Das Bauwesen hat ein Produktivitätsproblem. Es hinkt im Vergleich zu anderen Branchen ziemlich hinterher. Der Grund: die Digitalisierung geht nur schleppend voran. Das Startup Valoon hat eine Lösung, wie die Arbeit auf der Baustelle ohne Aufwand ganz einfach digitalisiert werden kann. Weil fast jeder WhatsApp nutzt, hat das Team ein Tool entwickelt, das im Hintergrund dieses und anderer Messengers läuft. Nutzer*innen brauchen keine neue Software, sondern nutzen für die Kommunikation und Dokumentation einfach die bekannten Funktionen von WhatsApp.

Die Idee zu Valoon entspringt dem Forschungsprojekt SDaC, mit dem Ziel, KI in die Bauwirtschaft zu implementieren.

Ariane Lindemann im Gespräch mit Diego Cisterna.

Warum ist der Digitalisierungsgrad im Bauwesen so niedrig?

Das liegt nicht so sehr an der mangelnden Bereitschaft der Unternehmen. Auf Management-Niveau und bei Architekt*innen und Ingenieur*innen ist das Interesse an Digitalisierung sogar sehr groß. Auf Mitarbeitenden-Ebene ist es dagegen sehr schwierig, eine neue Software zu implementieren. Sie sind mit ihrer Arbeit auf dem Bau beschäftigt und wollen nicht noch zusätzliche eine Software benutzen und immer ein Laptop oder Tablet mitführen. Wenn man eine Software vor Ort auf der Baustelle implementieren möchte, stößt man in der Regel auf ein großes Akzeptanzproblem – egal, wie gut die Software ist.

Wie bringt man die Leute auf der Baustelle dann dazu, ein digitales Tool zu benutzen?

Bei unseren Besuchen auf Baustellen im Rahmen unseres Forschungsprojektes SDaC* haben wir gesehen, dass es ein Tool gibt, das digital ist und vor Ort tatsächlich auch von den meisten genutzt wird – und das ist WhatsApp. Die Mitarbeitenden kommunizieren darüber mit dem/der Bauleiter*in. Ob es darum geht, Material anzufordern, Baufortschritte oder Mängel zu dokumentieren, eine Rechnung zu fotografieren etc. WhatsApp ist sehr gut geeignet, denn es ermöglicht eine Dokumentation von sämtlichen Aktivitäten. Es gibt aber einen großen Nachteil: Der/die Bauleiter*in muss am Ende des Tages alles manuell zuordnen und organisieren. Deshalb haben wir mit Valoon einen Chatbot entwickelt, der in Zukunft auch als KI-Modell im Hintergrund benutzt werden kann.

Der Chatbot läuft bei WhatsApp im Hintergrund?

Genau. Wir nutzen die „WhatsApp Business API“, um WhatsApp-Nutzende mit unserer Software zu verbinden. Unsere Anwendung kann sämtliche Informationen, die über WhatsApp laufen, automatisch strukturieren und organisieren, damit der/die Bauleiter*in nicht Tausende von Chats bekommt, die er managen muss.

Kann man die Baubranche schon jubeln hören?

Ja, eigentlich schon. Denn wir gehen genau den Punkt an, der zu einem Großteil die Digitalisierung hemmt, indem wir vermeiden, dass die Mitarbeitenden eine Software installieren müssen, denn sie können direkt WhatsApp oder auch andere Messenger nutzen. So braucht es kein Change-Management vor Ort, denn fast alle nutzen es und können damit umgehen, sei es, Videos, Fotos oder Links zu verschicken und Text- und Sprachnachrichten zu verfassen.

„Es braucht kein Change-Management vor Ort, weil alle bereits wissen, wie WhatsApp funktioniert.“

Da es sich um eine reine Webanwendung handelt, benötigt das Bauunternehmen, beziehungsweise der/die Bauleiter*in, lediglich einen Account auf unserer Webseite, er muss keine Software herunterladen oder installieren.

Was kann man auf der Webseite alles machen?

Dort sieht man sämtliche Informationen zu einem Projekt. Wir arbeiten hier mit Tickets. Über dieses Ticketsystem können Probleme oder Baumängel sowie Baufortschritte, unter anderem mit Fotos, dokumentiert werden. Der/die Bauleiter*in sieht die Meldung, die per WhatsApp geschickt wurde, in einem strukturierten Format. Er sieh den/die Adressat*in der Meldung, das Projekt und sämtliche Dateianhänge, wie Fotos oder Videos, sowie den kompletten Chat dazu – und kann dann entsprechend reagieren.

Kann man Dokumente, wie Lieferscheine, Rechnungen oder Materiallisten damit auch in ein CRM-System einspielen?

