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Mit dem CODE_n new.New Festival initiiert die GFT Technologies SE vom 20. bis 22. September ein Innovationsfestival im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien (ZKM). Ein zentraler Teil der Veranstaltung ist der globale CODE_n CONTEST. Wir stellen die Finalisten aus Baden-Württemberg vor. Heute: Blickshift

Euer Business-Modell in 140 Zeichen?

Blickshift bietet Produkte und Lösungen zur Analyse des Blickverhaltens von Autofahrern an.

Ihr teasert blickshift Analytics als ein „revolutionäres Werkzeug“ an. Inwiefern ist es revolutionär und was steckt genau dahinter?

Wir verbinden Eye-Tracking mit Big Data Analytics. Ein vergleichbares Produkt gibt es so heute noch nicht auf dem Markt. Big Data Analytics ist bei uns genauer gesagt Visual Analytics. Das ist ein hochaktuelles Forschungsgebiet in der Visualisierungsforschung aus der wir drei kommen. Visual Analytics kombiniert die menschliche Fähigkeit visuell Muster zu erkennen mit der Leistungsfähigkeit von Computern, sehr schnell große Datenmengen zu durchsuchen. Damit können unsere Benutzer explorativ sehr große Eye-Tracking-Daten, Interaktions-Logs und Datensätze von Fahrzeugsensoren oder Connected-Car-Daten analysieren.

Unsere Technologie sehen wir als einen Schlüssel für zukünftige technische Lösungen und viele dadurch entstehende Geschäftsmodelle.

Wie seid ihr auf diese Idee gekommen?

Wir drei waren Doktoranden am Institut für Visualisierung und Interaktive Systeme der Universität Stuttgart. Im Frühjahr 2014 haben wir uns das erste Mal unterhalten, was wir nach der Promotion machen wollen. Michael war schon selbstständig gewesen, ich hatte im Nebenerwerb während meiner Promotion eine eigene Firma. Für uns beide war klar, dass wir selbstständig weiterarbeiten wollen. Und Bernhard hatte einfach Lust darauf, Unternehmer zu werden.

Dann haben wir einen Business Canvas gezeichnet und auf diesem eingetragen, was wir alles an Know-How mitbringen, was uns in Zukunft interessiert und vor allem, was für Märkte für uns damit interessant sind. Das Ergebnis war, dass wir die am Institut entwickelten Analysetechniken für Eye-Tracking-Daten in ein kommerzielles Produkt integrieren wollen.

Am 1. Juni 2015 sind wir dann mit einem EXIST-Gründerstipendium gestartet und begannen unser Produkt zu entwickeln und Kontakte zu Kunden zu knüpfen. Das erste Projekt unseres Start-Ups wickelten wir über die TTI GmbH der Universität Stuttgart ab. Das TTI ist eine Spezialität der Uni Stuttgart und erlaubt es Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftlern der Universität Stuttgart im Rahmen der TTI GmbH über eine eigene dort geführte Abteilung Geschäfte durchzuführen. Eine wirklich sehr komfortable und sichere Methode, betriebswirtschaftliche Abläufe kennenzulernen.

Seit dem 1.Juni 2016 wird unsere Gründung von der Jungen-Innovatoren-Förderung des Landes Baden-Württemberg unterstützt. Im Februar diesen Jahres sind wir dann aus der Universität ausgezogen und bei CODE_n eingezogen. Das war eine bewusste Entscheidung, die unsere Entwicklung extrem beeinflusst hat. Und ab September werden wir eines der ersten Start-Ups bei der Start-Up-Autobahn von Daimler, der Universität Stuttgart und dem Plug&Play Center aus dem Silicon Valley sein.

Wie können Unternehmen und Privatpersonen in der Praxis davon profitieren?

Der Automobilbereich ist unser erster Zielmarkt. Stellen wir uns folgende Situation vor: Ein Autofahrer ist im Straßenverkehr unterwegs und erreicht eine dicht befahrene Kreuzung. Da sind andere Verkehrsteilnehmer wie Autos, Motorradfahrer, Fußgänger. Dann hat es noch Verkehrszeichen und Ampeln. Die Automobilfirmen sind jetzt daran interessiert das Blickverhalten in dieser Situation auszuwerten, um ihre Fahrassistenzsysteme besser an die Wahrnehmung in dieser Situation anzupassen. Das Ziel ist es die Autofahrer vor Gefahren zu warnen, die er nicht richtig eingeschätzt oder nicht wahrgenommen hat. Also beispielsweise vor dem Fußgänger, der gleich die Straße queren wird und den man fast übersehen hätte.

Dazu führen die Automobilfirmen, ihre Zulieferer und Forschungseinrichtungen umfangreiche Eye-Tracking-Experimente durch. Sie zeichnen dabei das Blickverhalten von zwischen 50 und 100 Probanden in mehreren Situationen auf, analysieren es und überführen die Erkenntnisse in Fahrermodelle, die dann später auf den Fahrzeugen dazu verwendet werden, um zu berechnen, was wahrgenommen wurde und was nicht. Heute muss hier noch sehr viel manuell erledigt werden. Daten müssen aus der einen Anwendung exportiert und in einer anderen importiert werden. Es müssen sehr viele Programme selbst für die einzelnen Fragestellungen entwickelt werden. Das ist alles sehr zeitaufwendig und damit sehr kostenintensiv. Außerdem können sich Fehler bei der Analyse einschleichen.

Mit unserem Start-Up bieten wir hierzu eine Lösung an und können für unsere Kunden ihre Kosten zur Analyse dieser Experimente stark reduzieren. Unsere Vision ist es dabei, dass wir mit unserer Software zeigen können wie viel Potential in der Eye-Tracking-Technologie steckt.

