Stellt euch vor, ihr sitzt in einem vollen Saal, werdet dazu aufgefordert euer Smartphone dem Sitznachbarn zu geben und bekommt dafür seines. Wird euer Nebenmann etwa alte, längst vergessene Messenger Nachrichten durchlesen, sich durch Partyfotos klicken, oder gar Zugriff auf eure Bankdaten haben? Viele Menschen ergreift in solch einem Moment wohl ein Gefühl von Unbehagen. Genau dieses Experiment führte Prof. Dr.-Ing. Fabian Hemmert, Experte für Interface und User Experience Design, beim diesjährigen bizplay Gamification Congress, durch. Im Interview spricht der Designforscher über Smartphone Zombies und Smartphones mit menschlichen Zügen.

Fabian Hemmerts Keynote zum Thema "Multisensory Experiences with Future Devices" auf der bizplay. (Foto: Sandra Y. Jacques)
Fabian Hemmerts Keynote zum Thema „Multisensory Experiences with Future Devices“ auf der bizplay. (Foto: Sandra Y. Jacques)

Schlagwort „Internet of Things“: Durch das Verschwinden des Computers als fassbarer Gegenstand wird dieser allgegenwärtig und damit unsichtbar. Daraus ergeben sich komplexe Beziehungen zwischen Mensch und Technik. Was passiert mit uns, wenn wir diese Verortung von Dingen nicht mehr haben?

Wir Menschen sind es gewohnt, dass Dinge einen Platz in der Welt haben. Insbesondere an Orten, die uns vertraut sind (wie z. B. der eigenen Wohnung) finden wir uns intuitiv zurecht, sogar im Dunkeln.

Durch die immer kleiner und mobiler werdenden Geräte verwischen zunächst die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit: Vielen Menschen fällt es schwer, abends abzuschalten, und nicht doch noch einmal kurz einen Blick in die beruflichen E-Mails zu werfen. Wenn der Computer der Zukunft allgegenwärtig ist, sind wir selbst dafür verantwortlich, Grenzen zu ziehen.

Allerdings bietet das Internet der Dinge auch eine Chance, unseren Umgang mit der digitalen Welt intuitiver zu machen: Digitale Inhalte könnten durch vernetzte Gegenstände wieder einen “Platz” in der Welt bekommen. So könnte ich festlegen, dass mein System mir Arbeitsinhalte lediglich im Arbeitszimmer präsentiert – und private nicht im Büro.

Diese Verteilung digitaler Inhalte auf Objekte und Räume kann aber noch weiter gehen: Im Projekt “DataTouch” haben wir einen Ring entwickelt, der als NFC-Lesegerät fungiert. Damit können auf Objekten “gespeicherte” Inhalte abgerufen werden, einfach, indem man sie anfasst, beispielsweise verschiedene Themen in einer Präsentation:

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Wie funktioniert DataTouch? Video: Fabian Hemmert

Welche sind Ihrer Meinung nach Eigenschaften, die wir aufgrund der Durchdringung von Technik in unserem Alltag verlernt haben?

Es fällt uns heutzutage schwieriger, uns zu langweilen. Das mag zunächst unproblematisch erscheinen, jedoch ist Langeweile wichtig für uns. Jeder, der schon mal beim Lösen eines Kreuzworträtsels nicht mehr weiter kam, weiß: Wenn man, etwas später, mal an gar nichts spezielles denkt, dann fällt einem die Lösung oft schlagartig ein. Langeweile ist sehr wichtig für kreative Prozesse, und auch für unsere Selbstreflexion. Die amerikanische Forscherin Sherry Turkle beschreibt das eindrucksvoll in ihrem Buch “Reclaiming Conversation”: Wir dürfen nicht verlernen, uns wesentlich miteinander zu unterhalten. Die Verlockung, die Smartphones innewohnt, ist, stattdessen lediglich gemeinsam zu konsumieren.

