Als das Karlsruher Startup-Unternehmen Nubedian vor fünf Jahren an den Markt ging, konnten die ersten Kunden nur mit sehr viel Überzeugungskunst für den Kauf einer entsprechenden Software zur besseren Datenverarbeitung in der Pflegebranche begeistert werden.

„Inzwischen hat sich aber vieles geändert und mittlerweile haben einige der Verantwortlichen aus Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen die Notwendigkeit für digitale Anwendungen in der Medizinbranche erkannt„, sagt Nubedian-Geschäftsführer Matthias Schmon. Wegen der steigenden Nachfrage hat die Softwareschmiede aus der Fächerstadt nicht nur die Zahl seiner Mitarbeiter auf aktuell 17 erhöht, sondern auch die Produktpalette kontinuierlich ausgebaut. Das neueste Produkt von Nubedian namens CareMH sorgt für die Übertragung wichtiger Daten von chronisch kranken Menschen an die behandelnden Ärzte. „Durch den regelmäßigen Datenabgleich können die Krankenhausbesuche effizienter geplant werden“, sagt Schmon, „und dadurch werden die Verwaltungskosten reduziert und gleichzeitig wird die Sicherheit für die Patienten erhöht“.
Mit seinem Optimismus spiegelt Schmon auch Ergebnisse einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger wieder. Die Roland Berger-Experten rechnen bei der digitalen Transformation des Gesundheitsmarkts nämlich mit einem Wachstum von jährlich 21 Prozent bis zum einem weltweiten Marktvolumen von über 200 Milliarden Euro im Jahr 2020. In Europa kann laut dieser Studie vor allem die Gründerszene von dieser Entwicklung profitieren und mit innovativen Geschäftsmodellen auf einem lukrativen Markt Fuß fassen.

Innovative Startups geben den Takt vor

Doch während ein junges Unternehmen wie Nubedian selbstbewusst nach vorne schreitet und mit Hochdruck an der Umsetzung von innovativen Konzepten arbeitet, geht die Digitalisierung der Medizinbranche in vielen anderen Bereichen nur sehr schleppend voran. „Digitale Startups haben nichts zu verlieren und setzen alles auf eine Karte“, sagt Pressesprecher Manfred Beeres vom Bundesverband Medizintechnologie (BVMed), doch die zahlreichen angestammten Lieferanten aus der Branche würden der Umstellung auf eine Medizin 4.0. teilweise mit sehr viel Zurückhaltung begegnen. Ein Grund dafür sind für Beeres die strengen deutschen Datenschutzrichtlinien. „Der Datenschutz stellt für viele Anbieter ein Problem dar“, sagt Beeres, denn teilweise seien die wichtigsten Fragen zur Verwendung und Verbreitung der in der Medizin generierten Daten noch nicht eindeutig geklärt. Außerdem seien in Deutschland selbst für den Einsatz einer Medical App zur Übertragung von medizinischen Daten langwierige Genehmigungsverfahren erforderlich.

„Chancen nutzen und Risiken minimieren“

Ein weiterer Grund für die schleppende Digitalisierung ist laut Beeres das mangelnde Expertenwissen bei Herstellern und Kunden von medizintechnischen Produkten. „In Deutschland sind in der Medizinbranche noch viele mittelständische Unternehmen tätig und dort fehlen ebenso wie in den Krankenhäusern die Fachleute für die Digitalisierung“, sagt Beeres. Um sich Impulse für das schnellere Umsetzen der Digitalisierung und den Ausbau der Medizin 4.0. zu holen, sollten die Unternehmen deshalb auch über die Landesgrenzen hinausblicken. In Dänemark und anderen nordeuropäischen Ländern wird die Einführung von digitalen Lösungen in der Medizinbrache nämlich mit Hochdruck vorangetrieben. „Dort wird vor allem über die Chancen durch den technischen Fortschritt gesprochen, in Deutschland dagegen eher über die Risiken“, so Beeres. Deshalb sei auf Dauer wohl das Credo „Chancen nutzen und Risiken minimieren“ die richtige Strategie.

„Großkrankenhäuser haben andere Baustellen“

Die Innovationsbereitschaft von Kliniken ist nach Beeres` Einschätzung ebenfalls noch ausbaufähig. Auch Roland Berger spricht den Krankenhäusern die Innovationsbereitschaft weitgehend ab und laut einer weiteren Studie betrachtete nur jede zehnte Klinik Ausgaben für die IT als wichtiges Investitionsfeld. Gründe für die Zurückhaltung waren neben den Problemen beim Datenschutz vor allem die fehlenden finanziellen Mittel, das mangelnde Fachwissen, die Zusatzbelastung bei der Organisation sowie Widerstände in der Belegschaft. „Viele Großkrankenhäuser haben derzeit andere Baustellen“, betont Beeres. So steht auch im Städtischen Klinikum Karlsruhe derzeit vor allem die Modernisierung der Bestandsbauten auf der Agenda und der im Herbst präsentierte Palliativausweis für schwerkranke Patienten war keine smarte Codekarte, sondern ein simples Stück Papier zum Ausfüllen mit Bleistift und Kugelschreiber.

Behandlungszeit bei Hausärzten kann nicht minimiert werden

Bei vielen niedergelassenen Ärzten fristen digitale Anwendungen ebenfalls noch ein Schattendasein. Nach der Einschätzung von Franz Ailinger vom Vorstand des Hausärzteverbands Baden-Württemberg nutzen nur die Hälfte seiner Kollegen die elektronischen Patienten-Karteikarten und nur jeder zehnte Hausarzt setze bei der Terminvergabe auf elektronische Kalender. „Gerade bei Hausärzten kann die Wartezeit wegen der schwer prognostizierbaren Behandlungszeit sowie der täglichen Notfälle durch digitale Terminvergabe ohnehin kaum minimiert werden“, sagt Ailinger. Und bei sämtlichen anderen digitalen Anwendungen wie den Medical Apps zur regelmäßigen Überprüfung der Patienten sei für viele niedergelassene Ärzte der medizinische und wirtschaftliche Nutzen noch nicht klar ersichtlich. „Den Gang zum Arzt können solche Systeme letztlich nicht ersetzen“, sagt Ailinger. Deshalb steht er auch dem aktuellen Trend hin zu offen zugänglichen medizinischen Ratgebern im Internet eher skeptisch gegenüber. „Viele Patienten kommen mit einer vorgefertigten Meinung und medizinischem Halbwissen in die Praxen“, so Ailinger. „doch eine seriöse medizinische Diagnose ist oftmals viel komplexer als die Symptome vermuten lassen“.

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