Mit der Entwicklung einer intuitiven Software zur Programmierung von Produktionsrobotern trafen die Informatiker Sven Schmidt-Rohr, Rainer Jäkel und Gerhard Dirschl vor fünf Jahren offenbar den Nerv der Zeit. Seit der Unternehmensgründung schwimmt das Startup ArtiMinds Robotics GmbH nämlich auf einer regelrechten Erfolgswelle und für seine innovative Ideen hat das Gründertrio schon etliche renommierte Preise wie den CyberChampions Award des Karlsruher Hightech.Unternehmer.Netzwerks CyberForum oder den Digital Star Award des Nachrichtenmagazins Focus erhalten.

Wie aus einer guten Idee ein funktionierendes Unternehmen wird, darüber hat sich Ekart Kinkel mit ArtiMinds-Geschäftsführer Sven Schmidt-Rohr unterhalten.

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Lieber Herr Schmidt-Rohr, seit der Gründung befindet sich ArtiMinds auf stetigem Wachstumskurs. Mittlerweile arbeiten schon 65 Köpfe für Ihr Unternehmen und mit der Anmietung einer zusätzlichen Büroetage im Technologiepark Karlsruhe wurden im Herbst 2018 bereits die räumlichen Weichen für eine weitere Expansion gestellt. Trotzdem wollen Sie erst in fünf Jahren sagen, ob sich ihre Firma am Markt behauptet hat. Ist das noch Realismus oder schon Pessimismus?

Bei uns läuft es sicherlich besser als bei anderen Firmen. Aber ich habe schon bei der Unternehmensgründung betont, dass ich frühestens nach zehn Jahren ein ernsthaftes Resümee ziehen werde. Erst nach dieser Zeit kann man in dieser Branche nämlich sagen, ob sich ein Startup am Markt etabliert hat oder nur noch vor sich hin dümpelt. Richtig geschafft hat man es aus wirtschaftlicher Sicht nämlich erst ab einer gewissen Mindestgröße.

Sind Sie dann wenigstens zufrieden mit der bisherigen Entwicklung?

Das kommt darauf an. Unser Produkt marktreif zu bekommen, hat sicherlich länger gedauert als geplant und deshalb haben wir in den den ersten beiden Jahren eigentlich keine Geschäfte gemacht. Seit dem Markeintritt geht es dafür deutlich beschleunigter voran als erwartet und zum jetzigen Zeitpunkt übertreffen wir sogar unsere ursprünglichen Prognosen. Der schwierigste Punkt in unserer Branche ist sicherlich das Gewinnen der ersten Kunden. Das ist eine echte Vertrauensfrage und die meisten Firmen wollen nur etwas kaufen, was bereits erprobt ist. Das ist dann ein echtes Henne-Ei-Problem, mit dem die meisten Startups im Bereich der Industrie 4.0 zu kämpfen haben. Und leider sind auch viele Luftnummern auf dem Markt, die ihre eigenen Versprechungen nicht erfüllen können.

Diese Phase haben wir mittlerweile aber überwunden. Wenn wir unsere Referenzen öffentlich zeigen dürften, würden viele Leute sicherlich staunen. Große Namen aus Deutschland und den USA sind nämlich ebenso dabei wie einige mittelgroße Hidden Champions. Wenn man das den Kunden zeigt, geht der Verkauf der Produkte viel leichter von der Hand. Inzwischen ist wohl eher die Geheimhaltung ein Problem.

Was war bei ArtiMinds eigentlich der Türöffner für den Martkteintritt?

Die Zusammenarbeit mit Siemens war seinerzeit sicherlich sehr hilfreich. Und irgendwann hatten wir einfach eine kritische Masse an Kunden erreicht. Allerdings wussten wir auch von Anfang an, was der Markt braucht und unsere Produktbeschreibung ist heute noch quasi dieselbe, wie wir sie beim ersten Antrag für ein Exist-Gründerstipendium geschrieben hatten.

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Durch die Software von ArtiMinds können Industrieroboter mit relativ geringem Programmieraufwand und intuitiver Bedienung deutlich flexibler eingesetzt werden als bisher. Das hört sich trotz der komplexen Algorithmen eigentlich nicht besonders kompliziert an. Warum konnten die Industriekunden nicht viel schneller für diese Idee begeistert werden?

In der Industrie hängt sehr viel von Emotionen ab. Zudem hatten wir am Anfang an niemanden, der tief in die Wirtschaft hinein vernetzt war. Teilweise sind die Probleme beim Umgang mit neuen Ideen in der produzierenden Industrie aber auch schlichtweg irrational.

Wird durch die zögerliche Einführung digitaler Anwendungen in der deutschen Industrie derzeit etwa eine Chance vertan?

Absolut. Meiner Einschätzung nach hat sich die Produktion auf der ganzen Welt dem Thema Software noch nicht richtig angenommen. Software kann man ganz anders betreiben und wird oft fließend entwickelt. Bei der Hardware steht von Anfang an die Perfektion im Vordergrund. Bei der Software kann man dagegen kleinere Fehler kaum vermeiden. Aber man kann diese Fehler dann schnell durch ein Update übers Netz wieder beseitigen.

Noch ist diese Kultur in der Industrie nicht weit verbreitet. Aber weil Software einen immer höheren Anteil an der Wertschöpfungskette einnimmt, werden Firmen, die dieses Prinzip verinnerlichen, in einer zunehmend digitalisierten Produktion über kurz oder lang einen Wettbewerbsvorteil haben.

