Die Digitalisierung hat in zahlreichen Branchen zu Veränderungen geführt. Vieles ist einfacher geworden – und dennoch hat jede Entwicklung auch ihre Schattenseiten. Wir haben mit Michael Maurer, dem stellvertretenden Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung, über die Bedeutung der Tageszeitung und über die Veränderungen im Verlagswesen im digitalen Zeitalter gesprochen

Herr Maurer, Sie haben in den frühen 1980er-Jahren angefangen bei der Stuttgarter Zeitung als freier Mitarbeiter zu arbeiten. Was war damals anders?

Zu diesem Zeitpunkt kamen zwar bereits Computer zum Einsatz, aber das waren keine PCs, wie wir sie heute kennen. Im Prinzip waren es nur „Terminals“, also Monitore, die mit einem Zentralrechner verbunden waren. Zeitungen wurden immerhin in den meisten Verlagshäusern nicht mehr im Bleisatz gemacht, diese Zeiten waren Anfang der 1980er schon vorbei. Damals arbeiteten wir mit dem Klebe-Umbruch, sprich man hat die Seiten auf einer Art Filmpapier ausgedruckt und in der Montage zusammengeklebt.

Was damals anders war, war die Art und Weise, wie wir zu unseren Inhalten gekommen sind. Das Telefon spielte dabei eine entscheidende Rolle, aber auch ein gut geführtes Archiv und andere Zeitungen waren bei der Recherche wichtig.

Heute würde man das Arbeiten Anfang der 1980er-Jahre wohl als entschleunigt bezeichnen, zugleich aber auch in vielerlei Hinsicht mühsamer, vor allem was die Informationsbeschaffung betraf.

Wie haben Korrespondenten und Sportreporter zum damaligen Zeitpunkt gearbeitet? Immerhin konnten sie sich nicht mit ihrem Notebook hinsetzen und ihre Texte übermitteln.

Zum Teil wurde noch mit Schreibmaschinen gearbeitet. Mitte der 1980er gab es dann aber schon Olivettis mit Tastatur und achtzeiligem Terminal-Bildschirm, sozusagen die Vorläufer vom heutigen Notebook. Die Textübermittlung fand über Modem und Koppler statt: Man hat sich über eine Nummer eingewählt und dann das Telefon auf den Koppler geschnallt. Nun wurden die Texte unglaublich langsam über akustische Signale übertragen.

Natürlich gab es aber gerade in Stadien auch noch den Fall, dass Texte ganz einfach „reintelefoniert“ oder gefaxt wurden.

Wie haben das Internet und die Digitalisierung den Journalismus verändert?

Natürlich ist vieles einfacher geworden, vor allem die Informationsbeschaffung. Der Horizont, den man hat, ist deutlich weiter. Man kann sich viel schneller aus viel mehr Quellen informieren. Man bekommt aber auch viel mehr Feedback und Input von außen. Zudem haben sich durch die Digitalisierung zahlreiche Abläufe beschleunigt.

Als Tageszeitung merken wir aber vor allem, dass sich unsere Funktion dramatisch gewandelt hat. Wir sind nicht mehr der Erstlieferant für Nachrichten, sondern allenfalls noch der Zweitlieferant. Von uns erwarten die Leser heutzutage in erster Linie Hintergründe, Analysen und Kommentare – zumindest was das Print-Produkt betrifft.

Daraus ergeben sich natürlich auch Veränderungen innerhalb der Redaktion. Wir sind heutzutage keine Print-Organisation mehr, sondern eine Multi-Kanal-Organisation. Es geht dabei vor allem darum, unseren Lesern die richtige Information zur richtigen Zeit auf dem richtigen Kanal zu präsentieren. In diesem Kontext spielt Print natürlich noch eine Rolle, aber unsere digitalen Kanäle werden zunehmend wichtiger.

Tageszeitungen haben schon seit Jahren Probleme damit, junge Leute zu erreichen. Ist das durch die digitalen Kanäle einfacher geworden?

Es kommt immer darauf an, wie man „jung“ definiert, aber generell bleibt es ein Problem. Bestimmte Altersschichten können wir mit unseren Marken – unabhängig vom Kanal – nur ganz schwer als Leser oder User gewinnen. Der durchschnittliche Tageszeitungsleser ist heutzutage um die 60, während auf den Online-Kanälen das Durchschnittsalter bei etwa 40 liegt. Meiner Meinung nach gibt es nach unten aber auch Grenzen, denn die 14- bis 19-Jährigen erreichen wir auch über die digitalen Kanäle so gut wie nicht. Zumindest noch nicht.

Die Verlagsbranche zeigt sich ja auch durchaus experimentierfreudig, beispielsweise mit News via WhatsApp. Welche Erfahrungen haben Sie damit bislang gemacht?

Alles was sich im Digitalbereich tut, hat einen hohen experimentellen Charakter. Wir müssen als traditionelle Medienhäuser einfach in der Lage sein, auch auf diesem Markt mitzumischen. Das geht nur, wenn man viel ausprobiert und schnell ist. Daran hat es in den vergangenen Jahren sicherlich in den Verlagshäusern gemangelt.

Für uns ist es sehr wichtig, dass wir über alle möglichen Kanäle – sei es nun Facebook, Twitter, WhatsApp oder Snapchat – an unsere Leser herantreten und dort präsent sind.

Abschließend noch der Klassiker: Denken Sie, dass wir in 20 Jahren noch die gedruckte Zeitung lesen werden?

Mit Prognosen ist das immer so eine Sache. Wenn die Prognosen von früher eingetreten wären, gäbe es uns ja schon lange nicht mehr. Insofern ist das alles immer recht spekulativ. Ich persönlich glaube, dass es die Zeitung auch noch in 20 Jahren geben wird, da es immer eine Klientel geben wird, welche die Zeitung auf Papier lesen will und darauf Wert legt. Die Frage ist, wie groß diese Klientel dann noch ist und wie viel diese Leute bereit sind, dafür zu bezahlen.

In jedem Fall werden sich die Anteile künftig weiter verschieben. Die gedruckte Auflage wird wohl weiter sinken, während die Reichweite unserer Marken im digitalen Bereich weiter steigen wird. Aber hier wird ganz entscheidend sein, ob es den Verlagen gelingt, hochwertigen Journalismus als kostenpflichtiges Angebot im Digitalbereich dauerhaft zu verankern und durchzusetzen.

wir über uns

Michael Maurer, 56 Jahre alt; Volontariat bei der Schwäbischen Zeitung, danach Studium der Politikwissenschaft und Geschichte in Stuttgart mit Abschluss Magister; seit 1988 Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung, erst im Sport, dann als Chef vom Dienst und seit 2009 stellvertretender Chefredakteur; seit April 2016 in der Gemeinschaftsredaktion von StZ und StN Leiter des StZ-Titelteams, verantwortlich für die Titelseite, Tagesthema und Dritte Seite der StZ. 

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