen explizit ausgesprochen werden, damit man sie klug aushandeln kann.

Wenn die Politik eine Kompromiss-Definition des Wortes Künstliche Intelligenz formuliert, mag das für das parlamentarische Leben hilfreich sein, muss aber mit der Wirklichkeit noch lange nicht übereinstimmen. Wenn eine Hochschule eine eigene für die Studierenden verbindliche Definition formuliert, muss diese nicht zwangsläufig der industriellen Welt entsprechen. Das heißt, es gibt nicht die interdisziplinäre, gemeinsam von Gesellschafts- und Technikwissenschaften vereinbarte Definition von Künstlicher Intelligenz. Folglich existiert eine Vielzahl unterschiedlicher und zumeist fachspezifischer Definitionen und Erwartungshaltungen zum Thema KI.

Warum ist eine einheitliche Definition von KI ist wichtig?

Um Missverständnisse zu vermeiden und sicherzustellen, dass alle Beteiligten auf derselben Seite stehen, nicht aneinander vorbeireden und falsche Erwartungen wecken. Durch eine klare und vor allem interdisziplinäre Definition von KI können Unternehmen sicherstellen, dass alle Beteiligten dasselbe Verständnis haben und auf dieselben Ziele hinarbeiten. Es trägt dazu bei, Missverständnisse zu vermeiden und die Implementierung von KI zu erleichtern. Auch die juristische Definition ist noch strittig. Für Betriebs- bzw. Dienstvereinbarungen bedarf es aber auch rechtlicher Klarheit.

Ihr habt zur Einführungsstrategie einen konkreten Entwurf vorgelegt.

Wir beziehen uns hier auf ein Konzept aus dem Jahr 2003, das im Rahmen eines Projekts des Bundeswirtschaftsministeriums entstanden ist. Im Programm Mensch-Technik-Interaktion in der Wissensgesellschaft wurde damals diskutiert, dass die algorithmischen Steuerungs- und Entscheidungssysteme in Assistenz- und Delegationssysteme unterteilt werden müssen. Ich halte die Unterscheidung für eine der sinnvollsten Grundlagen, um eine logische und effektive Nutzung von sogenannter „Künstlicher Intelligenz“ zu gewährleisten. Auf dieser Grundlage haben wir einen „FST-Mitbestimmungsplan“ samt „FST-Checkliste“ erarbeitet.

Was bedeutet Assistenz- und Delegationstechnik genau?

Kennzeichen der Delegationstechnik ist die softwaretechnisch entstandene Möglichkeit, einen rechtsverbindlichen Vorgang (Transaktion) auf ein IT-System zu übertragen, zu delegieren. Dabei wechselt die Handlungsträgerschaft Mensch hinüber in eine Handlungsträgerschaft autonomer Softwaresysteme. Das bevollmächtigte algorithmische System wird ermächtigt, jenseits des Menschen verbindliche Entscheidungen zu treffen. Dies unterscheidet Delegationstechnik von Assistenztechnik.

Der Begriff der „Assistenztechnik“ entstammt schon der analogen, vordigitalen Zeit. Insbesondere in Fertigungs- und Produktionsverfahren wurde Technik gewünscht, die den Menschen im Arbeitsvorgang im Maschinen-, Anlagen-, Werkzeug- und Automobilbau entlastet. Das Heben, Drehen und Wenden schwerer Bauteile sollte auf assistierende Geräte und mechanisch-automatisierte Systeme übergeben werden. Mit der zunehmenden Einführung von digitalen Lösungen wurde der Begriff „Assistenztechnik“ im Bereich des Wohnens und der Unterstützung von älteren Menschen in ihrem Zuhause bei der Gesundheitsprävention neu aufgegriffen. Im „Smart Home“ sollte Assistenztechnik mehr Sicherheit und verbesserte Betreuung erbringen. Ein digitaler Notrufknopf und technische Lösungen bei Bewegungen wie zum Beispiel im Bad oder beim Treppensteigen gaben dem Menschen mehr Wohnqualität. In der Digitalisierung des Büro- und Verwaltungswesens trugen assistierende Software-Werkzeuge zur Erleichterung des Arbeitens bei. Kennzeichen jeder Assistenztechnik ist es, dass die Entscheidung über die Nutzung und Handhabung der Technik beim handelnden Menschen liegt. Es gilt die Handlungsträgerschaft Mensch. Gut und einvernehmlich gestaltete Assistenztechnik fördert die Humanisierung der Arbeit.

Ist diese Unterscheidung in der Arbeitsrealität bereits angekommen?

Leider müssen wir erkennen, dass die Presse- und Marketing-Abteilungen von Verbänden und Institutionen an dieser Unterscheidung wenig Interesse haben, weil der Marketing-Begriff Künstliche Intelligenz auf der Verkaufsebene besser ankommt als die etwas sperrigen Begriffe Assistenztechnik oder Delegationstechnik, die wenig kommunikativen Charme haben. Bei „KI“ denken doch viele an freilaufende Roboter, die durch den Wald hüpfen und selbstständig denken und handeln.

Warum ist ein prozessorientierter Ansatz entscheidend?