Die drei ArtiMinds-Gründer haben sich bereits vor dem Sprung in die Selbstständigkeit am Institut für Anthropomatik und Robotik (IAR) mit der Entwicklung von intelligenten Robotern beschäftigt. Dabei standen Softwareentwickler und Roboterkonstrukteure stets im engen Austausch. Kommt dieser interdisziplinäre Ansatz in der Wirtschaft noch zu kurz?

Auf jeden Fall. Auch unsere Firma wurde von drei Informatikern gegründet. Das war am Anfang vielleicht noch okay, doch mittlerweile mussten wir umdenken. Weil wir die Produktion in ihrer gesamten Tiefe durchdringen wollen, haben wir eine Abteilung mit Ingenieuren aus den Bereichen Elektrotechnik und Mechatronik ins Leben gerufen und sind nun deutlich interdisziplinärer aufgestellt. Die meisten unserer Kunden müssen allerdings eher in die andere Richtung denken und sich künftig mehr mit der IT beschäftigen. Eigentlich muss die ganze Produktionsbranche eine möglichst gleichmäßige Basis aus Ingenieurwissenschaft und IT schaffen.

Und wie lange wird ein solch struktureller Wandel ihrer Einschätzung nach dauern?

Das ist schwer zu sagen. Aber manche werden schnell und damit erfolgreich sein. Andere werden mittelschnell sein und überleben. Und das schlechtere Drittel wird vermutlich untergehen.

Baden-Württemberg ist einer der wichtigsten Standorte für den klassischen Maschinenbau. Doch gerade der Automobilindustrie wird teilweise ein Festhalten am Status quo vorgeworfen. Fehlt ausgerechnet im Musterländle der Mut für wegweisende Innovationen?

Das ist unserer Erfahrung nach kein lokales Problem. Wir haben mittlerweile Kunden in 18 Ländern und überall ist die Suche nach kompetenten Partnern gleich schwer. Dieses Phänomen hat also wohl mehr mit der Branche zu tun als mit der Geografie. In den USA ist die unterschiedliche Denkweise zwischen den Leuten aus der industriellen Produktion und der IT aus dem Silicon Valley sogar noch stärker ausgeprägt als in Deutschland. Und auch in Asien geht es zunächst einmal fast ausschließlich um das Thema Betriebssicherheit. Wenn die Produktion steht, kommt das in vielen Unternehmen bekanntlich einer Katastrophe gleich und auch deshalb sind die Leute sehr kritisch gegenüber Neuerungen. Wenn man die erste Mauer aber einmal durchbrochen hat, kann man sich zügig ausdehnen.

Und mit welchen Produkten will ArtiMinds diese Mauer künftig durchbrechen?

Wir sind ständig mit der Erweiterung unserer Produkte beschäftigt und müssen zur Unterstützung von neuen Kameras und Greifern auch noch sehr viel Entwicklungsarbeit leisten. Unsere Hauptprodukt Robot Programming Suite (RPS) ist nämlich hauptsächlich für die Inbetriebnahme von Maschinen konzipiert. Aber wenn ein Roboter läuft, kann es ebenfalls noch zu Veränderungen kommen, etwa durch leichte Schwankungen bei den gelieferten Werkstücken oder einem neuen Bodenbelag in der Produktionshalle.

Der Betrieb von Robotern, die sehen und fühlen können, ist nämlich ganz schön heikel und deshalb braucht es künftig Werkzeuge wie unsere neue Software Learning & Analytics for Robots (LAR). Für die zentrale Analysefunktion zuständig ist dabei eine Datenbank, in der sämtliche Arbeitsschritte und Bewegungen gespeichert werden. Wenn es zu Anomalien kommt, etwa beim Bohren eines Lochs, schlägt die Software den Ingenieuren automatisch Optimierungsmöglichkeiten vor. Da wird dann auch mehr Künstliche Intelligenz eingesetzt als bei unseren bisherigen Produkten.

Wie schaut es denn im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) generell in Karlsruhe aus? Vom Bundesministerium für Wissenschaft (BMWi) wurde der Standort Karlsruhe als de:hub für Angewandte KI ausgezeichnet. Haben Wissenschaft und Wirtschaft dadurch einen zusätzlichen Schub erhalten?

Sicherlich ja. Aber weil sich andere Standorte gerade nach vorne drängeln, muss Karlsruhe aufpassen, dass es im Wettbewerb um die besten Köpfe nicht zurückfällt. Anwendungstechnisch ist Karlsruhe aber immer noch weit vorne. Auch die Zusammenarbeit von Startups mit dem KIT ist in diesem Bereich sehr gut und dank der vielen Studierenden gibt es auch jede Menge gut ausgebildeter Leute.

Hat man eigentlich Angst davor, seine eigene Innovationsfähigkeit im Hamsterrad von Wachstum und Wirtschaftlichkeit irgendwann zu verlieren?

Das ist sicherlich eine Frage der Organisation. Und deshalb müssen beim Wachstum eines Unternehmens auch die guten Seiten gestärkt und die schlechteren Seiten beseitigt werden. Das ist die große Kunst des Unternehmertums. Außerdem schaffen es nur wenige Firmen innerhalb der ersten fünf Jahre ein weiteres komplett neues Produkt zu entwickeln wie wir es mit LAR nun getan haben. Unter allen Firmen, die bereits heute auf dem Markt sind, sehe ich keine relevanten Wettbewerber. Aber es kann immer ein neues Startup mit einem tollen Ansatz kommen. Und solch ein Unternehmen macht dann in der Branche auch richtig Dampf. Unser Kerngeschäft bleiben sicherlich intelligente Roboter. Aber die werden sich in Zukunft stark verändern und deshalb müssen wir ebenfalls innovativ bleiben. Sonst kann auch ein Unternehmen wie ArtiMinds auf Dauer nicht überleben.