Das erste Smartphone von Android-Erfinder Andy Rubin wurde von der Branche mit Spannung erwartet. Nun ist es da – und entpuppt sich als unspektakuläres High-End-Smartphone. Zugleich zeigt das Essential Phone, dass modulare Konzepte, die einst für mehr Nachhaltigkeit sorgen sollten, inzwischen einzig dem Verkauf von Zubehör dienen.

Darf ich vorstellen, dass Essential Phone: 5,7 Zoll Bildschirm (nahezu rahmenlos, 19:10-Seitenverhältnis) mit einer Auflösung von 2.560 x 1.312 Pixeln, Qualcomm-Prozessor der neuesten Generation, vier Gigabyte Arbeitsspeicher, 128 Gigabyte interner Speicher und eine Dual-Kamera mit 13 Megapixeln (ein Farb-, ein Schwarz-Weiß-Sensor). Soweit so gut. Den fast rahmenlosen Bildschirm kennen wir vom Samsung Galaxy S8, die Dual-Kamera vom Huawei P10 – und auch am iPhone hat sich Andy Rubin orientiert, denn beim Essential Phone kann weder der Speicher erweitert werden, noch gibt es einen Kopfhöreranschluss.

Und dann wäre da noch das Gehäuse aus Titan und Keramik. Zugegeben, diese Materialkombination ist bislang einzigartig in der Branche, aber ein Gehäuse allein hebt ein Smartphone eben noch nicht von der Masse ab.

Das Smartphone, das modular sein wollte

Auf den ersten Blick ist das Essential Phone also nur ein weiteres High-End-Smartphone à la Samsung Galaxy S8 und iPhone. Und auf den zweiten Blick? Nein, auch auf den zweiten Blick ändert sich an dieser Einschätzung nichts.

Einige Medien haben das Essential Phone als „modular“ bezeichnet. Modular bedeutet in diesem Fall jedoch nur, dass sich auf der Rückseite des Smartphones ein Magnetsystem befindet, an das man Zubehör anschließen kann – zum Beispiel eine 360-Grad-Kamera und ein Lade-Dock. Andy Rubin spricht gar von einem ganzen Ökosystem an Zubehör, das in den kommenden Monaten stetig erweitert werden soll.

Auch das haben wir doch alles schon einmal gehört? Ach ja, richtig, beim LG G5. Das Smartphone der Südkoreaner war ebenfalls modular: Kameragriff, Audio-Modul, 360-Grad-Kamera, und so weiter. Letztendlich kamen einige der Module in Deutschland erst gar nicht auf den Markt und ein Jahr später war das Experiment „modulares Smartphone“ auch schon wieder beendet.

Ob das beim Essential Phone anders laufen wird? Man weiß es nicht. Ohnehin ist unklar, was man von einem modularen Smartphone zu halten hat, dessen Akku fest verbaut und Speicher nicht erweiterbar ist.

Profit- schlägt Nachhaltigkeitsgedanke

Erinnert sich noch jemand an Project Ara? Damals wollte Google ein Smartphone erschaffen, das individuell, flexibel und nachhaltig ist. Die Käufer sollten die Möglichkeit haben, zentrale Bestandteile wie Display, Prozessor und Kamera auszutauschen – anstatt gleich ein neues Smartphone zu kaufen. Der Umwelt zu liebe. Es ging darum, den Elektroschrott auf dem Planeten zu reduzieren. Im September 2016 wurde das Projekt vorzeitig beendet.

Dieser Tage ist einzig das Fairphone um Nachhaltigkeit bemüht. Beim Essential Phone bedeutet „modular“ dagegen nur, dass man zum 699 US-Dollar teuren Smartphone weiteres Zubehör für viel Geld kaufen kann. Und da kein anderes Smartphone auf das Magnetsystem des Essential Phones setzt, wird man das Zubehör auch nur mit diesem Gerät nutzen können.

Keine Frage, für Technikfans ist das Essential Phone sicherlich eine spannende Sache, aber es ist in keinster Weise revolutionär oder anders, als die Smartphones der Konkurrenz – und noch ist unklar, ob es überhaupt den Weg nach Deutschland schafft.