In der vergangenen Woche hat das englische Volk mit einer knappen Mehrheit von 52 Prozent für den Brexit gestimmt. Großbritannien wird die Europäische Union verlassen. Das hat weitreichende Konsequenzen – auch für Startups.

Jeder wusste, dass die Abstimmung über den Brexit ansteht, aber irgendwie hat sich dennoch niemand so richtig mit dem Thema auseinandergesetzt. Ja, die Briten haben innerhalb der Europäischen Union schon immer einen Sonderweg beschritten. Aber dass sie sich nach all den Jahren dazu entscheiden, ganz aus der Gemeinschaft auszutreten? Unmöglich. Schon allein wegen der Folgen für den Finanzplatz London.

Falsch gedacht. Nach der Abstimmung am vergangenen Donnerstag kam am Freitag für viele das bittere Erwachen. Schon am frühen Morgen waren die sozialen Netzwerke voll mit bestürzten Tweets und Facebook-Beiträgen. Vor allem die junge Generation hatte nicht damit gerechnet, dass in Großbritannien 17,4 Millionen Menschen (51,9 Prozent) für einen Austritt aus der EU stimmen würden.

Nun steht vor allem eine Frage im Raum: Welche Folgen hat der Brexit – zum Beispiel für Gründer und junge Unternehmen?

In der Startup-Szene herrscht Unsicherheit

Seit Freitag überschlagen sich die Medien mit Berichten über die möglichen Konsequenzen eines Brexit. Auffällig häufig werden in diesem Zusammenhang Startups erwähnt, von denen viele ihren Sitz in London haben. Manche sind in heller Aufregung, andere geben sich gelassener.

Der Londoner Startup-Sektor lebt von der Internationalität und hängt stark von EU-Initiativen und Investitionen ab. Viele Venture Capitalists haben sich hier vor allem wegen dem Fintech-Sektor angesiedelt. Durch eine Teilabwanderung der Bankenverwaltungen und jungen Fintech-Unternehmen könnte vor allem der Standort Berlin profitieren. Meine eigne Firma, Crozdesk, (…) wird es vor allem an günstigen und talentierten Arbeitskräften aus Zentral- und Osteuropa fehlen. Mehr als 80 % unser bisherigen Mitarbeiter kam aus dem Ausland. (…) Viele meiner britischen und europäischen Kollegen reden bereits von einem Umzug ihrer Firmen nach Berlin, Paris oder Stockholm in den nächsten zwei Jahren.

So äußert sich Nick Hopper von Crozdesk gegenüber deutsche-startups.de – und macht damit zugleich deutlich, wie wertvoll die Europäische Gemeinschaft für Gründer und junge Unternehmen ist.

Bei dem ebenfalls in London ansässigen Unternehmen Hubbub ist man dagegen bereits einen Schritt weiter, wie dieses bei TechCrunch veröffentlichte Statement von CEO Jonathan May zeigt:

We have decided (this morning) that our sales and marketing focus will focus away from the U.K. market, as the volatility and uncertainty here will mean our customers will be less inclined to invest in new solutions. London was a very, very attractive home whilst it remained in the EU, giving us access to the integrated European market both from a staffing and a customer base point of view, as well as good access to the U.S. East Coast market. But now we will need to look at growth elsewhere. We are looking at whether a base in Berlin would more appropriately serve the (geographical) European market, and give us access to the EU skills market.

Es gibt aber auch durchaus verhaltenere Reaktionen. Eine Sprecherin von Funding Circle, das erst kürzlich mit dem deutschen Zencap fusionierte, sagte im Gespräch mit Gründerszene, dass es nun ja erst einmal zwei Jahre dauern werde, bis die Exit-Verhandlungen abgeschlossen seien. „Nichts überhasten“ lautet hier also das Motto. Auch andere Startups, die ihren Sitz in London haben oder dort mit Banken und Unternehmen zusammenarbeiten, wollen erst noch abwarten, wie sich alles weiterentwickelt. Denn welche Folgen der Brexit wirklich hat, werden erst die kommenden Monate und Jahre zeigen.

Die TechCrunch-Autorin Natasha Lomas fasst den Status quo ganz gut zusammen:

None of the startups I spoke to is considering relocating out of the U.K. at this early stage, but many are thinking about how they might need to restructure their businesses going forward — including several that said they might well be setting up bases in other European countries in the future.

Deutsche Startup-Standorte profitieren vom Brexit

Obwohl Gründer und junge Unternehmen nun nicht fluchtartig die Insel verlassen werden, zeichnet sich schon jetzt ab, dass insbesondere der Startup-Standort Deutschland vom Brexit profitieren wird.

Florian Nöll, Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Startups, sieht insbesondere Berlin als Gewinner des Brexit, da junge Unternehmen aus Deutschland „den erschwerten Zugang zu 64 Millionen Konsumenten im Vereinigten Königreich“ verkraften und dafür an anderer Stelle „deutlich profitieren“ würden. Dennoch mahnt er im Gespräch mit t3n: „Es ist ein Sieg, den wir nicht wollen und nicht feiern werden. Wir sehen uns schon lange nicht mehr als deutsche oder britische Gründer. Wir sind europäische Gründer.“

Während London derzeit noch der beliebteste Standort innerhalb der europäischen Startup-Szene ist, hat Berlin längst mit der Aufholjagd begonnen. So ist im direkten Städtevergleich in Berlin in den vergangenen zwei Jahren die höchste Summe in die Gründer-Szene geflossen. Die Tatsache, dass der Zugang zum europäischen Binnenmarkt von London aus bald eingeschränkt sein könnte, macht die deutsche Hauptstadt nun noch attraktiver für Startups und Venture Capitalists.

Was für Berlin gilt, gilt natürlich auch für die deutsche Städte. Insbesondere Hamburg, München, Stuttgart, Karlsruhe und die Metropolregion Rhein-Ruhr haben nun die Gelegenheit, sich mittelfristig als attraktive Start-up-Standorte zu positionieren, innovative Gründer anzulocken und so langfristig Arbeitsplätze zu schaffen. Der Grundstein dafür ist vielerorts bereits gelegt – und wenn es in bestimmten Bereichen noch Nachholbedarf gibt, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, damit anzufangen.

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