Wir kommunizieren per Textnachricht, lesen Romane auf dem E-Book-Reader, kaufen online ein und lassen unseren Rasen von Robotern mähen – dass die Digitalisierung unseren Alltag nachhaltig verändert, steht außer Frage. Um die Auswirkungen der digitalen Transformation auf die Gesellschaft in einer offenen Runde diskutieren zu können, wurde 2015 der #digiTALK ins Leben gerufen – eine Plattform für jeden, der sich für das Thema interessiert und sich mit anderen darüber austauschen möchte.

Am 8. November fand der #digiTALK zum neunten Mal statt. In der Karlshochschule diskutierten Vertreterinnen und Vertreter des ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe und der lokalen Kunstszene mit dem Publikum darüber, wie die Digitalisierung die Kunst- und Kulturlandschaft verändert.

Kunst im 21. Jahrhundert muss interaktiv sein

Dominika Szope, Leiterin der Abteilung Kommunikation und Marketing des ZKM, thematisierte im ersten Vortrag des Abends das Zusammenspiel von Kunst und Technologie. Kunst habe heute die Aufgabe, Menschen die Hemmschwelle zur intensiven Auseinandersetzung mit neuen technologischen Entwicklungen zu nehmen. „Die Technologie entwickelt sich schneller weiter, als wir unsere Fähigkeiten daran anpassen können. Wir hinterfragen technologische Errungenschaften und deren Auswirkungen nicht mehr,“ so Szope. Genau das sei der Grund für die Ausstellung Open Codes gewesen, die schon seit Oktober 2017 im ZKM läuft. „Menschen möchten heute Kunst mitgestalten und selbst Teil davon sein, daher müssen wir die Möglichkeit zu Interaktion geben.“ Interaktive Elemente bietet die aktuelle Ausstellung im ZKM reichlich. So können Besucher beispielsweise Alter, Größe und Geschlecht von einer künstlichen Intelligenz schätzen lassen oder sich selbst in einem virtuellen Raum wiederfinden. Die Ausstellung soll dazu beitragen, technologische Errungenschaften über die Kunst zugänglich zu machen, aber auch über deren Herausforderungen zu informieren. „Wir dürfen unser kritisches Denken nicht verlernen. Ganz im Gegenteil: Wir müssen es schulen, um künftige Entwicklungen kritisch hinterfragen zu können“, so Szope. In einer Welt, in der Maschinen unsere Arbeit übernehmen, bleibe das kritische Denken die Domäne des Menschen.

digiTALK Kunst
Bild: Tim Carmele | TMC Fotografie

Digitale Kuratoren sind schon Gegenwart

Von der digitalen Arbeitskultur in der Kunstbranche berichtete Florian Trott, Leiter der Kommunikationsabteilung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. „Unsere digitale Strategie wird abteilungsübergreifend und agil erarbeitet“, beschrieb Trott die Arbeitsabläufe der Staatlichen Kunsthalle. In einer digitalen Sprechstunde, die paradoxerweise analog stattfindet, kann sich das Team der Kunsthalle im persönlichen Gespräch über digitale Themen informieren.

Zudem stellt die Kommunikationsabteilung für die Kollegen ein digitales Reporting bereit. Das gibt detaillierte Auskunft über Kennzahlen wie Website-Aufrufe, erfolgreiche Social Media Posts und Kunstthemen, die in den Online-Medien diskutiert werden. „Mit dem digitalen Reporting möchten wir intern ein Bewusstsein für die Bedeutung unserer digitalen Kommunikation schaffen“, erklärte Trott die Maßnahme. Als er erwähnte, dass die Staatliche Kunsthalle derzeit einen „digitalen Kurator“ sucht, ging ein ungläubig-entsetztes Raunen durch das Publikum. Die Zuschauerinnen und Zuschauer wurden aber schnell beruhigt: „Es handelt sich dabei um eine Person aus Fleisch und Blut, die für die digitalen Inhalte verantwortlich ist“, ergänzte Trott. Also doch kein Algorithmus, der sich um die Auswahl und Gestaltung der Ausstellungen kümmert – sondern ein echter Mensch, der unter anderem die Anpassung und Umsetzung der Strategie für die digitale Kunstvermittlung verantwortet.

