Rund zehn Prozent der Weltbevölkerung lebt auf Inseln. Und zahlreiche dieser 700 Millionen Menschen beziehen ihre elektrische Energie noch aus Diesel-Generatoren. „Wo sich kein großes Kraftwerk lohnt, wird der elektrische Strom vor allem aus Diesel gewonnen „, weiß Thomas Walter. Der Geschäftsführer des Karlsruher Startups Easy Smart Grid möchte deshalb den Anteil von regenerativen Energiequellen auf Inseln sukzessive ausbauen und dadurch einen wichtigen Teil zum Gelingen der globalen Energiewende beitragen. Doch nicht nur auf Inseln herrscht nach Walters Einschätzung Nachholbedarf. „Auch in Deutschland könnte der Großteil der elektrischen Energie bereits regenerativ erzeugt werden“, sagt der Unternehmensgründer.

Idee zur Unternehmensgründung entstand auf den Malediven

Die Idee zum Aufbau eines eigenen Unternehms kam Walter, als er zwischen 2011 und 2014 im Auftrag der Marke Wirsol zur Installation von mehreren Solarmodulen auf den Malediven tätig war und von den Dimensionen der dortigen Dieselkraftwerke regelrecht überrascht wurde. „In Deutschland werden Dieselgeneratoren höchstens in einer abgelegenen Waldhütte ohne Anschluss ans öffentliche Stromnetz eingesetzt“, so Walter.

Auf Inseln würden damit allerdings ganze Städte und große Tourismuszentren mit Energie versorgt. „Allerdings ist mir auch sofort aufgefallen, dass die elektrische Energie aus den Dieselgeneratoren etwa doppelt so teuer war wie der Solarstrom“, so Walter. Auch wegen der Kostenersparnis stieß die Idee zum Ausbau der Photovoltaik bei der Inselbevölkerung auf eine überwiegend positive Resonanz. 2014 wagte Walter mit der Idee zum Aufbau von einfachen, intelligenten Stromnetzen (easy smart grids) den Sprung in die Selbständigkeit und noch im selben Jahr erhielt das Startup beim Ideenwettbewerb „EIT ICT Idea Challenge“ des Europäischen Instituts für Technologie (EIT) den dritten Preis in der Kategorie „Smart Energy Systems“. Im Oktober 2016 wurde Easy Smart Grid für eine Technologie zur Steuerung eines leistungsfähigen, kosteneffizienten und sicheren Energienetzes ein Europapatent erteilt.

„Strom muss bei Produktionsspitzen gespeichert und verbraucht werden“

Alleine mit der Installation von Solarmodulen oder Windrädern kann nach Walters Erkenntnissen nämlich noch nicht einmal auf sonnigen und windigen Inseln die Energiewende gelingen. „Wenn am meisten Strom produziert wird, muss der Strom auch gespeichert oder schnell verbraucht werden“, so Walter. Dafür müssten die Stromnetze über eine intelligente Steuerung verfügen und die Verbraucher entsprechend auf die Schwankungen bei der Energieproduktion reagieren. Ein wichtiger Anreiz sei deshalb ein möglichst transparenter Strompreis. „Dann stellen die Leute ihre Waschmaschine an oder laden ihr Auto auf, wenn der Strom am günstigsten ist“, so Walter. Mittlerweile haben Walter und seine Mitarbeiter Stefan Werner und Javier Gebauer schon mehrere Projekte auf den Azoren sowie in Griechenland und in Thailand initiiert. Wie solche dezentralen Energienetze funktionieren, machte Gebauer erst im Frühjahr bei seinem Vortrag beim 3. internationalen Workshop zu hybriden Energiesystemen auf der Kanaren-Insel Teneriffa deutlich.

Demoprojekt am Bodensee soll Unternehmen in Deutschland bekannt machen

Im Mai 2018 wurden auch acht Gebäude mit 22 Wohneinheiten und einer Tiefgarage in Allensbach am Bodensee im Rahmen des Demoprojekts „Smart Grid ohne Lastgangmessung Allensbach – Radolfzell (SoLAR)“ mit Easy Smart Grid-Technologie ausgestattet. Dabei werden Wärmepumpen, Ladestationen für Elektrofahrzeuge, Haushaltsgeräte und ein Blockheizkraftwerk intelligent gesteuert, um die natürliche Schwankung von Strom aus Sonne und Wind auszugleichen. Vom Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg wird das SoLAR-Projekt mit rund 125 0000 Euro gefördert.

Mit den Erkenntnissen aus dem SoLAR-Projekt will Walter sein Unternehmen weiterentwickeln und den Aufbau von dezentralen Energienetzen in Deutschland zügig vorantreiben. „In der Bundesrepublik kann der Anteil an regenerativ erzeugten Energien durch eine intelligente Steuerung schnell und deutlich erhöht werden“, sagt der Unternehmensgründer. Wenn der regenerativ aus Sonne und Wind erzeugte Strom in Kühlanlagen, Blockheizkraftwerken und beim Aufladen von Elektroautos gespeichert wird, können Verbrauch und Kosten von fossilen Brennstoffen zum Betrieb der dezentralen Energieversorgung gesenkt werden. Einen Masterplan für die Energiewende haben Walter und Gebauer am 19. Juli 2018 beim Lunch Talk der International Energy Agency (IEA) in Paris bereits öffentlich präsentiert. Demnach kann der Weg zu einer nachhaltigen Energieversorgung in sieben Schritten erfolgen. Der Schlüssel für eine Steigerung der Energieeffizienz ist nach Waltes Erfahrung allerdings die kosteneffiziente Energiespeicherung. „Und dafür braucht es einen schnellen Markt und intelligente IT-Lösungen“, so Walter.

Mächtige Mineralölgesellschaften bremsen Decarbonisierung aus

Dass die Umsetzung der Energiewende in Deutschland nur recht schleppend vorangeht, liegt nach Walters Einschätzung bislang vor allem an dem großen Einfluss der Großkonzerne auf die Politik. „Die mächtigen Mineralölgesellschaften und die Betreiber der Kohlkraftwerke haben nur wenig Interesse an der Decarbonisierung und einem sinkenden Anteil von fossilen Brennstoffen in der Energieproduktion“, so Walter. Außerdem sei die für den Betrieb der Stromnetze verantwortliche Bundesnetzagentur nicht gerade für die schnellstmögliche Umsetzung von Veränderungen bekannt. Die Behauptung, dass man in Deutschland heute noch zahlreiche Kohlekraftwerke zur Sicherstellung der Energieversorgung braucht, ist nach Walters Einschätzung dagegen schon länger nicht mehr tragbar.

TitelbildDrbouz / iStock
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Ekart Kinkel
Ekart arbeitet seit 2003 als freiberuflicher Journalist, PR-Berater und Dozent in Karlsruhe. Vorher hat er an der Universität Karlsruhe Maschinenbau studiert. Sein dadurch erlangtes technisches Rüstzeug lässt er heute in zahlreiche Veröffentlichungen über die boomende Karlsruher IT-Branche im Wirtschafts- und Wissenschaftsteil der Tageszeitung BNN mit einfließen. Seine Freizeit verbringt er aber hauptsächlich in der analogen Welt, nämlich auf dem Tennisplatz, in der Handballhalle oder beim Wandern mit der Familie im Pfälzerwald.