Die Interaktion von Mensch und Technologie entwickelt sich radikal weiter. Wir müssen unser Denken und unsere Fähigkeiten über die Tastatur und den Bildschirm hinaus weiterentwickeln. Doch wie sieht diese neue technologische Realität aus? Hier lohnt es sich, einen näheren Blick auf die unterschiedlichen Formen von Extended Reality zu werfen und wie diese unseren Alltag verändern können.

Die Art und Weise, wie wir heute mit Technologie interagieren, ist nicht allzu weit von dem entfernt, was von der futuristischen Sci-Fi-Pop-Kultur vorhergesagt wurde. Wir leben in einer Welt, in der hochentwickelte berührungs- und gestenbasierte Interaktionen mit Wearables, Sensoren, Augmented Reality (AR), Virtual Reality (VR) und Mixed Reality (MR) zusammenarbeiten. Das schafft eine extrem immersive Nutzererfahrung.

Gartner prognostiziert, dass die Implementierung von 5G und AR/VR nicht nur die Interaktion mit den Kunden, sondern auch die gesamten Produktmanagementzyklen von Marken verändern wird. Tatsächlich wird laut Deloitte erwartet, dass im Jahr 2024 in Deutschland mit VR-Hardware und -Applikationen 530 Millionen Euro umgesetzt werden, im besten Fall sogar 820 Millionen, falls neue Anwendungen oder Gadgets den Markt erobern.

Um besser zu verstehen, welchen Einfluss erweiterte Formen der Realität auf unseren Alltag haben können und welche Möglichkeiten Unternehmen und Nutzer*innen haben, um mit der Welt um sie herum zu interagieren, gilt es, zunächst die verschiedenen Begriffe zu veranschaulichen, die in der Diskussion verwendet werden.

VR, AR, MR – die Vielfalt an Realitäten

Formen von Extended Reality

Virtual Reality (VR) – der wohl bekannteste Begriff – ist ein immersives Erlebnis, das vollständig neue Welten eröffnet, indem User in eine virtuelle, computergenerierte Welt mit innovativen Interaktionsformen eintauchen können. Die Technologie lässt sich mit Head Mounted Display (HMD)-Geräten nutzen. Smartphone-basierte VR ist die wirtschaftlich günstigste Wahl, um die Technologie zu testen. Google Cardboard und ähnliche Varianten sind in diesem Segment recht beliebt. Alles, was man braucht, ist ein Smartphone, das in eine vorproduzierte Box passt. Viele Mediaplayer und Content-Provider wie YouTube bieten inzwischen stereoskopische 360-Grad-Inhalte an.

Nutzer beim Testen von VR Devices

Augmented Reality (AR) wiederum stellt digitale Inhalte in einer realen Umgebung dar. Smartglasses projizieren digitale Inhalte direkt vor das Auge des Users. In den vergangenen fünf Jahren haben sich solche Devices von sperrigen Gadgets zu leichten Brillen mit mehr Rechenleistung, längerer Batterielebensdauer, einem größeren Field of View (FoV) und konsistenter Konnektivität entwickelt. Diese projektionsbasierte Technologie ermöglicht es, digitale Inhalte auf einer Glasfläche darzustellen. Ein Beispiel hierfür ist das Head-Up-Display (HUD), das von vielen Automobilherstellern genutzt wird. Es projiziert Inhalte auf die Windschutzscheibe des Fahrzeugs. Fahrende können dort kontextuell relevante Informationen wie Karten oder Geschwindigkeitsbegrenzungen sehen.

Kombiniert man AR und VR, so bewegt man sich im Bereich der Mixed Reality (MR), bei der die physische Welt und digitale Inhalte interagieren. Benutzer können hierbei mit den 3D-Inhalten in der echten Welt interagieren. Außerdem erkennen und speichern MR-Devices Umgebungen, während sie gleichzeitig die spezifische Position des Geräts innerhalb einer Umgebung verfolgen.

Nutzer beim Testen eines Microsoft-MR-Geräts

Mixed-Reality-Geräte, wie zum Beispiel Microsoft Hololens, ermöglichen Objekterkennung, Szenenspeicherung sowie gestengesteuerte Operationen.

Auf Basis der genannten Bausteine kann der Trend von Extended Reality (XR) evaluiert werden. Dieser Sammelbegriff bezeichnet Uses Cases, in denen AR-, VR- und MR-Devices mit Peripheriegeräten wie Umgebungssensoren, 3D-Druckern und internetfähigen Smart-Home-Devices wie Haushaltsgeräten, Industriemaschinen, Fahrzeugen und vielem mehr interagieren. Durch die Synergien von AR-, VR- und MR-Technologien zur interaktiven Darstellung von 3D-Inhalten sowie die modernen Entwicklungstools und Plattformen wird der Begriff XR vermehrt zum allgemeinen Sprachgebrauch. In der Branche werden derzeit zahlreiche Use Cases und Chancen von XR-Plattformen evaluiert, vor allem solche, die Services über Geräte, Entwicklungsplattformen und Unternehmenssysteme hinweg ermöglichen.

