Die erweiterte Realität als Technologie kommt immer öfter zum Einsatz in verschiedenen Branchen, was einen digitalen Wandel in den Einsatzgebieten vorantreibt. Diese innovative Technologie bietet auch großes Potenzial für die Handel- und Konsumgüterbranche, was das gesamte Kundenverhalten und Kauferlebnisse auf ein ganz neues Niveau bringen kann.

Die Einführung der erweiterten Realität (Augmented Reality, kurz AR) in die Handelsbranche hat dazu beigetragen, neue Möglichkeiten sowohl für die Vermarktung neuer Produkte als auch für die Verbesserung der Verkaufsstrategien zu entdecken und in die Realität umzusetzen. Es ist kein Wunder, dass immer mehr AR-Apps für iOS und Android auf den Markt kommen und diese Tendenz steigend ist. Auf welche Weise können sowohl Produkthersteller und Händler als auch Käufer schon heute davon profitieren und welche Herausforderungen noch auf dem Weg zum digitalen Wandel mittels der erweiterten Realität liegen, wird in diesem Artikel erklärt.

Wie funktioniert´s

Die computergestützte Erweiterung der realen Umgebung durch die Verbindung mit der Online-Welt ermöglicht es, auf einem Endgerät (AR-Brillen, Smartphones, Tablets und anderen mobilen Geräten) zusätzliche Informationen bereitzustellen und dadurch real präsentierte Kaufartikel visuell anzureichen. Das funktioniert über die Kamera, die in Endgeräte integriert ist, oder AR-Brillen. Beim Scannen eines Objektes oder einer Umgebung werden kontextbezogene Zusatzinformationen eingeblendet: Produktdetails, technische Spezifikationen (falls erforderlich), Bewertungen anderer Kunden, Verfügbarkeit vor Ort oder auf dem Lager, personalisierte Empfehlungen und vieles mehr. Um einen Zugriff auf Zusatzinformationen zu ermöglichen, sind Integrationen mit internen Systemen und Datenbanken erforderlich.

Während dedizierte AR-Brillen in dem B2B-Umfeld (in der Produktion, Logistik oder Wartungsarbeiten) zum Einsatz kommen, werden als Hardware in der Handelsbranche mobile Endgeräte wie Smartphones und Tablets genutzt, die Endkunden an den Point-of-Sale mitbringen. Aber es gibt eine Voraussetzung: Smartphones oder Tablets müssen leistungsstarke notwendige Hardwarekomponenten (wie Kamera, Prozessor und Display) enthalten, um den Anforderungen der erweiterten Realität gerecht zu werden. Gute Nachricht ist, dass neue Generationen dieser Voraussetzung immer mehr entsprechen.

Reale Anwendungsbeispiele

Die meisten realen Anwendungsbeispiele verfolgen ein sehr wichtiges Ziel: die menschliche Wahrnehmung durch fortschrittliche Technologien positiv zu beeinflussen. Durch den Einsatz der erweiterten Realität werden spannende Möglichkeiten angeboten, Interaktionen zwischen Kunden und Unternehmen zu verbessern und ganz neue Erlebnisse zu schaffen.

Erweiterte Umkleidekabinen

Mittels AR-Technologie verwandeln sich Smartphones und Tablets in virtuelle Umkleidekabinen. Die virtuelle Anprobe ermöglicht es, Kleidungsstücke, Schuhen, Outfits oder Accessoires virtuell zu testen, in wenigen Sekunden zu wechseln, auf unterschiedliche Art und Weise zu kombinieren und aus verschiedenen Blickwinkeln auf einem Display anzuzeigen. Es reicht aus, mithilfe einer Smartphone-Kamera den QR-Code eines erwünschten Artikels zu scannen, um zusätzliche Informationen zum jeweiligen Kleidungsstück zu erhalten und die virtuelle Anprobe anzufangen.

Neben der Möglichkeit Kleidungsstücke in gewünschten Farbe und Größe schnell zu finden und dann zu überprüfen, ob das gut sitzt oder nicht, bieten virtuelle Umkleidekabinen auch weitere Vorteile wie Zeit- und Aufwandeinsparungen sowie die Gelegenheit, Bilder aufzunehmen und an Freunde oder Verwandte sofort zu versenden. Zusätzlich dazu können Kunden mehr über Produkte direkt vor dem Einkaufen erfahren. All das ermöglicht, eine bessere und schnellere Kaufentscheidung nicht nur im Online-, sondern auch im stationären Handel zu treffen, was auch hilft, den Bestellungsprozess zu optimieren und die Anzahl von Rücksendungen deutlich zu reduzieren.

