Notenblätter von einem gehörten oder selbst eingespielten Song in wenigen Minuten als frisch erstelltes Notenblatt erhalten? Für Profi- und Hobbymusiker, Komponisten, Songwriter, Musiklehrer und Schüler ist das keine Zukunftsmusik mehr. Das Startup Klangio aus Karlsruhe hat es sich zum Ziel gesetzt, Künstliche Intelligenz als Unterstützung für Musiker in der Musikwelt zu etablieren. Mit ihren KI-basierten Softwarelösungen ermöglichen sie damit Musizierenden auf der ganzen Welt die vollautomatische Transkription ihrer Lieblingsstücke.

Ariane Lindemann spricht mit Alex Lüngen und Sebastian Murgul, den Gründern von Klangio, darüber, wie aus Songs automatisierte Notenblätter generiert werden.

 

Die Musikwelt ist begeistert! Ihr seid gerade seid vom Land Baden-Württemberg zu KI-Champions 2022 gekürt worden. Was ist so bahnbrechend an Klangio? Und wird man sich eine Welt ohne Klangio schon bald nicht mehr vorstellen können?

Die Begeisterung freut uns sehr, denn unsere tägliche Motivation kommt genau daher. Wir möchten Musizierende auf der ganzen Welt dabei unterstützen, ihr kreatives Potenzial zu entfalten. Das tun wir, indem wir ihnen das zeitintensive Aufschreiben von Noten abnehmen und damit Zeit und Stress ersparen. Dazu vereinen wir Expertenwissen aus Musik, Elektrotechnik und Informatik, um interdisziplinäre Produkte auf höchstem Niveau zur Verfügung zu stellen. Kurz gesagt: Eine Welt ohne Klangio ist zwar möglich, aber nicht nötig.

 

Sebastian, für die Idee ist deine kleine Schwester verantwortlich …

Das stimmt. Meine Schwester spielt Klavier und hatte ein e-Piano, auf dem ein Song eingespeichert war, den sie gerne nachspielen wollte, aber sie hatte die entsprechenden Noten nicht. Sie fragte mich, ob ich eine Idee hätte. Raushören konnte ich die Noten auch nicht. Aber mit Hilfe einer Oszilloskop-App konnte ich die Frequenzen messen, in Noten umrechnen und die Noten dann auf Notenpapier aufschreiben. Das war natürlich sehr aufwendig und hat ewig gedauert. Und es ging auch nur, weil es eine sehr einfache Melodie war.

 

Und wie kam der Stein ins Rollen?

Ich habe mir überlegt, ob das nicht auch einfacher geht. Alex und ich kannten uns vom Studium. Wir haben 2018 gemeinsam Klangio gegründet – damals noch unter dem Namen Melodyscanner. Unser erstes Produkt, das auch Melodyscanner hieß, war eine App, die die Melodie aus Stücken automatisch erkennt und auf Basis dieser Melodie dann ein einfaches kleines Arrangement für einzelne Instrumente erstellt. Das haben wir damals neben dem Studium programmiert und einfach mal kostenlos online gestellt. Es hat sich schnell gezeigt, dass sich die Leute dafür interessieren. Vor allem aus den USA kamen ziemlich viele Zugriffe. Wir dachten: Okay, lass‘ uns doch daraus ein Unternehmen machen.

 

Seid ihr von Haus aus Musiker?

Alex: Ich bin in meiner musikalischen Karriere nicht über die Grundschulblockflöte hinausgekommen.

Sebastian: Ich spiele Gitarre, seit ich sechs Jahre alt bin. Während des Studiums stand die Gitarre allerdings mehr in der Ecke. Jetzt mit dem Startup bin ich wieder voll eingestiegen.

 

Also eine gewisse Musikalität im Team war schon notwendig, um Klangio zu gründen?

Ja, man braucht auf jeden Fall ein Verständnis für Musik. Notenschrift lesen können ist natürlich auch wichtig, um zu verstehen, was die KI liefert, wie gut die Ergebnisse sind und woran es liegen kann, wenn Fehler auftauchen.

 

Wo soll es für euch in der Zukunft hingehen?

Unsere große Vision ist das „Klangio App-Universum“. Da wollen wir uns hin entwickeln: für jedes Instrument eine Softwarelösung anbieten, um so die bestmögliche Qualität zu liefern. Für das Klavier haben wir aktuell Piano2Notes. Das ist eine KI-basierte Anwendung via App oder Desktop, die aus eigenen oder hochgeladenen Klavieraufnahmen Notenblätter generiert. Daneben gibt es Sing2Notes, die sich auf Gesang konzentriert und erst kürzlich haben wir Guitar2Tabs veröffentlicht – unsere neueste Anwendung für Gitarrenspieler.

 

Wie kommen die Daten zusammen?