Wir sind gerade dabei, verschiedene Prozesse zu implementieren. Im Moment haben wir einen Prototyp entwickelt, der bislang nur dieses Ticketsystem erstellt. Aber wir planen weitere Prozesse zu automatisieren. Dazu gehört auch die Zuordnung von Lieferscheinen, bzw. die Dokumentation der Baufortschritte, die dann jeweils automatisch in die Abrechnung einfließen. Wir pilotieren diesen Anwendungsfall gerade mit zwei Unternehmen in Deutschland. Parallel starten wir mit einem Unternehmen in meinem Heimatland Chile, weil ich dort auch ein großes Netzwerk von Bauunternehmen habe. Da WhatsApp der am häufigsten verwendete Messenger auf der Welt ist, ist das Potenzial, Valoon auch über Europa hinaus anzubieten, sehr groß.

Was ist da in Zukunft noch möglich?

In diesem Ticketsystem kann man viele Möglichkeiten entwickeln. Ein anderer Anwendungsfall wäre, Anwesenheiten zu dokumentieren. Mitarbeitende könnten ihren Standort senden und damit bestätigen, dass sie vor Ort sind und wann sie die Baustelle verlassen.

Auch Sicherheitsunterweisungen, die Mitarbeitende regelmäßig machen müssen, sind denkbar. Diese Schulungen sind momentan noch sehr manuell. Eine Idee wäre, dass der/die Bauleiter*in die Mitarbeitenden in einen physischen Raum einlädt und ihnen per WhatsApp ein Video mit den Schulungsinhalten zeigt. Am Ende werden die Inhalte in einem Fragebogen im Chat abgeprüft.

Was bedeutet der Name Valoon?

Valoon ist eine Kombination aus „Value“ und „Speech Ballon“, also Sprechblase. Das Zeichen, das wir von Messengern kennen. Valoon schafft Wertschöpfung durch Chat-Kommunikation.

Was sind eure weiteren Schritte?

Wir haben im Moment zwei Prioritäten: Die eine ist, die Finanzierung zu stemmen. Hier haben wir uns für das EXIST-Gründerstipendium beworben. Momentan befinden wir uns noch in der Bootstrapp-Phase und machen die Arbeit abends und an den Wochenenden. Wir sind mit Investoren im Gespräch und wir haben sehr viele Preise gewonnen, mit denen wir den Prototypen finanzieren konnten.

Das zweite ist, das Produkt vor Ort zu validieren und anhand des Feedbacks der Nutzer*innen zu verbessern. Bevor wir gestartet sind, haben wir ungefähr 30 Interviews mit Unternehmen geführt, um Feedback einzuholen. Aus diesen hatten 17 Interesse, mit uns zu pilotieren. Damit starten wir jetzt nach und nach. Die Akzeptanz ist in der Management-Ebene sehr gut angekommen. Aber das Wichtigste ist, wie gesagt, dass die Mitarbeitenden die Idee auch gut finden. Deshalb müssen wir so viel wie möglich pilotieren und das Feedback der Mitarbeitenden dem Produkt anpassen.

Entstanden ist Valoon im Rahmen des KIT-Forschungsprojekts SDaC – Smart Design and Construction, das vor dreieinhalb Jahren initiiert wurde und jetzt ausläuft.

Das Forschungsprojekt besteht aus einem großen Konsortium der Bauwirtschaft und Tech-Unternehmen. Am KIT wollen wir – gemeinsam mit dem CyberForum – diese zwei Welten kombinieren. Deshalb haben wir mit SDaC eine Plattform entwickelt, die es Organisationen aus der Baubranche mittels KI ermöglicht, auf Informationen einfach zuzugreifen und diese intelligent zu nutzen. Als Gewinner des Innovationswettbewerbs „Künstliche Intelligenz als Treiber für volkswirtschaftlich relevante Ökosysteme“ wurde SDaC durch das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) über dreieinhalb Jahre gefördert. Aus diesem Forschungsprojekt ist die Idee für Valoon entstanden.

Was wird aus SDaC?

Die Förderung läuft jetzt aus. Wir werden aber weiter an dem Projekt in Form eines Kompetenzzentrums arbeiten. Ein wichtiges Ziel, das wir im CyberLab Accelerator erarbeitet haben. Geplant ist eine Akademie für KI im Bauwesen. Wir werden außerdem auf der Webseite Demos zur Verfügung stellen und einen Katalog für Expert*innen und Software erstellen. Das ist gerade alles in Vorbereitung.

Mit einem großen SDaC-Kongress am 22. September 2023 geben wir wertvolle Einblicke direkt aus der Praxis, Impulse aus der Wissenschaft und die Vorstellung von KI-Demonstratoren für die Bauwirtschaft. Die Veranstaltung richtet sich an alle, die am Thema Digitalisierung im Bau interessiert sind.

SDaC-Kongress: https://www.cyberforum.de/sdac-kongress

Diego Cisterna

Ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Technologie und Management im Baubetrieb (TMB) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Er vermittelt am KIT zwischen der Bauwirtschaft und Technologie-Unternehmen.