Was Einzelhändler erhalten

Erweiterte Umkleidekabinen haben wesentlich dazu beigetragen, Retourenquoten und damit verbundenen Kosten zu senken.

Virtuelle Platzierung und Einrichtung

Die erweiterte Realität verschafft Kunden visuelle Einblicke darin, wie Möbelstücke oder andere Wohn-Accessoires in den Räumen von Kunden platziert werden können. Die Idee ist einfach: mittels einer AR-App wird das Zimmer (oder eine Stelle in der Wohnung, wo ein Möbelstück stehen soll) eines Kunden gescannt. Dann gibt’s 2 Varianten: entweder ein Möbelstück in einem Möbelgeschäft auszumessen und ein 3D-Modell zu erzeugen, oder das gewünschte Möbelstücke aus dem Online-Katalog herunterzuladen. Mithilfe einer AR-App kann das Model in dem Zimmer des Kunden virtuell platziert, dort gedreht und gewendet werden. Das ermöglicht, es auf dem Bildschirm von allen Seiten zu sehen und zu entscheiden, ob das gewählte Möbelstück ja nach Farbe, Form, Größe ins Zimmer passt oder nicht. Eine AR-App kann auch intelligente personalisierte Vorschläge machen und andere passende Modelle präsentieren oder vom Kunden aufgenommene Bilder als Muster einsetzen, um ähnliche Produkte nach seinem Geschmack anzubieten.

Einige Apps schaffen Abhilfe nicht nur bei der Platzierung einzelner Möbelstücke, sondern auch beim Designen und Umbauen des ganzen Zimmers ab. Es geht um die Auswahl von Teppichen, Farben, Fußböden aus verschiedenen Katalogen, was auch ermöglicht, dank der räumlichen 3D-Darstellung den ersten Eindruck zu erhalten und eine bestmögliche Kaufentscheidung zu treffen.

AR-Apps unterstützen Kunden nicht nur beim Einkaufen, sondern auch beim Einrichten von gekauften Artikeln. Anschauliche Möbel-Aufbauanleitungen helfen Möbelstücke zusammenbauen, indem sie durch die 3D-Darstellung visualisieren, in welcher Reihe welches Bauteil hinkommt.

Was Einzelhändler erhalten

Die virtuelle 3D-Darstellung ermöglicht es, eine breite Palette von Möbelstücken online zu präsentieren, die begrenzte Verkaufsfläche zu erweitern, die Vorstellungskraft von Kunden anzuregen und dadurch die Kaufentscheidung zu unterstützen. Es wird prognostiziert, dass diese fortschrittliche Technologie zukünftig den Bedarf an physischen Räumen deutlich reduzieren kann.

AR-gestützte Navigation und Beratung

Eine AR-App kann die Rolle eines virtuellen Assistenten spielen. Wichtig ist es, dass diese Darstellung in Echtzeit erfolgt, sodass Kunden Ihre Kaufentscheidungen schneller treffen können. Die Kundenreise beginnt damit, dass eine AR-App bei der Suche nach einem bestimmten Artikel (oder mehreren Artikeln aus einer Einkaufsliste) unterstützt und entweder durch die die Regalreihen in einem Geschäft führt, in dem sich ein Kunde momentan befindet, oder den Weg zu anderen Filialen zeigt, wo das erwünschte Produkt vorhanden ist. Danach wird ein Produkt oder sogar ein Regal gescannt. Nach der Verarbeitung der gescannten Bilder werden zusätzliche Informationen eingeblendet.

Es geht dabei nicht nur um einen Zugriff auf zusätzliche Informationen über erwünschte Produkte, sondern auch darum, dass Kunden mit wenigen Klicks personalisierte Angebote und individuell zugeschnittene Empfehlungen auf ihrem Bildschirm visuell dargestellt erhalten. Um Angebote zu personalisieren, sollten Kunden ein Profil in der App eines Einkaufszentrums erstellen und sich anmelden. Sobald der Kunde das entsprechende Kaufhaus betritt, werden auf der Grundalge seiner Vorlieben, der getätigten Einkäufe und anderen Informationen aus dem Profil personalisierte Angebote gemacht.

