Tchibo vermietet seit Anfang des Jahres Kinderkleidung, bei Otto und Media-Markt kann man Elektronik-, Haushalts und Fitnessgeräte ausleihen. Das hört sich gut an, hat in vielen Fällen aber recht wenig mit der eigentlichen Idee der Sharing Economy gemein. Ein Kommentar.

Die denkbar einfachste Definition für die Sharing Economy lautet: „Teilen statt Haben“. Anstatt dass sich fünf Nachbarn in einer Reihenhaussiedlung jeweils einen eigenen Rasenmäher kaufen, nutzen sie einen gemeinsam. Pendler, die jeden Tag dieselbe Strecke mit dem Auto zurücklegen, teilen ihr Fahrzeug mit anderen Berufstätigen. Aus vier Autos auf der Straße wird eines. Dasselbe Prinzip kann man auf Wohnraum, Fahrräder und viele andere Dinge des Alltags anwenden.

Bei der Sharing Economy geht es somit um „die geteilte Nutzung von ganz oder teilweise ungenutzten Ressourcen“. Das ist zumindest die Grundidee. Inzwischen lässt sich allerdings zunehmend beobachten, wie Unternehmen den Sharing-Leitgedanken „Teilen statt Haben“ neu interpretieren und daraus „Mieten statt Kaufen“ machen. Unter dem Deckmantel der Sharing Economy entstehen so neue Absatzmodelle.

Das kommerzielle Mieten hat mit Sharing wenig zu tun

Wenn man sich neue Trends anschaut, sollte man zunächst einen Blick in die Vergangenheit werfen und sich die Frage stellen: Wie war es früher? Früher haben Menschen Kinderkleidung gekauft und diese im Anschluss an Freunde und Bekannte sowie Second-Hand-Läden abgegeben, oder an wohltätige Einrichtungen gespendet. Es gab und gibt nur wenige Menschen, die gute Kleidungsstücke einfach so in den Müll werfen.

Aus diesem Grund ist es durchaus berechtigt zu fragen, wem beispielsweise das neue Mietmodell von Tchibo wirklich nützt. Die Idee klingt auf den ersten Blick gut: Man mietet einen Strampler und schickt ihn zurück, wenn man ihn nicht mehr braucht. Auf diese Weise sollen Kleidungsstücke länger und häufiger genutzt werden. Das sei besser für die Umwelt. Die Sache ist nur die: Wie oben erläutert, werden Kleidungsstücke auch bislang weitergenutzt, sie gehen eben nur nicht zurück zum Verkäufer (der sie erneut vermieten kann), sondern landen (oft kostenlos) bei anderen Stellen.

Ähnlich verhält es sich mit Elektrogeräten. Media-Markt beispielsweise baut sein Mietangebot in Kooperation mit der Plattform Grover stetig aus. Das Argument lautet auch hier: Gefragte Produkte wie Smartphones sollen länger genutzt und Elektroschrott damit vermieden werden. Nur wer wirft ein Smartphone nach einem Jahr weg? Analog zu der Kinderkleidung werden auch Elektrogeräte im Regelfall weiterverkauft (und weiterverwendet), wenn sie noch funktionstüchtig sind.

“Mieten statt Kaufen“ setzt falsche Anreize

Liest man sich etwas genauer in das Thema ein, stellt man schnell fest, dass es beim „Mieten statt Kaufen“ keineswegs um die effizientere Nutzung von Ressourcen geht, sondern um die Befriedigung von Konsumwünschen. Wie sich zeigt, greifen nämlich vor allem diejenigen auf Mietangebote zurück, die immer die neueste Technik nutzen möchten, denen ein Kauf aber zu teuer ist. Das sieht man gut bei Otto Now, wo die beliebtesten Mietprodukte bislang Fernseher, Smartphones und Kaffeevollautomaten sind. Im Prinzip handelt es sich um nichts anderes als einen Kauf auf Raten mit Rückgabeoption.

Für die Unternehmen ist das ein super Geschäft. Grover etwa vermietet die Apple Watch Series 3 (GPS+LTE, 42 mm) für 44,90 Euro im Monat. Der Neupreis der Uhr liegt im Apple Store bei 399 Euro. Will heißen: Nach nur neun Monaten (!!) hat der Mieter den kompletten Neupreis der Apple Watch bezahlt – nur dass diese ihm danach nicht gehört. Entweder mietet er sie weiter und hätte nach 18 Monaten gleich zwei Uhren kaufen können oder er schickt sie zurück und das Geld ist weg. Bei Tchibo sieht das ähnlich aus. Einen Strampler kann man bei Tchibo fortan für etwa einen Euro pro Monate mieten – im selben Shop, indem zwei Strampler für fünf Euro (!!) verkauft werden.

Ob das im Sinne der Sharing Economy ist?

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