Ebenfalls bekannt ist das Phänomen der “Smartphone Zombies” – ich gehe in diesem Vortrag etwas näher darauf ein:

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Wann spricht man iegentlich von einem Smartphone Zombie? Video: Fabian Hemmert

Sie sagen aus, dass der Konsum von Information heutzutage wie der Konsum von Nahrung abläuft: einfach, schnell und immer verfügbar. Die Dauerberieslung mit Newsfeeds, E-mails und Push-Benachrichtigungen führt oftmals zu Erschöpfungserscheinungen. Wo und mit welchen Mitteln setzt an dieser Stelle der Designforscher an?

Die Parallelen zwischen Nahrungs- und Informationskonsum sind tatsächlich sehr interessant. Beides waren in grauer Vorzeit schwierig zu beschaffende Ressourcen und wurden dann industrialisiert. Das Fast-Food-Zeitalter der Nahrungskultur haben wir hinter uns gelassen. Heute stellen wir ständig Fragen über unser Essen: Was ist da drin? Wo kommt das her? Was passiert mit mir, wenn ich es esse?

Wir können tatsächlich von unserer Nahrungskultur lernen: Wir können uns selbst dabei beobachten, welche Art von Informationen uns nachhaltig sättigt, und welche sich schnell als “Fata Morgana” entpuppen. Wir wollen schließlich nicht, dass wir eines Tages Geräte brauchen, die sich weigern, von uns benutzt zu werden…

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So versteht unser Körper die digitale Welt. Video: Fabian Hemmert

Bewegliche Smartphones mit Gefühlen, die auch mal beleidigt sein können– wie waren die bisherigen Reaktionen auf diese Prototypen?

Interessanterweise polarisieren diese Prototypen sehr stark. Etwa die Hälfte der Nutzerinnen und Nutzer reagierte mit etwas, was man den “Tamagotchi-Effekt” nennen könnte: “Oh, wie putzig!”. Die andere Hälfte sagte so etwas wie: “Oh, das geht aber zu weit – so eine enge Beziehung will ich auf keinen Fall zu meinem Handy.” (Oft, um es wenige Minuten später aus der Tasche zu ziehen und nachzusehen, ob etwas passiert sei…)

Übersättigt von Anrufen und E-mails: dieser Prototyp eines Smartphones kann sich ausdehnen. (Bild: Fabian Hemmert)
Übersättigt von Anrufen und E-mails: dieser Prototyp eines Smartphones kann sich ausdehnen. (Bild: Fabian Hemmert)

Zu guter Letzt: Wie lautet Ihr Tipp an unsere Leser, damit diese nicht zum „Smartphone Zombie“ mutieren?

Ich selbst habe, gemeinsam mit meiner Frau, einige Dinge ausprobiert, die wir gern weiterempfehlen können:

Wir haben zunächst damit aufgehört, unsere Handys als Wecker zu benutzen – und unsere Ladegeräte ins Wohnzimmer verbannt. Stattdessen haben wir uns zwei analoge Radiowecker gekauft, die uns seither morgens wecken. Der Tag beginnt somit mit Radio und Kaffee, und nicht mit Facebook oder E-Mail.

Außerdem lassen wir unsere Handys zuhause, wenn wir in den Urlaub fahren. Wir haben uns ein billiges Notfallhandy mit eigener SIM-Karte gekauft, um im Notfall Hilfe rufen zu können. Seitdem haben wir uns schon oft im Urlaub verlaufen, waren in furchtbaren Restaurants und standen vor verschlossenen Museen. All dies waren Dinge, die wir mit einem Smartphone hätten vermeiden können – aber sie haben unseren Urlaub nicht geschmälert. Im Gegenteil: Wir waren, ununterbrochen, nur wir. Das kann ich wirklich sehr empfehlen! Die armen Menschen in der Hotellobby (wo es WLAN gab) haben wir sehr bemitleidet: Sie verbrachten ihren Urlaub damit, sich die Urlaubsbilder ihrer Freunde anzusehen.

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