Ist autonomes Fahren bald in Karlsruhe möglich? Unter der Leitung des FZI Forschungszentrum Informatik bewirbt sich ein Konsortium aus der Stadt Karlsruhe, der Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft, der Stadt Bruchsal, dem KIT und dem Fraunhofer IOSB beim Land darum, Teststrecken in der Region mit Anbindung bis nach Heilbronn und Stuttgart einzurichten. Auf diesem Testfeld können Firmen und Forschungseinrichtungen autonomes Fahren im alltäglichen Straßenverkehr erproben. Mit dem aktuellen Beschluss des Gemeinderats Karlsruhe und der Partner wurden die notwendigen Eigenmittel für das auf insgesamt 4,6 Millionen Euro veranschlagte Projekt freigegeben.

„Karlsruhe hat als TechnologieRegion beste Voraussetzungen für ein Testfeld zum vernetzten und automatisierten Fahren: Hier ist nicht nur große Kompetenz in der IKT vorhanden – sowohl in der Forschung als auch in der Wirtschaft –, sondern es gibt auch starke Mobilitätsanbieter, -dienstleister und Technologieanbieter, die alle Berührungspunkte zur Mobilität haben und in die Entwicklung einbezogen werden wollen“, stellt Professor Dr.-Ing. J. Marius Zöllner fest, Vorstand des FZI Forschungszentrum Informatik und Professor am KIT. „Wir wollen unsere Erfahrung aus über 30 Jahren interdisziplinärer Forschung an autonomen Systemen einbringen und das Karlsruher Testfeld zusammen mit den Partnern vorantreiben.“

Professor Dr. Christian Holldorb vom Institut für Verkehrsplanung und Infrastrukturmanagement an der HS Karlsruhe fügt hinzu:„Die Entwicklung hochautomatisierter und autonomer Fahrzeuge wird in Zukunft auch neue Chancen eröffnen, die Verkehrssicherheit und -qualität deutlich zu steigern. Sie können dazu beitragen, die Umweltbeeinträchtigungen durch den Verkehr weiter zu reduzieren. Hierzu ist es erforderlich, die Wechselwirkungen mit der Straßeninfrastruktur und dem Straßenumfeld systematisch zu analysieren, wofür das vorgesehene Testfeld ideale Rahmenbedingungen schafft.“

Autonomes Fahren effektiv erproben

Über das Testfeld sollen Fahrzeugsysteme für automatisiertes und vernetztes Fahren im realen Straßenverkehr getestet und entwickelt werden. Hier können Anwendungen für die zukünftige Mobilität erprobt werden, etwa automatisiertes Fahren von Autos, Bussen oder Nutzfahrzeugen wie Straßenreinigung oder Zustelldienste. Zudem ließen sich die regulatorischen und rechtlichen Rahmenbedingungen fortschreiben. Die Schaffung eines Testfelds wird dazu beitragen, dass technologische Lösungen im Umfeld der Digitalisierung der Mobilität effektiv erprobt werden können, etwa smarte Zusatzdienste oder Datenschutz. Durch ein frei zugängliches Testfeld werden insbesondere kleine und mittlere Unternehmen profitieren und die Niederlassung von Firmen aus dem Mobilitäts- und IKT-Sektor wird begünstigt.

Autonomes Fahren
Geplant ist Verkehrsflächen unterschiedlichster Art für das autonome Fahren vorzubereiten. (Bild neyro2008/Thinkstock)

Mit den beantragten Mitteln ist geplant, Verkehrsflächen unterschiedlichster Art für das automatisierte und vernetzte Fahren vorzubereiten. Dazu werden hochgenaue 3D-Karten erzeugt sowie Sensoren zur Echtzeiterfassung des Verkehrs und dessen Einflussfaktoren installiert. Die Daten werden aufgearbeitet und dann den Nutzern des Testfelds zur Verfügung gestellt. Weiterhin erhalten die Nutzer Informationen über die Schaltungen der Ampeln und die Bewegungen im Bus-, Stadt- und Straßenbahnverkehr. Es sollen Funkstrecken und langfristig neueste Telekommunikationstechniken eingerichtet werden, um eine robuste Datenübertragung von und zu den Fahrzeugen sicherzustellen.

Vorhandene Straßeninfrastruktur soll genutzt werden

Die Strecken des Testfelds werden von urbanen Bereichen mit gemischtem Fahrzeug-, Fahrrad- und Fußgängerverkehr, über innerstädtische Tempo-30- und Tempo-50-Zonen, städtische Parkhäuser, Wohngebiete, Landes- und Bundesstraßen bis hin zu Autobahnabschnitten alle relevanten Straßentypen umfassen. Zu den geplanten Testzonen und -strecken zählen die drei Campusse des KIT, die Oststadt, der Hauptbahnhof und südliche Stadtteile, verbindende Straßen sowie Autobahnstrecken bis Stuttgart und Heilbronn. Angebunden werden auch der Forschungscampus Bruchsal sowie die Testfelder für automatisierte Logistik und Nutzfahrzeuge in Bruchsal und Heilbronn.