Das ist eine sehr gute Frage und eigentlich auch unsere Hauptchallenge. Der KI einfach eine Audioaufnahme zu geben und das fertige Notenblatt zu erhalten, das ist eine sehr komplexe Aufgabe. Wir haben deshalb das ganze Problem in mehrere kleinere Hindernisse unterteilt. Das heißt, wir trainieren einzelne KIs auf verschiedene kleine Aufgaben, wie zum Beispiel Takt- oder Rhythmus-Erkennung, welche Akkorde sind enthalten, in welcher Tonart ist das Stück und welche Töne werden gespielt. Dann ist es einfacher, das Ganze zu einem Notenblatt zusammenfügen.

 

Wie sieht es mit den Urheberrechten der Stücke aus, mit denen ihr die KI füttert?

Dazu haben wir mehrere Millionen Audiobeispiele erstellt, beziehungsweise künstlich erzeugt. Mit diesen künstlichen Musikstücken konnten wir unsere KI anlernen.

 

Ist Klangio nur für Profimusiker?

Nicht nur: Klangio ist für alle, die gerne musizieren und Notenblätter brauchen. Hauptsächlich nutzen Musiker und Songwriter unser Tool, um aus eigenen Aufnahmen Notenblätter zu erstellen. Musiker haben meist Bibliotheken, in denen sie eigene Songs speichern, die sie am Wochenende mal aufnehmen oder auch, wenn sie mit der Gitarre unterwegs sind oder einfach, wenn sie spontan eine Idee haben. Nicht selten befinden sich bis zu 300.000 Songs in diesen persönlichen Bibliotheken. Die Musiker laden die Stücke dann bei uns hoch und erhalten die gedruckten Notenblätter. Diese nutzen sie, um sie mit ihrer Band zu teilen und darauf basierend dann weiter Arrangements zu erstellen.

 

Gibt es Grenzen, was die Musikauswahl anbelangt?

Grundvoraussetzung ist, dass es sich um Soloaufnahmen handelt, da die KI immer nur ein Instrument vordergründig erkennt. Hintergrundbegleitung allerdings, wie zum Beispiel Schlagzeug, können wir rausfiltern. Je besser die Aufnahmequalität, desto besser wird dann auch die Transkription.

 

Kann ich auch eine komplette Beethoven-Sinfonie hochladen?

Wenn es eine reine Klavieraufnahme ist, auf jeden Fall. Bei einem ganzen Orchesterstück geht das nicht. Das wäre unsere Königsdisziplin, wenn man die einzelnen Instrumente eines ganzen Orchesters transkribieren könnte. Aber das ist der große Traum. Da wollen wir hin.

 

Klangio ist sicher auch für den Musikunterricht interessant?

Wir haben bereits mit Musiklehrern gesprochen. Diese haben oft Schwierigkeiten, Musikstücke für die unterschiedlichen Lernlevel der Schüler anzupassen. Momentan ist es so, dass die Lehrer sich selbst hinsetzen und die Stücke vereinfachen. Da wäre es natürlich wesentlich einfacher, sie transkribieren zu lassen, daher ist Klangio für den Musikunterricht sehr interessant.

 

Wie viele Nutzer habt ihr seit der Gründung im Jahr 2018 von Klangio überzeugen können?

Allein bei Melodyscanner haben wir über 600.000 registrierte Nutzer. In unseren Apps sind momentan monatlich im Durchschnitt 100.000 Nutzer aktiv, Tendenz steigend.

 

Was kosten die Apps?

Klangio funktioniert aktuell nach einem Pay-per-use-Modell. Man kauft online pro Transkription ein Ticket oder ein Package für mehrere Songs. Entweder lädt man eine Datei hoch oder spielt direkt einen Song ein. Die ersten 30 Sekunden sind immer kostenlos, um zu schauen, ob die Qualität passt. Eine Einzeltranskription kostet 2,99 Euro, Pakete gibt es bis zu 24,99 Euro für 50 Transkriptionen.

 

Wo auf dem Globus wird Klangio noch genutzt?

Wir sind hauptsächlich in den USA aktiv, weil dort viel mehr musiziert wird als hier bei uns. In Amerika gibt es 21 Millionen Pianisten, in Deutschland sind es gerade mal 1,8 Millionen. Damit sind wir weltweit gerade mal auf Platz 7 oder 8.

 

Was habt ihr euch vom CyberLab erhofft? Ihr hattet ja mit Melodyscanner bereits ein Produkt auf dem Markt …

Wir wollten Klangio selbst finanzieren, haben aber gemerkt, dass unsere Schritte zu klein sind und wir für größere Schritte mehr Kapital brauchen. Im CyberLab war das unser Learning. Wir haben uns dann entschieden, das BW PreSeed Programm zu wählen, das auch über das CyberForum mit angeboten wird.

 

Eure Pläne?

Wir möchten unsere Marktpräsenz weiter steigern. Wir stellen immer wieder fest, dass viele Leute uns noch nicht kennen und positiv überrascht sind, dass es so eine coole Lösung gibt. Hier ist definitiv noch großes Potenzial, an Bekanntheitsgrad zuzulegen. Wir sind gerade dran, das Klangio-App Universum umzusetzen. Hier brauchen wir noch Verstärkung in der Entwicklung, um weiter durchstarten zu können.

 

Foto Copyright: Sebastian Weindel