Welche Szenarien sind für den Einsatz von Eye-Tracking künftig noch denkbar?

Also unsere Szenarien, die wir aktuell anstreben, zeigen ja schon deutlich in die Zukunft! Oft werden wir gefragt, was wir machen werden, wenn eines Tages alle Autos autonom fahren und man dann das Eye-Tracking dort nicht mehr brauchen wird. Meiner Meinung nach wird das aber noch einige Jahrzehnte dauern. Vor allem wird es eine längere Übergangszeit zwischen dem autonomen Fahren und dem Fahren geben so wie wir es heute kennen.

Aber wenn dann alle autonom fahren. Was werden die Menschen dann mit dieser neuen Zeit anfangen? Ich könnte mir vorstellen, dass sie dann in einer Augmented Reality oder Virtual Reality ihre Zeit verbringen. Bei diesen beiden Realitäten spielt ein möglichst optimaler visueller Eindruck der künstlich erzeugten Welten eine sehr wichtige Rolle. Heute wird mit Eye-Tracking auf diesem Gebiet geforscht. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es in wenigen Jahren schon völlig normal sein wird, dass in den bekannten VR-Brillen Eye-Tracker eingebaut sind. Und auch dann werden wieder Algorithmen benötigt, um diese großen Datenmengen auszuwerten. Und vielleicht kommen diese Algorithmen dann von uns.

Wie steht ihr zum Standort Baden-Württemberg?

Baden-Württemberg ist ein wunderbarer Standort. Ich war vor mehr als zwei Jahren im Silicon Valley und habe mir dort mehrere Firmen angeschaut. Es ist schon sehr beeindruckend was dort passiert. Auf dem Rückflug hatte ich viel Zeit über alles dort Erlebte nachzudenken und ich kam zum Schluss, dass wir hier in Baden-Württemberg solche Firmen auch aufbauen können. Sie werden anders aussehen als im Silicon Valley, sie werden eine andere Kultur und Arbeitsweise haben. Aber auch wir hier können die Welt verändern. Daimler, Bosch und wie die ganzen großen Unternehmer heißen, haben das vor mehr als einhundert Jahren schon gezeigt. Es ist wieder an der Zeit, dass wir der Welt zeigen, welch geniale Tüftler und Denker hier in Baden-Württemberg leben und welchen Beitrag diese zu den Technologien im 21. Jahrhundert liefern können. Und dazu brauchen wir die Start-Up-Kultur! Wir müssen den jungen Menschen eine echte Alternative zu einem klassischen Werdegang bieten und ihnen die Lebens- und Arbeitsweise zeigen, die ein Start-Up ermöglicht.

Sucht ihr aktuell Verstärkung, wenn ja, in welchen Bereichen?

Ein Start-Up sucht immer Verstärkung! Da wäre unsere aktuelle Suche nach einer Verstärkung im Marketing und Vertrieb. Da wir eine typische High-Tech-Ausgründung aus der Wissenschaft sind, ist natürlich der technische Teil bei uns sehr gut abgedeckt. Unser Hauptprodukt ist quasi fertig. Jetzt wird es darauf ankommen, es mit einer gut gewählten Strategie auf den Markt zu bringen. Das Marketing und der Vertrieb werden bei uns in Zukunft eine viel größere Rolle spielen als es bisher der Fall war.

Und natürlich suchen wir auch immer hochtalentierte, kreative und motivierte Software-Entwickler, die Spaß daran haben hier in Stuttgart etwas ganz Neues aufzubauen und Algorithmen zu entwickeln, die es so bis heute noch nicht einmal in Ansätzen auf dem Markt gibt.

Was ist das größte Problem, das Ihr in den nächsten 12 Monaten lösen müsst?

Eigentlich kennen wir keine Probleme. Wir sehen alles als Herausforderungen! Die größte Herausforderung in den nächsten 12 Monaten ist es, unser Kernprodukt fertig zu entwickeln und es dann auf den Markt zu bringen. Und da darf man sich als Gründer auch nichts vormachen. Gründer sein heisst in den ersten Jahren bei allem am Anfang zu stehen. Dort wo es noch nichts gibt. Wie sagte Jochen Schweitzer in der Sendung „In der Höhle der Löwen“: Mit der Hand am Arm. Und so erleben wir es tagtäglich.

Aber auf der anderen Seite ist es auch ein berauschendes Gefühl, Gründer zu sein. Jeden Tag hast du die Möglichkeit die Welt zu verändern. Wir drei bringen unsere Idee so voran wie wir sie uns vorstellen. Das schönste Gefühl ist immer wieder, wenn wir von unseren Kunden direkt oder von potentiellen Kunden hören, dass das was wir machen sie schon seit Jahren gesucht haben. Dann merke ich immer wieder, dass es die ganze Energie wert ist und wir wirklich einen Fußabdruck mit unserem Produkt und unserer Firma in der Welt hinterlassen können. Vielleicht ist das die größte Herausforderung, der wir uns stellen wollen.

Steckbrief:

Name: Blickshift
Geschäftsfeld: Analyse des Blick- und Interaktionsverhaltens im Automobilbereich, des Marketings und der Usability.
Standort: Stuttgart
Mitarbeiter: 3
Gründer: Dr. Michael Raschke, Dr. Bernhard Schmitz, Dr.-Ing. Michael Wörner
Funding-Status: Gefördert durch ein EXIST-Gründerstipendium, aktuell unterstützt durch die Junge-Innovatoren-Förderung.