Dass der mobile Arbeitsplatz ein Mythos ist, musste Microsoft schmerzlich erfahren. Auch der Konkurrent Yahoo hat die Reißleine gezogen und verpflichtete seine Mitarbeiter wieder zur Anwesenheit im Büro statt der Arbeit im Home Office.

„Microsoft Deutschland setzt künftig noch stärker auf Home-Office und bietet seinen Mitarbeitern zeitgemäße Arbeitsplätze nach dem Prinzip der Vertrauensarbeitszeit. Schreibtischarbeit im Büro verliert an Bedeutung, wichtig bleibt der persönliche Austausch“, so die Pressemitteilung der deutschen Dependance des Software-Riesen im August 2013. Was auf den ersten Blick als nette Geste erschien, offenbarte sich schon im zweiten Absatz aufgrund der Schließung der Standorte Böblingen, Bad Homburg und Hamburg als einzige Alternative zum Wechsel an einen anderen Microsoft-Standort. Für weniger flexible Mitarbeiter wie Angestellte mit Familien bedeutete Microsofts Entscheidung nicht nur die Möglichkeit, sondern den Zwang zum Home Office. Die Empörung der nicht mit in die Entscheidung einbezogenen Arbeitnehmer folgte umgehend und zwang Microsoft dazu, die Standorte in verkleinerter Form beizubehalten.

Beweist die Causa Microsoft, dass das Home Office nur ein von der Internet-Bohème propagierter Zukunftsmythos ist?

Home Office: Pro und Contra

In der Theorie ermöglicht das Home Office die perfekte Kombination zwischen Berufsleben und Privatem: Mittagessen mit dem Partner statt Fastfood mit Kollegen, vor der neuen Aufgabe eine Runde mit dem Hund, und wenn die Arbeit mal ins Stocken kommt, erledigt man einfach ein paar Dinge im Haushalt. Hinzu kommt die Möglichkeit, seinen Arbeitsplatz und -ablauf den eigenen Bedürfnissen anpassen zu können, während störende Kollegen, Bürogeräusche und -ambiente wegfallen. Das Unternehmen spart auf der anderen Seite im Optimalfall nicht nur die Miete für einen Arbeitsplatz, sondern ermöglicht seinen Mitarbeitern in gewohnter Umgebung produktiv zu sein – eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

Kritiker halten dagegen, dass eine Arbeitsumgebung zu einem besseren Arbeitsrhythmus führt. Wer sich selbst schlecht disziplinieren kann, lässt sich eher von privaten Aufgaben ablenken und ist so zu Hause weniger produktiv als im Büro. Zuhause gibt es keinen allgemeinen Aufruf zum Feierabend – Überstunden sind programmiert. Ach die Kreativität fördernde Kaffeepausen mit Kollegen sind passé. Dass solche Gespräche ein regelrechter Keim für Ideen sein können, bewies Apples Mitbegründer Steve Jobs mit der Planung der Pixar-Studios. Noch heute treffen sich Pixar-Angestellte im zentralen Atrium des Gebäudes auf ihrem Weg in andere Abteilungen. Im Home Office sind spontane Brainstormings mit Kollegen nicht vorhanden, trotz der theoretischen Möglichkeit sich jederzeit mit technischen Hilfsmitteln auszutauschen.

Yahoo ruderte zurück

Es jedem Mitarbeiter selbst entscheiden zu lassen, wo sie oder er seine Arbeitszeit verbringen möchte, galt beim Internetdienstleister Yahoo lange Zeit als pragmatische Lösung zur Zufriedenheit aller. Seit Juni 2013 ist das Home Office wieder Geschichte. „Um der beste Arbeitsplatz zu werden, sind Kommunikation und Zusammenarbeit wichtig, also müssen wir Seite an Seite arbeiten. Deshalb ist es kritisch, dass wir alle im Büro anwesend sind. Einige der besten Entscheidungen und Einsichten entstehen aus Flur- und Cafeteria-Diskussionen“, so Yahoos Personalchefin Jacki Reses. In dem internen Brief weißt Reses auch auf Ineffizienzen hin, die bei der Arbeit zwischen Bügelbrett und Kinderzimmer entstehen können: „Geschwindigkeit und Qualität werden oft geopfert wenn wir von zu Hause aus arbeiten. Wir müssen ein Yahoo sein, und das fängt damit an, physikalisch zusammen zu sein.“

Laut Spekulationen von Business Insider habe Yahoo seine Mitarbeiter auch zurück ins Büro gepfiffen, um dem fehlenden Überblick über die Arbeit der Mitarbeiter entgegen zu wirken und sich im gleichen Atemzug einiger Mitarbeiter zu entledigen. Was nach Kontrolle klingt, schien in Yahoos Fall gerechtfertigt, glaubt man den Ausführungen eines nicht namentlich genannten Vertrauten von CEO Marissa Mayer: „Einige Angestellte haben sich versteckt. Es gab all diese Mitarbeiter und niemand wusste dass sie noch für Yahoo arbeiten.“

Home Office im Alltag

Sowohl das Zwangs-Home-Office von Microsoft als auch Yahoos Schreibtischpflicht zeigen die Extreme auf. Die goldene Mitte liegt in einer Zwischenlösung, die es Arbeitnehmern erlaubt sowohl am Schreibtisch im Büro als auch mobil zu arbeiten. Das Verhältnis zwischen Heim- und Büroarbeit kann durch Richtlinien des Arbeitgebers festgesetzt werden. Eine solche Kombination erlaubt es Mitarbeitern von den Vorteilen beider Arbeitsformen zu profitieren – Teamgeist und inspirierende Kollegen am Arbeitsplatz, ein paar konzentrierte Stunden zu Hause. Trotz Beibehalt des klassischen Büroalltags werden für die Arbeit zu Hause klare Regeln benötigt, um mangelnder Selbstdisziplin und dadurch sinkender Produktivität vorzubeugen.

In der Realität ermöglicht fast jeder zweite deutsche Arbeitgeber seinen Angestellten die Arbeit vom Sofa aus. Laut den Recruiting Trends 2014, einer von der Jobbörse Monster in Auftrag gegebenen Studie, würden gut 85 Prozent der Arbeitnehmer die Möglichkeit zum Home Office begrüßen, wobei mit 44 Prozent weniger als die Hälfte der Befragten die Möglichkeit derzeit in Anspruch nimmt. Den bereits angesprochene Überstunden-Nebeneffekt fürchtet jeder vierte Studien-Teilnehmer, den schlechteren Informationsaustausch sehen fast 56 Prozent als Gefahr.

Dass Home Office nicht gleich Arbeit in den eigenen vier Wänden bedeutet, zeigt das Konzept des Home Office Days, einer unter anderem von Microsoft und der Swisscom geförderten Initiative. Das von der Gruppe entwickelte Label „Workfriendly Space“, das derzeit bei mehr als 300 Gastrobetrieben angeboten wird, darunter in Restaurants der Supermärkte Coop und Migros sowie der Kaffeekette Coffee & Friends. Neben klassischen Leistungen wie Kaffee und Kuchen bieten die Unternehmen den digitalen Nomaden kostenlos Strom und WLAN – Coworking light quasi. Vor allem Lücken im Terminkalender zwischen zwei Terminen lassen sich mit diesem Angebot optimal ausnutzen. Aber auch andere Nachteile wie Ablenkung in den eigenen vier Wänden oder nervende Kollegen ließen sich mit einem kurzen Ortswechsel vermeiden.

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