Am Freitag startet in den USA die Serienfertigung des Tesla Model 3. Der Hype um den „Volksstromer“, der die Elektromobilität voranbringen soll, ist riesig. Schaut man sich die nackten Zahlen an, fragt man sich warum. Ein Kommentar.

Das Tesla Model S ist insbesondere für Techies so etwas wie der heilige Gral. Das liegt weniger am Fahrzeug selbst, als vielmehr an dem gigantischen 17-Zoll-Display im Cockpit. Eine tolle Spielerei! Nebenbei ist das Tesla Model S auch noch ein Elektroauto mit einer respektablen Reichweite. Und wir wissen alle: Der Elektromobilität gehört die Zukunft!

Meine erste Begegnung mit dem Tesla Model S war eher ernüchternd. Das fing schon beim Schlüssel an, der nicht mehr als ein billiges Stück Plastik war. Im Vergleich dazu erschien mir der Schlüssel meines alten Peugeot 207 geradezu luxuriös. Wenn man das Model S das erste Mal öffnet und die Türgriffe ausfahren, macht das schon was her. Keine Frage. Auch der gigantische Bildschirm ist phänomenal. Löst man sich jedoch von diesen Gimmicks, merkt man recht schnell, dass man in einem US-Fahrzeug sitzt: Plastik soweit das Auge reicht. Oder anders ausgedrückt: Ein Golf für 28.000 Euro fühlt sich um einiges hochwertiger an, als das Tesla Model S für 90.000 Euro.

Aber es geht ja auch um die Technologie! Das Model S beginnt bei 68.970 Euro mit 75-kWh-Batterie. Das ist das absolute Basismodell, das eigentlich unfahrbar ist. Keine Assistenzsysteme, keine LEDs, keine Parksensoren – und schon gar kein Autopilot. Alles was den Tesla irgendwie interessant macht, fällt weg. Die NEFZ-Reichweite liegt bei 490 Kilometern, die vom neuen Opel Ampera-e bei 520 Kilometern.

Also erhöhen wir die Reichweite des Tesla S auf 632 Kilometer (100-kWh-Batterie), tauschen Plastik gegen Leder und integrieren den Autopiloten. Plötzlich sind aus den 68.970 Euro stolze 127.720 Euro geworden. Aber immerhin ist das Model S nun das technologisch faszinierende Elektroauto mit großer Reichweite, für das es alle halten.

Tesla Model 3: Das Elektroauto von dem man so gut wie nichts weiß

Mit dem Model S hat Tesla Begehrlichkeiten bei den Kunden geweckt. Wer einen Tesla fährt, tut etwas für die Umwelt, gilt als fortschrittlich und fördert die Elektromobilität. Der Tesla ist sozusagen das iPhone unter den Autos. Nur möchte kann eben kaum jemand 100.000 Euro für ein Auto ausgeben. Also kam man bei Tesla auf die schlaue Idee, das Model 3 auf den Markt zu bringen. Den Tesla für „jedermann“.

Bei der Präsentation verriet Elon Musk nur wenig über das Model 3, versprach allerdings eine Reichweite von 345 Kilometern ab einem Preis von 35.000 US-Dollar. Wer bereit war, 1000 Euro anzuzahlen, konnte das Model 3 – dessen genauer Marktstart im März 2016 noch ungewiss war – direkt vorbestellen. Ein genialer Marketing-Schachzug. Inzwischen verzeichnet Tesla über 400.000 Vorbestellungen – und das für ein Auto, von dem es noch nicht einmal offizielle Interieur-Bilder gibt. Egal, Hauptsache Tesla steht drauf!

Am Freitag geht das Tesla Model 3 in Serie – und noch immer ist kaum etwas über den „Volksstromer“ bekannt. Ohnehin ist diese Bezeichnung, die sich die Medien für das Model 3 ausgedacht haben, irreführend, denn aus den 35.000 US-Dollar werden in Deutschland nach Steuern mit hoher Wahrscheinlichkeit 40.000 Euro oder mehr werden. Dafür bekommt man problemlos zwei gut ausgestattete Verbrenner mit ähnlichem Platzangebot. Auch die Reichweite ist bei genauerer Betrachtung kein Brüller, denn 345 Kilometer nach NEFZ bedeuten in der Praxis 220 Kilometer.

Zum Vergleich: Der neue Opel Ampera-e fängt bei 39.330 Euro an, hat aber eine NEFZ-Reichweite von 520 Kilometern (380 Kilometer in der Praxis) – und wenn man diesen heute vorbestellt, bekommt man als Liefertermin nicht „Mitte 2018 oder später“ genannt, wie es bei Tesla der Fall ist.

Bei genauerer Betrachtung gibt es keinen Grund, das Model 3 in irgendeiner Form zu hypen oder zu feiern. Und doch wird uns das Model 3 in den kommenden Monaten immer wieder in den Medien begegnen. Nicht weil es ein zukunftsweisendes Elektroauto ist, sondern weil iPhone Tesla auf der Motorhaube steht.

  • Chris Lietze

    Naja, bei 400.000 Vorbestellungen kann man nicht von einem Flop sprechen. Ich glaub nicht mal, dass wirklich viele wieder abspringen und stornieren. Es ist bei Tesla wie mit Apple, man hat die Technik nicht erfunden, aber „nutzbar“ gemacht. Und von diesem Image lebt man ganz gut.

    Auch die ersten iPhones waren nicht das goldene vom Ei, viele Schwächen, die nach und nach mit jeder Generation ausgemerzt wurden. Tesla wird es ähnlich machen um zu überleben.

    Der Zielgruppe ist ein modernes Auto viel wichtiger als ein hochwertig verarbeitetes, selbst wenn da ein Stern dran klebt.

    Am besten schaut man sich das 2020 noch mal an. Die anderen Hersteller sind ja nur zögerlich bei E-Autos unterwegs. Bin gespannt wie die Faktoren Reichweite/Preis/Verarbeitung aller Hersteller dann aussehen.

    • Schrieb ja auch niemand von einem Flop 😉