Bei Gründerhochburgen denken viele an das Silicon Valley, London oder Berlin. Aber wahrscheinlich nicht an Karlsruhe. Die Stadt im Südwesten Deutschlands ist eher als Sitz des Bundesverfassungsgerichts und Bundesgerichtshof bekannt – weniger aber als Startup-Hotspot.

Doch nimmt man die deutsche Gründerszene genauer unter die Lupe, kommt man um Karlsruhe fast nicht herum: Die Presse redet vom „Silicon Valley des Südwestens“, vom „Brain Valley“ oder gar vom „deutschen Cupertino“. In einer Studie zu den Hubs für Informations- und Kommunikationstechnologie rangiert Karlsruhe EU-weit auf einem starken 4. Platz und muss sich nur den Weltstädten München, London und Paris geschlagen geben. Doch was steckt nun hinter dem „Hidden Champion“ der europäischen Startup Regionen?

Baden-Württemberg als Hidden-Champion der Gründerstandorte

In Baden-Württemberg ist man kein Freund der großen Worte. Die Region ist geprägt von Mantras wie „schaffe, schaffe, Häusle baue“ oder „net g’meckert ist genug gelobt“ – und dementsprechend auch eher zurückhaltend, wenn es um die Positionierung und Vermarktung als Startup-Standort geht.

Der Gründergeist aber ist tief in der DNA des Südwesten Deutschlands verwurzelt. So ist Carl Drais – der Erfinder des Fahrrads – gebürtiger Karlsruher. Carl Benz, geboren in Karlsruhe Mühlburg, produzierte mit seinem Benz Patent-Motorwagen Nummer 1 von 1885 das weltweit erste praxistaugliche Automobil. Vor rund 100 Jahren haben die damaligen Tüftler und Pioniere in Baden-Württemberg die Grundsteine der heutigen Weltkonzerne gelegt: Sei es Bosch, Daimler oder Porsche; sie alle haben ihre Wurzeln hier im „Ländle“.

Karlsruhe: Eine junge Stadt wird Technologiestandort

Als Karlsruhe 1715 gegründet wurde, erlies Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach ein Privilegienbrief und lockte damit viele Menschen zur Ansiedlung in die frisch gegründete Stadt: Neben Religionsfreiheit, Gerichtsbarkeit, einem kostenlosen Grundstück und kostengünstigen Rohstoffen wurde auch eine 20-jährige Steuerfreiheit versprochen. Das motivierte eine Vielzahl an Frei- und Querdenkern zu Existenzgründungen in Karlsruhe. Der Gerechtigkeitssinn und die Freiheitsliebe sind noch heute in der Stadt spürbar.

Knapp 250 Jahre nach der Gründung Karlsruhes steckte das Internet in seinen Kinderschuhen: Die Karlsruher Universität (heute KIT) hatte zu diesem Zeitpunkt bereits Deutschlands erste Informatik-Fakultät. Genau dort wurde 1984 auch die erste E-Mail Deutschlands empfangen (die übrigens 24 Stunden unterwegs war!). Von 1994 bis 1998 wurden auch sämtliche deutsche Domains (zeitweise sogar die chinesischen .cn-Domains) an der Universität Karlsruhe verwaltet. Entsprechend ist die Region um Karlsruhe durch die IT geprägt. Digitalisierung ist also in der deutschen Internethauptstadt aus dem Jahr 2003 schon lange kein Neuland mehr.

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Betreff der ersten E-Mail, die nach Deutschland gesandt und am heutigen KIT empfangen wurde

Das Karlsruher Institut für Technologie und Karlsruher Hochschulen als treibende Kräfte

Rund 43.000 Menschen studieren derzeit in der Fächerstadt – der Großteil in technischen Studienfächern am Karlsruher Institute of Technology (KIT). Durch die Fusion der Karlsruher Universität und des Forschungszentrum Karlsruhe entstand 2007 das Karlsruher Institut für Technologie – angelehnt an das MIT (Massachusetts Institute of Technology).
An dieser Stelle auch interessant: William Barton Rogers, Gründungsdirektor des 1865 eröffneten MIT, wollte damals das MIT nach dem Karlsruher Modell aufbauen und schrieb über die Polytechnische Schule Karlsruhe (den Vorgänger des heutigen KIT):

The Polytechnic Institute at Carlsruhe, which is regarded as the model school of Germany and perhaps of Europe, is nearer what it is intended the Massachusetts Institute of Technology shall be than any other foreign institution.

William Barton Rogers über die Polytechnische Schule Karlsruhe (1864)

Mit dem KIT und anderen Institutionen – wie etwa dem FZI Forschungszentrum Informatik – im Rücken, überrascht es also kaum, dass die Karlsruher Gründungen eher technisch orientiert sind und sich zumeist im B2B-Feld bewegen. So liest man beispielsweise bei Deutsche Startups, dass in Karlsruhe „die Deep-Tech-Branche blüht“ und die Gründerszene schreibt, dass in Karlsruhe „fast unbemerkt vom Rest der Nation an der Zukunft, oder besser gesagt an deren Vorhersage [gebastelt wird]“.

Diese Affinität für Technologie hält die Studierenden keineswegs vom Gründen ab: Von keiner deutschen Uni kommen so viele Gründer, wie vom KIT – abgesehen von der TU München. Nicht umsonst lobt die EU also Karlsruhes „hochkarätige Bildungseinrichtungen“, die sich auch in der Gründerallianz zusammengeschlossen haben.

