Tag der Blockflöte, Bärengedenktag, Tag des Deutschen Schlagers – bei Aktionstagen scheint es alles zu geben. Also nicht überraschend, dass es einen bundesweiten Vorlesetag gibt. Mehr als 130.000 Vorleser haben sich für den diesjährigen Vorlesetag registriert, der auf die Bedeutung des Vorlesens aufmerksam machen soll. Doch Vorlesen betrifft nicht nur Kinder – und bleibt von technischem Wandel und Digitalisierung nicht unberührt.

Darf man Studien  glauben, so macht uns Vorlesen zu besseren Menschen: Bereits bei Kleinkindern, denen vorgelesen wird, wird der Bereich im Gehirn aktiviert, der für Sprachverständnis benötigt wird. Wem vorgelesen wird, der entwickelt eine höhere Lesekompetenz, hat einen stärker ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und ist häufiger bemüht, andere in eine Gemeinschaft zu integrieren.

Multimediales Vorlesen im Kinderzimmer

Wer nun an raschelndes Papier denkt, irrt sich möglicherweise. Die Digitalisierung macht vor dem Vorlesen nicht Halt. Hörbücher, ob auf Kassette, CD oder als mp3 sind nichts Neues. Doch der Trend geht Richtung multimedial. Kinderbuch-Apps sind mehr als Hörbuch – hier können Spiel- und Bewegungselemente in die klassische Erzählung eingebaut werden. Und das scheint kein Nischenmarkt zu sein. So hat Apple letzte Woche eine App veröffentlicht, die Vorlesen auf den Fernseher bringt.

Betrachtet man den Markt mit Hörbüchern für Erwachsene, so ist klar, dass die Freude am Vorlesen nicht mit der Kindheit endet. Letztes Jahr kauften mehr als 2.1 Millionen Deutsche Hörbücher über Downloadplattformen. 2014 kauften außerdem 4.5 Millionen Menschen ein Hörbuch in physischer Form (Quelle: Statista). Doch der Wandel macht hier nicht Halt. Eine große Anzahl von Nachrichtenportalen bietet eine Vorlesefunktion für Artikel an. Ob beim Kochen, beim Sport oder beim Autofahren – es ist möglich, Artikel zu hören, statt sie zu lesen.

Sprachsynthese: Künstliche Stimmen

Dies funktioniert in aller Regel über Sprachsynthese, der künstlichen Erzeugung einer Stimme. Der Text wird von einem Text-to-Speech-System (TTS) in akustische Sprachausgabe umgewandelt. Diese Signale werden meist mithilfe einer Sprachaufnahmen-Bibliothek erstellt. Es ist aber auch möglich, das Signal vollständig im Rechner zu erstellen.

Effizienz ist aber nicht der einzige Grund, Sprachsynthese in Anspruch zu nehmen – es gibt Personengruppen, die tatsächlich darauf angewiesen sind. Schätzungen gehen von rund 155.000 Blinden aus, die in Deutschland leben – zusätzlich gebe es in der Bundesrepublik etwa eine halbe Million Menschen mit Sehbehinderung. TTS-Systeme sind für diese Personengruppen notwendig, um an der digitalen Welt teilnehmen zu können. Mit Screenreadern und Funktionen wie VoiceOver bei Apple oder TalkBack bei Android sollen Geräte zugänglicher sein. Doch Barrierefreiheit ist noch immer nicht gegeben.

Barrierefreiheit: Das Problem der Bilderflut

Das soll sich zumindest im öffentlichen Sektor ändern: Ende Oktober hat das EU-Parlament eine Richtlinie für ein barrierefreies Web beschlossen. Rund 80 Millionen Menschen mit Behinderung in Europa sollen davon profitieren und es zukünftig einfacher haben, die Online-Angebote von Behörden und Institutionen zu nutzen. Innerhalb von 21 Monaten sollen u.a. Universitäten und Gerichte ihren Internetauftritt umrüsten. Dies sei ein wichtiger Schritt, um e-Government für alle zugänglich zu machen.

Blinde Person verwendet Computer mit Braillezeile
Blinde Person verwendet Computer mit Braillezeile (Zlikovec/iStock/Thinkstock)

Ein großes Problem für mehr Barrierefreiheit ist der Trend von Text zu Bild. Musste man früher noch mit Textbefehlen arbeiten, gibt es heute grafische Oberflächen. Und auch im Internet begegnet uns eine Bilderflut. Ein Bild kann nicht vorgelesen werden. Grafiken können durch hinterlegte Texte beschrieben werden, was nicht immer gegeben ist.

Künstliche Intelligenz: Neuronale Vorleser

Doch dieses Problem könnte in Zukunft automatisiert behoben werden. Im Frühjahr machte Facebook Schlagzeilen – durch die Entwicklung einer KI, die in der Lage ist, Bilder zu beschreiben.

Und auch das Vorlesen durch TTS-Systeme könnte von künstlichen neuronalen Netzen profitieren. DeepMind will künstlich erzeugte Sprechstimmen natürlicher klingen lassen. Die Google-Tochter arbeitet derzeit an WaveNet, einem neuronalen Netz zur Sprachsynthese. Der Algorithmus stützt sich dabei auf Verfahren der Bildanalyse.

Wer weiß – vielleicht treten im Vorlesewettbewerb der Zukunft Kinder gegen KI an.

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