Was Einzelhändler erhalten

Eine Möglichkeit, jeden einzelnen Kunden direkt anzusprechen und durch personalisierte Empfehlungen von verwandten oder passenden Produkten das Up- und Cross-Selling zu verbessern.

Gibt es Herausforderungen?

Die Tatsache ist, dass die reine Einführung der erweiterten Technologie keinen hundertprozentigen Erfolg garantiert. Obwohl das Interesse von Kunden an der erweiterten Realität generell hoch ist, gibt´s einige Faktoren, die bei der Umsetzung der fortschrittlichen Strategie zur Kenntnis genommen werden müssen. Nachfolgend sind nur einige davon aufgezählt:

  • Es ist ziemlich aufwändig, Produkte in die erweiterte Realität zu bringen. Die Kosten für die Integration von AR-Apps liegen auf einer Seite. Auf anderer Seite sind vielfältige Vorteile, die diese einflussreiche Technologie mit sich bringt: gesteigerte Kundenzufriedenheit sowie Kundenbindung durch personalisierte Ansprache und Kundeerlebnisse, reduzierte Retourenquote durch virtuelle Anproben, neue Möglichkeiten für die Vertriebsunterstützung durch die innovative Form Informationsdarstellung am Point-of-Sale (POS) und mehr. Die meisten Unternehmen haben mit einem Pilotprojekt gestartet, um Chancen und Risiken abzuwägen und eine richtige Entscheidung zu treffen.
  • Das Thema Datensicherheit ist immer noch aktuell. Für die Personalisierung von Angeboten sind kundenbezogene Daten erforderlich. Deshalb ist es wichtig, eine ganzheitliche IT-Sicherheitsstrategie von Anfang an zu erarbeiten, um einen zuverlässigen Zugriff zu ermöglichen und die Einhaltung der Sicherheitsstandarts zu gewährleisten. Erkannte Risiken und rechtzeig ergriffene Sicherheitsmaßnahmen helfen den Diebstahl oder Verlust von Daten zu vermeiden.
  • Einzelhändler sollten Ihre Kunden kennen, um einen echten Mehrwert zu schaffen. Es ist wichtig, das Verhalten und die Bedürfnisse der Zielgruppe zu verstehen, um durch die AR-Apps einen echten Mehrwert zu schaffen. Die intuitive Bedienbarkeit sowie Benutzerfreundlichkeit der AR-Apps sollten nicht vernachlässigt werden. Endbenutzer sollten Ihr Ziel mit minimalem Aufwand und möglichst angenehmen Erlebnissen beim Umgang mit AR-Apps erreichen. Es ist von großer Bedeutung für jeden einzelnen Fall zu entscheiden, wann, wie viel und welche zusätzlichen Informationen eingeblendet werden müssen, um Kunden nicht zu überfordern (das kann eine Gegenwirkung haben), sondern bei der Kaufentscheidung zu unterstützen. Eine tiefe Analyse und Forschung von bestehenden und potenziellen Kunden können dabei eine Hilfe abschaffen.

Fazit

Es ist zweifellos, dass AR-Anwendungen die Handelsbranche immer mehr durchdringen. Wir leben in den Zeiten, in denen die Verwendung von AR-Apps beim Einkaufen als etwas ganz Selbstverständliches angenommen wird. Marktführer haben schon das Potenzial der erweiterten Realität erkannt und darin investiert, um die Wahrnehmung bei den Kunden gezielt zu beeinflussen und die Kundenbindung zu verbessern. Werden die Herausforderungen, vor denen die Handelsbranche beim Einsatz dieser Zukunftstechnologie steht, zur Kenntnis genommen und behoben, kann das Potenzial der erweiterten Realität im vollen Umfang ausgenutzt werden und noch bessere Kundenerlebnisse anbieten.

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Boris Shiklo
Boris Shiklo, technischer Geschäftsführer bei ScienceSoft, hat seine Karriere als C ++ und Datenbankentwickler begonnen. Seit 2003 bis heute ist er für eine langfristige technologische Vision des Unternehmens und die Entwicklung von Innovationsstrategien verantwortlich.