Karlsruhe: Auch im 21. Jahrhundert gründerfreundlich

Um ein Startup zu gründen, braucht es in Städten das richtige Ökosystem – und gerade hier in Karlsruhe passiert ganz viel: Satte 10 Gründerzentren gibt es im Stadtgebiet. Hierbei ist es aus Sicht der Startups und Gründer entscheidend, wie gut diese zum eigenen Gründungsvorhaben passen. Mit unserem digitalen KI-Assistenten Neo stoßen wir in Karlsruhe auf beste Gesellschaft.

Das CyberForum: Über 20 Jahre Startup-Förderung

Das CyberForum wurde 1997 gegründet und hat seinen Sitz in der Hoepfner-Burg Karlsruhes. Das „Hightech.Unternehmer.Netzwerk“ darf sich Europas größtes regionales IT-Netzwerk nennen – daher ist es nicht verwunderlich, dass man als Karlsruher Gründerin bzw. Gründer nicht um das CyberForum herumkommt. Zudem werden mit dem hauseigenen IT-Accelerator CyberLab IT-und Hightech-Startups gefördert und unterstützt, darunter auch die Neohelden. Die Verknüpfung von Mittelstand und Startups funktioniert in der Fächerstadt auch dank des im CyberForum angesiedelten DIZ (Digitales Innovationszentrum). Das DIZ begleitet den baden-württembergischen Mittelstand auf dem Weg in die digitale Souveränität.

Der de:hub für Künstliche Intelligenz in Karlsruhe

Mit der Digital-Hub-Initiative des Bundesministerium für Wirtschaft hat Karlsruhe nun auch von offizieller Seite das Siegel als KI-Hochburg bekommen: Karlsruhe ist Deutschlands erste Anlaufstelle für Angewandte Künstliche Intelligenz. Mit den vorhandenen Kompetenzträgern und Institutionen in Karlsruhe setzt der Karlsruher de:hub auf Forschungsaktivitäten und Kooperationen mit etablierten Unternehmen, kompetenten Akteuren und ambitionierten Startups.

Pioniergarage: Studentische Gründungen aus der sprichwörtlichen Garage

Seit 2009 bringt auch die Karlsruher Hochschulgruppe Pioniergarage Gründerinnen, Gründer und Gründungsinteressierte zusammen: Von Gründungswettbewerben, Webplattformen, Hackathons, Startup-Hotspot-Reisen bis zum eigenen Coworking-Space wird den jungen Karlsruher Gründungsinteressierten vieles geboten. Das tut dem gesamten Gründungsklima gut.

First Momentum: Studierende werden zum Venture-Capital-Geber

2017 wurde dann mit First Momentum Ventures der erste studentische Venture Capital Fund Deutschlands in Karlsruhe gegründet. Für Pre-Seed Startups gibt es hier wertvolles Kapital in Kombination mit Know-how und Netzwerk: Im Beirat von First Momentum sitzen erfahrene Experten, wie beispielsweise Jörg Sievert, ehemals SAP Ventures, und Project-A-Mitgründer Uwe Horstmann.

LEA Partners: Venture Capital seit 2002

Aus dem Deep-Tech Hub Karlsruhe heraus unterstützt LEA Partners Gründer-Teams innovativer B2B-Tech Unternehmen in unterschiedlichen Entwicklungsphasen bei ihrem Wachstum und dem Erreichen einer führenden Marktposition. Seit 2002 hat LEA Partners Investments mehr als 40 Unternehmen betreut. Als unternehmerischer Eigenkapitalpartner mit einem Investitionsvolumen von über 200 Millionen Euro steuert das Team von LEA Partners substantielle Mehrwerte zur Entwicklung von Technologieunternehmen bei – und sorgt dafür, dass auch Karlsruher Startups ihren Weg in die „größeren“ Finanzierungsrunden machen.

Gründergeist über die Stadtmauern hinaus: Karlsruhe und Umgebung

Nicht nur in Karlsruhe schlägt der Gründergeist hohe Wellen: So gibt es im benachbarten Ettlingen die Gründerspinnerei Ettlingen, die Gründer und Startups mit Arbeitsplätzen, Expertise und ihrem Netzwerk unterstützt. Auch in Pforzheim werden Gründungsinteressierte mit dem GründerWERK und den Pforzheim Entrepreneurs unterstützt – insbesondere auch die Hochschule Pforzheim fördert Gründungen. So haben auch wir mit deren Unterstützung das EXIST-Gründerstipendium erhalten.

Wenn nicht Karlsruhe, was dann?

Selbst wenn Karlsruhe in Sachen Fußball (aktuell und leider) drittklassig abschneidet, darf sich die Stadt – unserer Meinung nach – in Puncto Startup-Förderung mit den ganz Großen dieser Welt messen! Für uns war es also keine Frage, unser Technologie-Startup in der KI-Hochburg Karlsruhe zu gründen. Bisher haben wir von dieser Entscheidung nur profitiert. Wenn nun das chronische Karlsruher Baustellen-Problem gelöst werden und der KSC sein Relegationspech ablegen kann, steht unserer erfolgreichen Unternehmensentwicklung in Karlsruhe eigentlich nichts mehr im Wege.

Dieser Artikel erschien zuerst auf: Neohelden