Ich kann das Jammern rund um die angeblich schleppende Digitalisierung nicht mehr hören und stimme dem Timotheus Höttges, CEO der Deutschen Telekom AG, zu. „Europas Telcos sollen sich auf das B2B-Geschäft und die 5G-Revolution konzentrieren“. Ich glaube, dass unterschiedliche Märkte unterschiedliche Netze benötigen; dass hierzulande ‚dumme‘ Ländervergleiche das eigentliche Ziel vernebeln und dass wir nicht ausschließlich auf Glasfaser setzen sollten.

Es bleibt dabei. Deutschland ist, bezogen auf das Internet, ‚scheinbar‘ nur Mittelmaß. So zumindest berichtet der Report ‚state of the internet‚. Es reicht lediglich für die rechte Surfspur; bei durchschnittlichen 15,3 Megabit pro Sekunde (Mbit/s). Richtet man die Lupe dagegen nur auf Deutschland, können sich die hiesigen Internetgeschwindigkeiten eigentlich sehen lassen. Egal, denkt sich die Masse. Schaut man global, befinden sich auf der Überholspur Länder wie Südkorea, Norwegen, Schweden, Hong Kong und die Schweiz. Allesamt knapp über 20 Mbit/s.

Breitband, Ländervergleich; was ein Blödsinn

Deutschland hat etwa im Vergleich zu Südkorea knapp 30 Millionen Menschen mehr zu versorgen. In Deutschland müssen wesentlich mehr Bürger in ländlichen Regionen bedient werden als auf der ostasiatischen Halbinsel. Zudem stehen 100.000 südkoreanischen Quadratkilometern 360.000 deutsche Quadratkilometer gegenüber. Der gravierendste Unterschied dürfte allerdings die Bevölkerungsdichte in Südkorea ausmachen. Knapp die Hälfte der Gesamtbevölkerung lebt rund um die Region Sudogwon mit dem Ballungsgebiet Seoul. „An den Küsten des Landes finden sich noch weitere Millionenstädte, wodurch sich die Bevölkerung Südkoreas maßgeblich in Städten aufhält. Dementsprechend hoch ist die Bevölkerungsdichte Südkoreas: 513 Einwohner pro Quadratkilometer. Deutschland hat fast weniger als die Hälfte (229 Einwohner pro Quadratkilometer)“, stellte das Motherboard Mitte 2016 fest. „Die entsprechende Wohnsituation der Südkoreaner in den Ballungszentren begünstigt einen schnellen Breitbandausbau, da dort wegen der starken wirtschaftlichen Lage vor allem viele Apartmentblocks neu gebaut und mit schnellen Internet-Zugängen ausgestattet werden. Auch wenn in Deutschland die Mehrzahl der Bürger in Städten lebt, finden sich in Deutschland keine derartigen Ballungszentren, deren Versorgung mit großzügigem Breitband auf einen Schlag Millionen Menschen mit schnellem Internet versorgen könnten“, erklärt das Motherboard abschließend. Meines Erachtens hinkt daher ein solcher Ländervergleich. Auch mit anderen ‚Spitzenländern‘, wie Schweden (zehn Millionen Einwohner), Norwegen (fünf Millionen Einwohner), Hongkong (sieben Millionen Einwohner) und der Schweiz (acht Millionen Einwohner), sind Vergleiche nett aber nicht aussagekräftig. Ach ja, die USA mit Unternehmen wie Google, Apple, Facebook und Microsoft platzieren sich lediglich auf den zehnten Platz (18 Mbit/s).

Digitalisierung, digitale Transformation und der Mittelstand

Keine Frage, Deutschland hat Nachholbedarf. Doch sollten wir dabei nicht alles zusammenwürfeln. Es geht doch zum einen um die Digitalisierung sowie um die digitale Transformation. Sprich, zum einen um die zunehmende Durchdringung von Wirtschaft und Gesellschaft mit digitalen Technologien, zum anderen um die beispielsweise zielgerichtete Anpassung eines Unternehmens an die fortschreitende Digitalisierung. Auch wenn wir geografisch betrachtet nur einen Platz im Mittelfeld einnehmen, verstecken müssen wir uns nicht. Gerade im Umfeld von Unternehmen ist man geteilter Meinung.

