Der neue Mobilfunkstandard LTE Advanced verspricht mehrere Gigabit pro Sekunde. Provider schrauben an ihrer Marketing-Strategie, während Smartphone-Produzenten für kompatible Endgeräte sorgen. Was bringt der Datenturbo? Wer kann ihn jetzt schon nutzen?

Aufgrund widersprüchlicher Marketing-Versprechen ist es nicht verwunderlich, dass die Bezeichnungen der verschiedenen Übertragungstechniken nur schwer voneinander zu unterscheiden sind. Vor allem in den USA prägen Begriffe wie 4G+ oder sogar schon 5G die Datenblätter der Anbieter. Dabei gibt es für die verschiedenen Standards durchaus festgelegte Bezeichnungen. So beschreibt 2G die Datenübertragung per GSM, 2.5G die Erweiterung GPRS und 2.75G den geläufigeren Namen EDGE. Mit 3G und 3.5G folgen UMTS und die Erweiterung HSPA. Selbst LTE zählt als Generation 3.9 streng genommen noch zu den 3G-Standards. Erst der Nachfolger LTE Advanced darf sich offiziell als 4G-Netz bezeichnen, so das Standardisierungs-Gremiums 3GPP.

Schneller und zuverlässiger

Es geht aber noch genauer. So kategorisiert die 3GPP Mobilfunkstandards grob in Releases. Innerhalb dieser Releases befinden sich wiederum mit „Cat.“ abgekürzte Kategorien. Die zugrundeliegende Technik ist im Prinzip gleich, die Möglichkeiten im Speziellen jedoch erweitert.

Die meisten fähigen LTE-Geräte fallen derzeit unter das Release 8. Während Cat. 1 und Cat. 2 zu vernachlässigen sind, werden Cat. 3 und Cat. 4 mit 100 Mbit/s und 150 MBit/s im Downstream funken. Mit Cat. 5 sind bereits 300 MBit/s möglich. Mit dem Release 10 führte die 3GPP die unter dem Begriff „LTE Advanced“ oder „4G“ bekannten Standards Cat. 6, Cat. 7 und Cat. 8 ein.

Größter Vorteil von LTE Advanced ist die sogenannte Carrier Aggregation. Diese kombiniert einzelne nicht zwangsläufig beieinanderliegende Frequenzen, um so eine höhere Bandbreite zu erreichen. Zudem steigert LTE Advanced die gleichzeitig verfügbaren Antennen (MIMO) auf bis zu acht im Downstream und vier im Upstream. Schließlich sorgt die sogenannte Coordinated Multi Point Transmission, kurz CoMP, für die Koordination der Datenströme in Gebieten, in denen mehrere Mobilfunk-Basisstationen senden. Hier können sich Smartphones gleichzeitig in mehrere Netze einbuchen dadurch den Datendurchsatz steigern oder aber die Datenqualität verbessern. LTE Advanced ermöglicht so mit Cat. 6 und Cat. 7 300 MBit/s im Downstream, während für Uploads 50 MBit/s beziehungsweise 150 MBit/s zur Verfügung stehen. Cat. 8 ist mit bis zu 1.200 MBit/s Downlink und 600 MBit/s Uplink der derzeit schnellste in der Praxis verwendete LTE-Standard. Release 11 und Release 12 sind in der Theorie bereits fertiggestellt, um in den kommenden Jahren in die Praxis umgesetzt zu werden.

Ausbau in Deutschland

Während LTE Cat. 7 und Cat. 8 derzeit nur im Rahmen kleinerer Tests zum Einsatz kommen, steht Cat. 6 bereits jetzt in einigen Ballungsräumen zur Verfügung. Die Telekom kombiniert dort die bisher verwendete Frequenz um 1.800-MHz-Frequenz mit der Frequenz um 2.600 MHz. Die Netzausbau-Seite der Telekom zeigt die Verfügbarkeit unter anderem in Berlin, Dresden, Hannover, Stuttgart sowie einige Städten des Ruhrgebiets. Interessierten bietet der Provider mit Data Comfort Free einen kostenlosen Testzugang für das Highspeed-Netz. Bei Vodafone ist LTE Cat. 6 mit 225 MBit/s im Downstream nicht ganz so schnell, dafür will der Telekom-Konkurrent zum demnächst erfolgenden Start mindestens 50 deutsche Städte mit LTE Advanced versorgen. Bei O2 befindet sich LTE Advanced bereits seit Ende 2013 im Test, jedoch nur auf dem Dach der Konzernzentrale in München. Weitere Ausbaupläne der Münchner sind derzeit nicht bekannt.