Bild: Tim Carmele | TMC Fotografie

Künstlerisches Schaffen bleibt analog

Den Mythos vom Hungerkünstler brach Helena Neubert auf, die im dritten und letzten Vortrag des Abends zeigte, welche Möglichkeiten die Digitalisierung für Kunstschaffende bietet. „Die meisten Künstler kriegen einen dicken Hals, wenn man sie fragt, womit sie eigentlich ihr Geld verdienen“, kommentierte Neubert das weit verbreitete Image der brotlosen Kunst. So ganz von der Hand zu weisen sei diese Annahme nicht, da die „Qualifikation zum Geldverdienen“ in einer klassischen Kunstausbildung nicht gefördert werde.

Das weiß Neubert nur zu gut: Nach ihrem Kunststudium baute sie ihr eigenes Unternehmen auf. Das Internet und digitale Medien spielen dabei eine wesentliche Rolle. Die Künstlerin ist auf sämtlichen sozialen Netzwerken vertreten und lässt dort ihre Follower an der Entstehung ihrer großformatigen Gemälde teilhaben. „Die Wahrscheinlichkeit, dass Künstler lokale Abnehmer finden, ist nicht allzu groß. Heutzutage gibt es viel bessere Möglichkeiten, Kunst an den Mann zu bringen.“ Damit meint sie neue Vertriebswege jenseits von Online-Shops. So können Kunstschaffende beispielsweise Online-Kurse anbieten, für die Teilnehmer eine entsprechende Gebühr bezahlen. Über die Vermittlung des eigenen Wissens hinaus können Künstler auf diese Weise ihre Werke bekannt machen und an interessierte Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer verkaufen. Eine zusätzliche Einnahmequelle könnten Kunstschaffende über die Lizenzierung ihrer Werke schaffen. Künstler erlauben dabei gegen eine Lizenzgebühr, dass zum Beispiel ihre Gemälde online als Poster verkauft werden.

Die Frage, ob digitale Medien auch bei der Schaffung ihrer Kunst eine Rolle spielen, verneinte sie: „Ich lasse Interessierte zwar an der Entstehung meiner Werke teilhaben, Einfluss darauf können sie aber nicht nehmen. Meine Gemälde entstehen autark, und das wird auch so bleiben.“

Kritik und Bedenken aus dem Publikum

Einige Kunstliebhaber im Publikum schienen noch nicht bereit für die digitale Revolution. So äußerte eine Zuschauerin ihr „mulmiges Gefühl“, als Trott einen Produktkonfigurator vorstellte, mit dem Besucher der Kunsthalle Taschen oder Tassen mit einem Gemälde ihrer Wahl bedrucken lassen können. Auch andere Teilnehmer kritisierten die „Zweckentfremdung der Kunst“, die mit der Digitalisierung einhergehe.

Kunst würde immer mehr zu einem Contentmedium, das mit dem ursprünglichen Kunstgedanken nicht mehr viel zu tun habe. Dieser Kritik entgegneten die Sprecher auf der Bühne, dass Institutionen nur mithilfe moderner Maßnahmen eine junge Zielgruppe erreichen können. „Wir müssen jetzt daran arbeiten, auch junge Menschen für Kunst zu interessieren – denn sonst sterben die Museumsbesucher aus“, so Szope. Digitale Medien böten die Möglichkeit, das Erlebnis vor Ort in den Museen zu erweitern und weiterführende Informationen zu Kunstwerken bereitzustellen.

Künstliche Intelligenz wird nicht als Bedrohung gesehen

Die Frage, ob Maschinen eines Tages Kunstschaffende ersetzen werden, beantworteten alle drei Experten mit einem klaren „Nein“. Szope erklärte das so: „Menschen interessiert die Geschichte hinter einem Kunstwerk, die maschinell erstellten Werken fehlt.“ Moderator Uwe Gradwohl vom SWR gab zu bedenken, dass schon jetzt von Robotern erstellte Gemälde für mittlere fünfstellige Summen verkauft werden. Die Sprecher auf der Bühne blieben dennoch bei ihrer Meinung. Trott erwiderte: „Für die Schaffung von Kunst braucht es Empathie und Kreativität – die kann eine künstliche Intelligenz nicht kopieren.“

Der Karlsruher #digiTALK ist ein Gemeinschaftsprojekt des Wissenschaftsbüros der Stadt Karlsruhe, der Karlshochschule sowie des Nachrichtenportals ka-news und der Agentur contentwerk. Thema und Datum des nächsten #digiTALKs stehen derzeit noch nicht fest. Interessierte werden auf Facebook oder der Website auf dem Laufenden gehalten.