Ich beobachte seit Jahren den Mittelstand und die damit verbundenen vernetzten Technologien rund um Industrie 4.0 und Internet of Things. Hierzulande müssen Unternehmen hinsichtlich der Digitalisierung allerdings entweder Glück mit der Region haben oder sich eine eigene direkte Standleitung legen lassen. Letzteres ist mittlerweile bei vielen Unternehmen Standard. Auch um die speziellen Serviceleistungen in Anspruch zu nehmen, die ein herkömmlicher Anbieter/Vertrag nicht Ansatzweise erfüllen kann. Es bleibt dabei: Im industriellen Umfeld spielt das Internet ‚nur‘ eine Nebenrolle. „Dem Trend des Cloud-Computings werden wir uns garantiert nicht verschließen. Wir arbeiten bereits mit einigen Partnern und Kunden Cloud-basierend zusammen. Ein Materialfluss-System wird es aber nach unserer Erfahrung nicht in mittelfristiger Zukunft in die digitale Wolke schaffen. Zu individuell sind die Anforderungen, zu hoch wären die Netzwerk-Latenzen“, so Dipl.-Informatiker Ulrich Sommer von Dr. Thomas + Partner*. „Die benötigten Antwortzeiten liegen im einstelligen Millisekunden-Bereich. Über das Internet sind diese, speziell in Sachen Materialflusssteuerung und dem Zusammenspiel mit Speicherprogrammierbaren Steuerungen, nicht konstant realisierbar. Von den fehlenden Sicherheitsaspekten, die lokale Lösungen als Standard implementiert haben, ganz zu schweigen. Und ein Ausfall eines Distributionszentrums kann schnell zu einem sechsstelligen Betrag heranwachsen. Und genau das ist der springende Punkt. Eine kostenpflichtige Studie von Horváth & Partners hat festgestellt, industrielle Verfahren entlang der Wertschöpfungskette sind weniger digitalisiert als beispielsweise geschäftsführende Prozesse wie Vertrieb, Marketing, Services und Steuerungsabläufe. Und Deutschland ist nunmal eine Industrienation, bei der die Supply Chain im Fokus der Unternehmen steht. Wir sollten zudem die Digitalisierung nicht ausschließlich auf die klassischen Großstädte projizieren. Die High-Tech-Unternehmen sind nicht in Berlin oder Hamburg angesiedelt.

Gesellschaftlich hinken wir allerdings tatsächlich hinterher; speziell in Sachen Bildung muss die Politik aufs Gaspedal drücken. Fälle, wie ängstliche Lehrer oder der unglaubliche WLAN-Skandal von Gerrit Ulmke, dürfen in Zukunft nicht mehr den Alltag beschreiben.

Glasfaser ist flächendeckend zu teuer

Und Privatanwender? Nun, der Durchschnitt soll, wie anfangs erwähnt, mit knapp 15 Mbit/s surfen – wahrscheinlich betrifft das aber eher ländliche Regionen oder strukturschwache, mit wenig Industrie. So bieten mittlerweile Anbieter, etwa um die Region Karlsruhe, Geschwindigkeiten von bis zu 400Mbit/s an. In Karlsruhe surft laut Stadtverwaltung der Durchschnitt mit mindestens 50 Mbit/s. Warum also surft man außerhalb der großen Städte teilweise im Schneckentempo? Nun, in Deutschland ist das Verlegen von Glasfaserleitungen unglaublich teuer: „Grabungsarbeiten kosten schon auf dem Land rund 100 Euro pro Meter, in der Stadt gern fünf- bis zehnmal soviel“, konstatiert Heise Online im Kommentar ‚Glasfaser für alle? Welch ein Unfug!‚ Nicht jede Stadt beziehungsweise Kommune kann sich das leisten. Der Autor Ernst Ahlers schreibt dazu, dass Glasfaser in Deutschland ein Ladenhüter sei und sich bisher lediglich rund ein Drittel der zwei Millionen möglichen Kunden für die extraschnelle Leitung entschieden haben. Kein Wunder, denn laut Ehlers ist Vectoring wirtschaftlich meist sinnvoller. Ehlers bietet auch gleich ein Beispiel: Ein ehemaliger Kollege wohnt inmitten eines Mischgebietes zentral in Hannover. „Seine Telefonleitung läuft überirdisch auf Masten. Die Wohngemeinschaft teilt sich einen 8-Mbit/s-Anschluss, Kabel-TV gibt es nicht. Das Angebot der Telekom: Für nur 50.000 Euro Nutzeranteil stellen wir an die Einmündung einen Verteiler und legen von dort Glasfaser bis ins Haus (FTTH). Raten Sie mal, wie viele Straßennachbarn sich beteiligen wollten.“
Und er legt nach: „Wenn die Schaufelei nicht wäre, ließe sich eine Glasfaser-Infrastruktur auf der letzten Meile, wie in den oft gerühmten asiatischen Staaten, im Handumdrehen auch bei uns schaffen: Einfach noch eins rauf auf die Masten. Doch das neue Kabel muss teuer unter die Erde. Für mich handelt deshalb die Telekom mit ihrem Vectoring-Ausbau konsequent und wirtschaftlich vernünftig, indem sie die existierende Infrastruktur solange wie möglich weiternutzt.“ Zumal die Praxis in Sachen Breitband zeigt, wo es eventuell auch hakt.