LTE-Verfügbarkeit im Raum Karlsruhe Bild: Deutsche Telekom)
LTE-Verfügbarkeit im Raum Karlsruhe. Advanced im dunkelvioletten Bereich verfügbar (Bild: Deutsche Telekom)

Aufgrund der wachsenden Zahl mobiler Endgeräte sind die Geschwindigkeiten als theoretisch zu betrachten. Findet nicht gleichzeitig eine Kapazitätserhöhung der Anbindung des Mobilfunksenders statt, erhöht sich die Durchschnittsgeschwindigkeit für Anwender kaum. Selbst Geschwindigkeiten um 50 MBit/s, wie O2 diese maximal bietet, sind bei der gleichzeitigen Versorgung mehrerer Nutzer Traumwerte. Spürbar wird das neue Netz hingegen bei der Latenz und bei schlechter Verbindungsqualität. Angenommen diese liegt bei nur zehn Prozent, lassen sich mit LTE Advanced noch immer 30MBit/s im Telekom-Netz erreichen, während LTE mit maximal 100 MBit/s im Download auf 1 MBit/s sinkt.

Endgeräte und Verträge mit LTE Advanced

Bei der Deutschen Telekom ist LTE Advanced bereits in den zwei Komplettverträgen MagentaMobil Plus und Complete Premium inklusive. Auch die Datentarife Data Comfort L und Mobile Data L erlauben bis zu 300 MBit/s. Über die Speed Option LTE Max ist das schnelle Netz im Magenta Mobil S, M und L sowie im Data Comfort S und M per Option hinzubuchbar. Im MagentaEINS Paket und als Willkommensgeschenk für die ersten 31 Tage gibt’s LTE Advanced zudem bei sämtlichen Neuverträgen. Vodafone stuft Geschäftskunden mit Rahmenvertrag mit der LTE Booster Option auf 150 MBit/s hoch, Privatkunden steht 4G im Vodafone-Netz noch nicht zur Verfügung.

Damit Smartphones, Tablets und mobile Router das derzeit schnellsten LTE-Netz realisieren können, ist ein Mobilfunkchip mit mindestens LTE Cat. 6 Voraussetzung. Eine besonders große Auswahl an LTE-Advanced-fähigen Geräten bietet Samsung. Neben den aktuellen Flaggschiff-Geräten Galaxy S6 und S6 Edge sind auch das Note 4, Note Edge, Alpha sowie das S5 LTE+ in der Lage, sich per Cat. 6 zu verbinden. Weitere unterstützte Geräte sind Googles Nexus 6, das HTC One M9, das G Flex 2 und G3 Prime von LG sowie Huaweis Ascend Mate 7. Apples iPhone funkt weiterhin per Cat. 4, spätestens im Herbst dürfte ein neues Modell mit schnellerem Mobilfunkchip folgen.

Tempomacher: Samsung Galaxy S6 bietet LTE Advanced Bild: Samsung)
Tempomacher: Samsung Galaxy S6 Edge funkt mit LTE Advanced (Bild: Samsung)

Um auch zu Hause per LTE Advanced zu surfen, liefern die Telekom und Vodafone eine weiß-magenta beziehungsweise weiß-rot gebrandete Version des Huawei E5186 aus. Eine Alternative ist die Fritzbox LTE-Advanced des deutschen Herstellers AVM. Für den Datenturbo unterwegs bietet Huawei mit dem mobilen Router E5786 ebenfalls eine Lösung. Kunden der Telekom erhalten das technisch baugleiche Gerät als Speedbox LTE mini II.