Es ist wichtig, Lösungen von unseren betrieblichen Prozessen ausgehend zu entwickeln und dann neue Technologien zu integrieren. Obwohl in vielen IT-Teams kluge und kompetente Leute Lösungen entwickeln, passen diese oft nicht zu den betrieblichen Abläufen. IT-Teams erwarten, dass die Unternehmen ihre Abläufe an die Laborprojekte anpassen. Solange dieser Perspektivwechsel nicht stattfindet, werden weiterhin Technikruinen und wilde Laborprodukte entwickelt, die aber nicht funktionieren, da sie keinen Bezug zu den Prozessen haben. Marketingabteilungen verschwenden so unter dem KI-Logo Geld, Energie und Erwartungen. Das schadet allen Beteiligten.

Die Einführung von Delegationstechnik erfordert eine besondere Herangehensweise …

Ein wesentlicher Teil der Delegationstechnik kann sich durch Anwendung selbst verändern, was bei Assistenztechnik in der Regel nicht der Fall ist. Dies verlangt andere Prozesse, bzw. eine exakte Prozessorientierung. Man kann nicht sagen: Wir führen Delegationstechnik jetzt mal in der Kommunalverwaltung ein. Das mag für einen Vertriebler vielleicht gut klingen, für die unmittelbare Einführung vor Ort benötige ich jedoch exakte Prozesse. Hier brauche ich das Erfahrungswissen der Menschen, die die Prozesse bisher durchgeführt haben. Ich muss mit ihnen gemeinsam Verbesserungen der Arbeitsabläufe erarbeiten und dann die IT-technischen Mittel identifizieren. Für die Einführung von Delegationstechnik wird deshalb ein neues Format notwendig, das wir moderierten Spezifikationsdialog nennen.

Warum ist das unverzichtbar?

Ein moderierter Spezifikationsdialog ist ein strukturierter Prozess, bei dem Vertreter:innen aus verschiedenen Bereichen zusammenkommen, um die Anforderungen und Spezifikationen für die Implementierung von KI zu diskutieren und festzulegen. Das Erfahrungs- und Prozesswissen trifft auf das Fach- und Sachwissen der IT-Seite. Diese Dialoge werden in der Regel von einem externen Moderator geleitet, der sicherstellt, dass alle Stimmen gehört werden und dass der Prozess fair und transparent abläuft. Hier können Teilnehmende ihre Bedenken und Anliegen äußern und gemeinsam Lösungen finden. Auf diese Weise können Unternehmen erreichen, dass die Implementierung von KI erfolgreich verläuft und dass alle Beteiligten mit dem Ergebnis zufrieden sind.

InfoBox:

Link zu den Gestaltungshilfen des „Forum Soziale Technikgestaltung“

Zehn „KARL-kurzimpulse“: Praxistipps in Alltagssprache und Handlungsempfehlungen in Videoform zur erfolgreichen Einführung sogenannter „Künstlicher Intelligenz“ – FST-Vorschläge an die jeweiligen Sozialpartner

ELSA bei KI-Einführungen – Leitfaden zu ethischen, rechtlichen und sozialen Aspekten

Über Welf Schröter

Der Mitbegründer und ehrenamtlicher Leiter des Personennetzwerkes „Forum Soziale Technikgestaltung“ (FST) (gegründet 1991; heute bestehend aus 5000 Frauen und Männern aus Betriebs- und Personalräten sowie Belegschaften) ist eine herausragende Figur in der deutschen Technologielandschaft, der sein profundes Wissen über IT und die Informationsgesellschaft in vielfältigen Gremien und Projekten einsetzt. Als Gründer und treibende Kraft des Forums Soziale Technikgestaltung (FST) beim DGB in Baden-Württemberg hat er über drei Jahrzehnte lang innovative Lösungsansätze für Herausforderungen der digitalen Ära entwickelt. Seine unkonventionelle Herangehensweise und sein Engagement für die Gestaltung von Technologie zur Schaffung qualitativer Arbeitsplätze machen ihn zu einem wichtigen  Impulsgeber in Debatten über künstliche Intelligenz und Digitalisierung.
URL: www.blog-zukunft-der-arbeit.de
Kontakt: schroeter@talheimer.de

Das Kompetenzzentrum KARL ist eines von derzeit 13 regionalen Kompetenzzentren, die sich mit den Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf die Lern- und Arbeitswelt beschäftigen.

Mit KARL wurde in Karlsruhe eines von 13 regionalen Kompetenzzentren gegründet, um die Auswirkungen von KI auf die Themen Arbeit und Lernen mit und durch KI zu untersuchen. Ziel von KARL ist es, diese Auswirkungen erlebbar zu machen. Dazu werden reale Orte des Erlebens, Ausprobierens und Lernens geschaffen und miteinander vernetzt. Gleichzeitig dienen Pilotprojekte von Unternehmen, die wissenschaftlich begleitet werden, als Inspirationsquelle für Interessierte. Die Ergebnisse werden in den Demonstrationszentren präsentiert, in spezifischen Weiterbildungsangeboten für Fach- und Führungskräfte angeboten und in die einschlägigen Studiengänge der beteiligten Hochschulen integriert. Bei allen Arbeiten in KARL steht der Mensch im Mittelpunkt. Ein breiter gesellschaftlicher Diskurs soll angestoßen werden. Die Region Karlsruhe mit dem nationalen Digital Hub für angewandte KI und dem europaweit führenden IT-Cluster bietet dafür beste Voraussetzungen. Im Rahmen von KARL werden neun Forschungs- und Transferpartner sowie elf regionale Unternehmen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) bis 2025 mit knapp acht Millionen Euro gefördert.