Beispiel: Vorgehensweise Breitbandausbau

Hinzu kommt, dass die digitale Überholspur nur mit Zustimmung des einzelnen Anwohners ins heimische Wohnzimmer gelangt. Das zeigt das Beispiel in Furtwangen/Baden-Württemberg. Im ‚Oberen Bregtal‘ bauen Kommunen gemeinsam mit dem Zweckverband Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar das Glasfasernetz aus. Die wahrscheinlich aus Kostengründen vorgeschriebene Vorgehensweise ist dabei recht bürokratisch. „Der Verband verlegt Stück für Stück durch den gesamten Landkreis einen sogenannten Backbone. Dieser bildet die Hauptleitung für das digitale Netz. Für die Verlegung kommt der Schwarzwald-Baar-Kreis auf. Sobald der Backbone eine Kommune erreicht, kann die Planung des Ortsnetzes beginnen“, so Jochen Cabanis, Geschäftsführer des Zweckverbands. Von dort aus wird die Glasfaser ans Haus verlegt. Hat die Kommune demnach ein Gebiet freigeben, wird bis an das Bau- oder bebaute -Gebiet die Backbone-Leitung verlegt.
Dann wird es kompliziert: Alle betroffenen Grundstückseigentümer werden vom Verband befragt, ob sie überhaupt eine solche Leitung möchten, ob überhaupt ein Interesse besteht und ob sie dafür die zusätzlichen Kosten selbst tragen. Kreisweit liege man bei der Anschlussrate zwischen 30 und 100 Prozent. Und die Kosten werden womöglich noch steigen; denn der nächste Streit ist bereits programmiert beziehungsweise im vollen Gange. So will Telekom-Chef Tim Höttges in Zukunft freie Hand beim Bau des schnellen Breitbandnetzes erhalten. Anders ausgedrückt: Er will der Konkurrenz das verbaute Netz nicht zu regulierten Preisen zur Verfügung stellen. „Die milliardenschweren Investitionen würden sich fortan nicht mehr rechnen.“ Sprich, es fehlt nicht an fehlender Technologie, noch fehlt es an fehlendem Know-how – lediglich die Buddelei ist laut Telekom nicht wirtschaftlich.

5G-Netzwerke – Lichtgeschwindigkeit ist nicht genug

Aber vielleicht hilft ja der Kompromiss der aktuellen Koalitionsverhandlungen von CDU/CSU und SPD (Facebook-Link). „Wir werden für den Breitbandausbau einen Fond auflegen, in dem ungefähr zehn bis zwölf Milliarden Euro dafür sorgen werden, den Breitbandausbau voranzutreiben“, so SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil. „Wir wollen spätestens 2025 das Recht auf schnelles Internet verankern.“ Meines Erachtens viel wichtiger: Es sollen zusätzlich wettbewerbsfreundliche Anreize für Telekommunikationsunternehmen geschaffen werden, damit diese das Glasfasernetz schneller und wahrscheinlich auch subventioniert verlegen können. Besonders hervorgehoben wird dabei die Digitalisierung im ländlichen Raum.

Meines Erachtens wird sich Glasfaser im privaten Sektor nicht alleine durchsetzen. Ich denke da eher an eine Art 5G-Mesh-Netzwerk innerhalb einer Femtozelle. Per Mesh-Netz wird diese Femtozelle automatisch erweitert und kann Highspeed-WLAN dorthin bringen, wohin kabelgebundenes Internet nie kommen wird. Uns muss zudem klar sein, dass wahrscheinlich auch das 5G-Netzwerk für zukünftige Technologien nicht ausreichen wird. Ich war bis vor Kurzem zwar anderer Meinung; doch alleine beziehungsweise gepaart mit dem taktilen Internet sind fahrerlose Transportmittel wahrscheinlich nicht realisierbar. „Beispielsweise reichen für vernetzte Autos die Latenzen von 5G bisher nicht aus, selbst wenn alles über Glas geht. Weniger als zehn Millisekunden auf den Stationen vom Fahrzeug über die mobile Site in die Cloud zu den Applikationen und wieder zurück sind zu viel. Lichtgeschwindigkeit ist nicht genug“, mahnt Telekomchef Timotheus Hoettges. Was wir hinsichtlich der Digitalisierung brauchen sind günstige und schnell realisierbare IT-Lösungen – eine Mischung aus Glasfaserleitung und WLAN-Technologie. Das Motto muss sein, bestehende Infrastrukturen zu vernetzen. Und ja, die digitale Transformation kommt dann von selbst, glaubt mir!

*Der Autor Verantwortet bei Dr. Thomas + Partner die Redaktion.

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