Extended Reality in seinen unterschiedlichen Formen ist nicht nur etwas für Gamer und Tech-Enthusiasten. Es gibt auch eine Fülle von Implementierungsmöglichkeiten, von denen Unternehmen profitieren können.

Eine Technologie mit vielseitigem Potenzial

Extended Reality kann in Unternehmen in einer Vielzahl von Bereichen zum Einsatz kommen, angefangen beim Training ihrer Mitarbeiter oder Instandhaltung ihres Equipments. So kann VR-Technologie Umgebungen erzeugen und simulieren, die entweder schwer zu reproduzieren sind oder enorme Kosten und/oder Risiken mit sich bringen. Beispiele für solche Szenarien sind Fabrikschulungen oder solche zum Brandschutz oder zum Steuern eines Flugzeugs. AR hingegen kann Techniker*innen kontextbezogene Unterstützung in einer Arbeitsumgebung bieten. Zum Beispiel kann eine technische Fachkraft, die eine AR-fähige Smart Brille trägt, digitale Inhalte betrachten, die in ihrer Arbeitsumgebung eingeblendet werden. Dies könnte in Form von Schritt-für-Schritt-Anweisungen für eine Aufgabe oder zum Durchsehen relevanter Handbücher und Videos erfolgen, während sie sich am Fließband oder vor Ort befindet und eine Aufgabe ausführt. Das AR-Gerät ist auch in der Lage, eine Momentaufnahme der Arbeitsumgebung für Konformitätsprüfungen zu erstellen. Zusätzlich kann die technische Fachkraft ihre Tätigkeit an eine entfernte Fachkraft streamen, die die Live-Umgebung mit Anmerkungen versehen und die Arbeit überprüfen kann.

Unternehmen können sich aber auch die Technologie zunutze machen, die es autonomen Fahrzeugen erlaubt, virtuelle Karten zu erstellen und Objekte in einer Umgebung zu lokalisieren. Eine ähnliche Technologie ermöglicht es XR-fähigen Geräten, einzigartige Umgebungen zu erkennen und die Position der Geräte darin zu verfolgen. So lassen sich virtuelle Positionierungssysteme von großen Anlagen wie Flughäfen, Bahnhöfen oder Fabriken anlegen. Ein solches System ermöglicht es den Usern auch, bestimmte Zielpunkte zu markieren, zu lokalisieren und zu ihnen zu navigieren.

Auch im Retail-Bereich kann XR-Technologie genutzt werden, um Kundenerfahrung zu verbessern und einzigartiger zu gestalten. So haben Kunden in einer XR-Umgebung die Möglichkeit, 3D-Modelle von Produkten auszuprobieren, bevor sie diese kaufen. Nutzer*innen können beispielsweise ein virtuelles Modell eines Möbelstücks in Bezug auf Farbe, Innenausstattung und Stoffe anpassen. Sie können auch das Möbelstück von allen Seiten betrachten und die Personalisierungen erleben sowie beurteilen, wie es in der Umgebung ihres Zuhauses aussieht.

Extended Reality: Hardware und Software müssen Hand in Hand gehen

Die XR-Technologie entwickelt sich in einem solchen Tempo, dass das ungenutzte Potenzial überwältigend ist. Um es vollends ausschöpfen zu können, ist es empfehlenswert, dass die Entwicklung der Software mit der Entwicklung der Hardware Schritt hält. Letztere muss im Hinblick auf das Sichtfeld benutzerfreundlich und leichtgewichtig sein, mit einer immensen Verarbeitungs- und Batterieleistung.

Die Software hingegen muss die Vorteile von künstlicher Intelligenz und Machine Learning besser nutzen, um verschiedene Umgebungen besser einschätzen zu können und sie für jedes mögliche Szenario zugänglich zu machen. Unternehmen sollten auch proaktiv so viele Anwendungsfälle wie möglich erstellen, Mängel beheben und zur XR-Entwicklungspraxis beitragen. VR-Anwendungen sind dabei eine Realität, die uns für die ausgeprägte Wirkung von AR- und MR-Technologie in der Zukunft vorbereitet.

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Kuldeep Singh
Kuldeep Singh hat bei ThoughtWorks IoT- und AR/VR-Kompetenzzentren ins Leben gerufen, mit Schwerpunkt auf dem Aufbau von Entwicklungspraktiken rund um neue Technologien. Er hat innovative Lösungen entwickelt, die sich auf die Effektivität und Effizienz in vielen Bereichen auswirken. Singh ist Redner, Mentor, Juror und Gastdozent.