Ende vergangenen Jahres hat der Bund viel Geld für die Digitalisierung der Schulen in Aussicht gestellt. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann sah in diesem „Digitalpakt“ jedoch einen Frontalangriff auf die föderale Struktur. Die Suche nach einem Kompromiss dauert an. Völlig unbeachtet bleiben derweil die eigentlichen Probleme der Schuldigitalisierung. Ein Kommentar.

Als ich mit dem Lehramtsstudium im Jahr 2007 in Heidelberg begann, hatte Steve Jobs gerade das iPhone vorgestellt. Es war der Beginn des Smartphone-Zeitalters. Computer und das Internet? Darüber verfügte zu diesem Zeitpunkt bereits ein Großteil der deutschen Privathaushalte. Jedem war klar, dass sich unsere Gesellschaft wandelt und die Digitalisierung nach und nach in alle Bereiche Einzug hält.

Naja, zumindest dachte ich das. Schnell musste ich feststellen, das selbst eine „Elite-Uni“, wie jene in Heidelberg, noch reichlich analog aufgestellt war. Ich erinnere mich noch gut daran, wie es uns als absolutes Highlight verkauft wurde, dass man sich für Seminare nun auch online eintragen kann, anstatt am Schwarzen Brett. Vielleicht funktioniere es. Bei so neumodischen Dingen wisse man das ja nie. Naja…

Und dann kam er – der erste Tag mit Seminaren und Vorlesungen. MacBook auspacken und los geht’s. Irritierte Blicke, Getuschel. Ich schaute mich um und musste feststellen, dass meine Kommilitoninnen und Kommilitonen nahezu ausnahmslos mit Stift und Papier dasaßen. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Mit dem Aufklappen meines MacBooks hatte ich mir unfreiwillig die Stelle des Technikbeauftragten eingehandelt. In den kommenden Jahren war ich in jedem Seminar dafür zuständig, Power Point-Präsentationen zum Laufen zu bringen und dafür zu sorgen, dass der Beamer der Uni sich mit dem Notebook der Vortragenden verbindet. Für die Seminarleiter war all das verschwendete Zeit. Mit Flipchart und dem guten alten Overheadprojektor wäre das doch alles viel einfacher.

Und dann war da noch das Seminar, in dem die Frage aufkam, wie man Dateien sinnvoll unter den Studierenden teilen kann. Ich schlug Dropbox vor. Der Rest ist Geschichte…

Auch die Jungen sind Teil des Problems

In der Debatte zur Digitalisierung entsteht schnell der Eindruck, dass es zwei Lager gibt: Die Alten, die neue Technologien verteufeln, und die Jungen, die als Digital Natives aufgewachsen sind. Doch der Schein trügt. Die Mehrheit meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen war anlog unterwegs – und hatte auch keinerlei Interesse am Digitalen. Ich erinnere mich noch gut an ein Gespräch über iPads im Schulunterricht. Mit Entsetzen erklärte mir eine Kommilitonin, dass sie sich „mit so Zeugs“ nicht auskenne und das auch „kein Mensch brauche“. Schon gar nicht im Unterricht. Unterrichten sei so schon stressig genug, da beschäftige sie sich doch jetzt nicht noch mit irgendwelchen Tablets oder Computern. Das war im Jahr 2012. Heute dürfte diese Kommilitonin in etwa 30 Jahre alt sein und als (vergleichsweise) junge Lehrerin an einer Schule arbeiten. Ich bin mir sicher, dass sie vom Digitalpakt wenig begeistert ist.

Und sie ist kein Einzelfall. Während meiner Studienzeit begegnete mir kaum jemand, der echtes Interesse an der Digitalisierung des Schulunterrichts hatte. Wozu sich mit Neuem beschäftigen, bislang hat’s ja auch funktioniert. Diese Mentalität spiegelte sich auch in den an der Uni angebotenen Kursen wieder. Ich konnte Seminare belegen, in denen ein ganzes Semester lang zwei Werke von Shakespeare bis hin zum letzten Komma verglichen wurden. Aber es gab nicht einen Kurs, der sich mit dem Einsatz neuer Medien im Unterricht beschäftigte – in einem Zeitraum von fünf Jahren wohlgemerkt.

Vielleicht war es auch gut so. Denn als ich im Jahr 2013 ein Praktikum an einem Gymnasium im Enzkreis absolvierte und im Unterricht mein iPad nutzte, um Notizen zu machen, löste ich damit eine hitzige Debatte im Lehrerzimmer aus. „Den Schülern nehmen wir die Smartphones weg und der nutzt da sein iPad. Das geht doch so nicht.“ Letztendlich wurde mir nahegelegt, doch lieber auf „klassische“ Methoden zu setzen, um nicht negativ aufzufallen.

Und wer bringt den Schülern dann die stets beschworene Medienkompetenz bei? Ein Lehrer aus dem Kollegium war da unter vier Augen recht deutlich: „Theoretisch gibt es hier schon ein paar Kollegen, die das könnten, aber das müsste außerhalb der Arbeitszeit passieren und wird nicht bezahlt. Das macht niemand, weil ohnehin schon alle überlastet sind.“

Der Digitalpakt ist nicht mehr als ein Placebo

Um den Status quo zu verändern, will der Bund nun also fünf Milliarden Euro in die Schuldigitalisierung investieren. Das klingt zunächst nach viel Geld. Verteilt auf alle Schulen im Land, ergibt sich daraus aber eine Summe von lediglich 25.000 Euro pro Schule. Was man damit machen kann? Zum Beispiel 100 iPads kaufen. Aber was nützen 100 iPads in einer Schule mit 1000 Schülern? Und was soll die Schule überhaupt mit Tablets anfangen, wenn es keine Lehrer gibt, die wissen, wie man selbige im Unterricht einsetzt? Alternativ könnte man auch sechs bis acht Smart Boards (digitale Tafeln) kaufen. Für 30 Klassenzimmer. Und auch hier stellt sich das Problem, dass Smart Boards nur dann einen Mehrwert haben, wenn die Lehrmaterialien entsprechend aufbereitet sind.

Lange Rede, kurzer Sinn: Eine Einmalzahlung von 25.000 Euro wird die Digitalisierung unserer Schulen nicht voranbringen. Bestenfalls wird das Geld für die Anschaffung neuer Computer verwendet, so dass es immerhin ein Klassenzimmer pro Schule gibt, in dem digitale Bildung stattfinden kann.

Mit dem, was „Digitalisierung der Schule“ eigentlich meint, hat das wenig zu tun. Damit dieses Unterfangen gelingt, müssen zunächst die Lehrkräfte im digitalen Bereich geschult werden – und zwar alle. Zwei medienkompetente Lehrer in einem Kollegium mit über 100 Lehrkräften können keinen digitalen Wandel herbeiführen. Im nächsten Schritt müssen Lehrinhalte digitalisiert und zeitgemäß aufbereitet werden. In Kalifornien wurden beispielsweise Schulbücher bereits vor zehn Jahren (!) durch E-Books ersetzt. In Deutschland undenkbar – vor allem auch wegen der Lobby-Arbeit der Schulbuchverlage, die bereits ihre Umsätze schwinden sehen.

Die Digitalisierung der Schulen in Deutschland hat mit vielen Probleme zu kämpfen. Keines davon lässt sich allerdings mit 25.000 Euro pro Schule lösen.