Autonomes Fahren
Zu den geplanten Testzonen und -strecken zählen die drei Campus des KIT, die Oststadt, der Hauptbahnhof und südliche Stadtteile, verbindende Straßen sowie Autobahnstrecken bis Stuttgart und Heilbronn. (Bild: FZI auf Basis Map data © OpenStreetMap contributors, tiles GIScience Research Group @ Heidelberg University)

Im Testfeld soll die vorhandene Straßeninfrastruktur genutzt werden. Für nicht am Testbetrieb beteiligte Verkehrsteilnehmer und Anwohner ergeben sich keine Änderungen oder Einschränkungen bei der Nutzung der Straßen. Erkennbar sein werden eventuell zusätzlich im Verkehrsraum zu installierende Sendeantennen für WLAN und Mobilfunk sowie Sensoren, die ausschließlich nicht personenbezogene Daten erheben. Der Testbetrieb wird über eine Leitstelle koordiniert und von dort überwacht. Die Testfahrzeuge sind mit aufwändiger Sicherheitstechnik ausgestattet und es ist bei der Erprobung gemäß geltender Vorgaben immer ein Sicherheitsfahrer im Fahrzeug. Darüber hinaus soll ein Internetportal eingerichtet werden, über das sich Bürgerinnen und Bürger über die Beschaffenheit und Ausstattung der Testfelder und -strecken informieren können und über das sie einen einfachen Zugriff haben auf beispielhaft ausgewählte Daten aus der Messtechnik.

Konsortium besteht aus sechs Partnern

Das Konsortium bestehend aus der Stadt Karlsruhe, dem FZI Forschungszentrum Informatik, dem Karlsruher Institut für Technologie, der Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft, dem Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB und der Stadt Bruchsal sowie weiteren assoziierten Partnern bewirbt sich auf die Fördergelder des Landes Baden-Württemberg für den „Aufbau eines Testfelds zum vernetzten und automatisierten Fahren“.

Das Konsortium plant Eigenmittel von rund 1,1 Millionen Euro in das Projekt einzubringen. Assoziierte Partner und Industriepartner steuern über eine Million Euro bei. Für Konzeption, Planung und Ausbau des Testfelds stellt das Ministerium für Finanzen und Wirtschaft dem Konsortium, das den Zuschlag erhält, 2,5 Millionen Euro zur Verfügung. Mit dem Aufbau des Testfelds soll noch dieses Jahr begonnen werden; der Betrieb soll 2017 starten. Über die Ausschreibung soll ein technologieoffenes und einzelunternehmensunabhängiges Testfeld für das vernetzte und automatisierte Fahren in Baden-Württemberg entstehen.

Nachhaltigkeit verwirklichen

Der Gemeinderat der Stadt Karlsruhe ist bereit, für das Projekt insgesamt 190.000 Euro zur Verfügung zu stellen. Einem entsprechenden Antrag hat das Gremium am 26. April 2016 zugestimmt. Diese Mittel sollen unter anderem in die für den Betrieb des Testfelds notwendige Aufrüstung von Ampelsystemen und in den Ausbau von KA-WLAN fließen. Außerdem erteilt die Stadt Karlsruhe die für das Testfeld notwendigen straßenrechtlichen Genehmigungen. Die Aufgaben der Testfeld-Betreibergesellschaft soll der Karlsruher Verkehrsverbund übernehmen. Und die Verkehrsbetriebe Karlsruhe wollen ein mögliches Testfeld für Forschungszwecke nutzen. Geplant ist, autonom fahrende Elektro-Mini-Omnibusse zu erproben.

Auch die Stadt Bruchsal beabsichtigt, das Testfeld als Partner des Konsortiums zu unterstützen. Sie leistet Vermessungs- und Ausbauarbeiten an den Teststrecken. Darüber hinaus haben die Energie- und Wasserversorgung Bruchsal GmbH und die Regionale Wirtschaftsförderung Bruchsal GmbH, an denen die Stadt beteiligt ist, Interesse an einer Mitwirkung bekundet. In Bruchsal hat auch das Institut für Energieeffiziente Mobilität der Hochschule Karlsruhe seinen Sitz.

Es verfügt über einen leistungsfähigen Prüfstand, an dem Fahrzeuge gewartet werden können. Das Areal der ehemaligen Dragonerkaserne soll ebenfalls in das Testfeld eingebunden werden. Hier entsteht in den nächsten Jahren das europaweit einmalige Innovationszentrum „efeuCampus“, für das sich die Stadt Bruchsal, SEW-EURODRIVE, Hochschule Karlsruhe, KIT, FZI und weitere Partner erfolgreich um Fördermittel von Land und EU beworben haben.

Die Region Karlsruhe zeichnet aus, dass die Akteure aus Informationstechnik und Mobilität bereits in verschiedenen Netzwerken zusammen arbeiten, etwa mit dem CyberForum, der TechnologieRegion Karlsruhe, dem Technologiepark, der Profilregion Mobilitätssysteme, dem Tech Center a-drive, dem Projekthaus e-drive, RegioMove und dem cluster Elektromobilität Süd-West.

Quelle: HS Karlsruhe Technik und Wirtschaft