Normalerweise gehen Studierende im Rahmen eines Praktikums in mittelständische Unternehmen und erhalten dort von erfahrenen Experten nützliche Tipps bei der Umsetzung von der Theorie in die Praxis. An der Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft wurde dieses bewährte Prinzip nun auf den Kopf gestellt.

Im Rahmen des Programms „Studis coachen Mittelständler“ steht der akademische Nachwuchs den Entscheidern aus kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) bei der Entwicklung von digitalen Geschäftsmodellen beratend zur Seite. „Mittelständler wissen teilweise nicht, wie sie mit den Herausforderungen der Digitalisierung und einer vernetzten Industrie 4.0. umgehen sollen“, nennt Roman Kerres vom Gründungslabor G-Lab an der Hochschule den Sinn und Zweck des Programms. Und in solchen Fällen könnten die mit Smartphones und Internet aufgewachsenen „Digital Natives“ mit ihren unverblümten Blick auf die Warenkreisläufe wichtige Impulse für die Umsetzung von innovativen Konzepten liefern.

G-Lab
„Junge Leute wissen oft nicht, wie ein Unternehmen funktioniert. Aber sie suchen nach möglichst einfachen Lösungen“ Bild: Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft.

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer ist begeistert

Der Startschuss für das Coaching-Programm fiel im September 2017 bei einem gemeinsamen Workshop von Studierenden und Mitarbeitern des Pforzheimer Metallschlauch-Produzenten Witzenmann GmbH. Bei der baden-württembergischen Wissenschaftsministerin Theresia Bauer stieß das Projekt auf regelrechte Begeisterung und mit dem daraus resultierenden Rückenwind entwickelte sich die Initiative mit dem klingenden Namen zu einem regelrechten Selbstläufer. Mittlerweile wurden bereits bei weiteren Mittelständlern ähnliche Workshops durchgeführt, einer davon Anfang 2018 beim Verpackungsmaschinenhersteller Koch Pac-Systeme GmbH in der Schwarzwaldgemeinde Pfalzgrafenweiler. 16 Studierende des Masterstudiengangs Technologie-Enterpreneurship entwickelten gemeinsam mit den Mitarbeitern des auf Sichtverpackungen spezialisierten Unternehmens insgesamt vier innovative Geschäftsmodelle. Und eines davon, nämlich die Entwicklung von „intelligenten Verpackungen“, soll in naher Zukunft in die Tat umgesetzt werden.

Bei der baden-württembergischen Wissenschaftsministerin Theresia Bauer stieß das G-Lab auf regelrechte Begeisterung Bild: Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft.

„Mittelstand muss seinen Blick erweitern“

Der Bedarf für eine strategische Vernetzung von mittelständischen Unternehmen und Studierenden mit Kenntnissen über Digitalisierung und Gründerszene ist nach Kerres` Einschätzung auch künftig vorhanden. „Der Mittelstand ist doch sehr speziell und selbst die so genannten Hidden Champions sind als Weltmarktführer in ihrer Branche extrem fixiert auf die Weiterentwicklung ihrer eigenen Produkte“, sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter des G-Lab. Durch diese einseitige Fokussierung würde die Suche nach innovativen Geschäftsmodellen und Vertriebswegen mitunter vernachlässigt, sagt der Wirtschaftsingenieur, der sich im Rahmen seiner Promotion mit dem Thema „Radikale Innovationen“ beschäftigt. Durch die „pragmatische Herangehensweise“ von Studierenden und Nachwuchswissenschaftlern können die bisherigen mittelständischen Denkmuster nach Kerres´ Einschätzung aufgebrochen werden. „Junge Leute wissen oft nicht, wie ein Unternehmen funktioniert. Aber sie suchen nach möglichst einfachen Lösungen“, sagt Kerres. Großunternehmen wie Daimler oder Bosch hätten die Zeichen der Zeit schon längst erkannt und fördern in firmeneigenen Inkubatoren gezielt Ausgründungen zur Weiterentwicklung von nachhaltigen Konzepten.

„Der Mittelstand muss sich deshalb nicht neu erfinden, sondern lediglich den Blick erweitern“, appelliert Kerres. Ein Musterbeispiel für einen funktionierenden Mix aus traditionellen und neuen Vertriebswegen ist für Kerres das vom Spülmaschinenhersteller Winterhalter praktizierte Pay-per-use-Prinzip. Gewerbliche Kunden müssen die hochwertigen Geräte nicht mehr kaufen, sondern können die Spülmaschinen mietfrei nutzen und müssen dann nach dem Motto „Pay per Wash“ lediglich für jeden einzelnen Waschgang bezahlen.

Land fördert G-Lab mit 587 000 Euro

Mit dem Gründerlabor G-Lab will die Hochschule Karlsruhe das unternehmerische Denken und die Gründungsbereitschaft von Studierenden im Rahmen der Initiative „Action Learning und Founding (ActiF) – Gründungslust wecken an realen Problemstellungen“ fördern und erforschen. Die Initiative wird vom Land Baden-Württemberg über den Fonds „Erfolgreich studieren in Baden-Württemberg – FESt-BW“ über drei Jahre mit insgesamt 587 000 Euro gefördert. Mit dem Fördergeld werden auch die drei 70-Prozent-Stellen von Kerres und den beiden wissenschaftlichen G-Lab-Mitarbeiterinnen Lisa Hauenstein und Katharina Schmidt finanziert.

Die Unterstützung des Mittelstands beim Entwickeln von innovativen Ideen ist eines der erklärten Ziele von ActiF. Auch bei „Get Digital“, einem Gemeinschaftsprojekt der Hochschule Karlsruhe und der Industrie- und Handelskammer (IHK) Karlsruhe zur Suche nach neuen Marketing-Kanälen für den Einzelhandel, stand der niederschwellige Austausch zwischen Studierenden und Unternehmern im Mittelpunkt.

„Hybride Lehre“ mit Videovorlesungen und Präsenzterminen

Doch trotz des regen Interesses aus der Wirtschaft können nicht mehr alle Anfragen von mittelständischen Unternehmen für das Programm „Studis coachen Mittelstand“ bedient werden, bedauert Kerres.

„Die Vor- und Nachbearbeitung solcher Projekte ist doch sehr zeitintensiv und langsam aber sicher gelangen wir im G-Lab an unsere Kapazitätsgrenzen“, sagt Kerres. Künftig müssten deshalb neue Wege zur Vernetzung von Studierenden und Unternehmen beschritten werden. Neben der Beratung von Unternehmen hat sich das G-Lab nämlich noch die Weiterentwicklung der Lehre auf die Fahnen geschrieben. Unter dem Schlagwort „Hybride Lehre“ will das G-Lab den Hochschuldozenten eine Verknüpfung von digitaler Wissensvermittlung und Präsenzterminen schmackhaft machen.

Theoretische Inhalte können nach diesem Modell durch sogenannte MOOCs (steht für Massive Open Online Course, auf Deutsch: offener Massen online-Kurs) vermittelt werden. Auch beim Coaching-Projekt mit der Koch Pac Systeme GmbH wurde den Studierenden das theoretische Rüstzeug für die Beratung durch den frei zugänglichen MOOC „Managing Disuptive Change“ des BWL- Professors Malte Brettel von der RWTH Aachen vermittelt. Die Vorteile der digitalen Wissensvermittlung liegen für Kerres´ auf der Hand: „Dadurch können sich die Studierenden selbständig auf die Vorlesungen vorbereiten. Und bei den Präsenzterminen können die Themen dann auf Augenhöhe diskutiert und vertieft werden.“

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