Millionen und Abermillionen Menschen, Spieler und Nichtspieler, Erwachsene und Kinder, laufen mit ihren Smartphones vor der Nase durch die Welt und versuchen Pokémon zu fangen. Die virtuellen Tiere und ihre Jäger sind ubiquitär, das Mobilegame Pokémon Go ist schon jetzt ein Popkulturphänomen. Wer steckt eigentlich dahinter? Der Entwickler Niantic Labs, 2010 in San Francisco gegründet, ist ein ziemlich außergewöhnliches Start-up. Und doch: Beinahe hätte Karlsruhe eine entscheidende Rolle im Location-based Gaming gespielt.

Schnell zurück in die graue Vorzeit: Anfang der 2000er gründete der Texaner John Hanke, der schon 1996 an Meridian 59, einem der ersten Online-Rollenspiele beteiligt war, die Firma Keyhole. Keyhole entwickelte zoom- und drehbare Online-Weltkarten und sammelte ordentlich Kapital ein, unter anderem von dem Investmentarm der CIA, In-Q-Tell. 2004 wurde das Unternehmen von Google gekauft, aus dem Produkt entstand Google Earth. Hanke blieb als Vice President der Geo-Division an Bord.

2010 durfte er als Google-internes Startup Niantic gründen, eine Firma, die auf Googles Geo-Technologien aufsetzte und mobile Anwendungen dazu entwickeln sollte. Erstes Produkt: Field Trip, eine Art Reiseführer für versteckte Orte, erschien 2012 und war ein Achtungserfolg mit ein paar Millionen Downloads. Dann wurde die Ambition größer: Mit Ingress ging noch im gleichen Jahr ein Location-based Multiplayergame in den Testbetrieb.

Ingress: It’s time to move. (Video: NianticProject)

Ingress war nicht das erste Spiel seiner Art, aber es schlug in Nerdkreisen ein wie eine Bombe: „To say that Ingress is amazing would be an understatement“ schwärmte etwa die Seite Androidpolice. Ingress teilt die Spieler in zwei Agentengruppen ein und lässt sie einen unsichtbaren Krieg um Portale führen. Dabei sind Handlungspunkte als Layer über die reale Welt gelegt. So sieht Karlsruhe aus:

Die Karte von Karlsruhe samt Einflusszonen im Spiel Ingress.
Die Karte von Karlsruhe samt Einflusszonen im Spiel Ingress.

Ingress ist tief, komplex und hat als Zielgruppe vorwiegend männliche Nerds. Es erreicht 13 Millionen Downloads, bleibt aber weit davon entfernt, seine Kosten wieder einzuspielen. Aber anders als etwa das Karlsruher Start-up Orbster, das bereits 2008 mit GPS Mission ein Pokémon Go nicht ganz unähnliches Spiel auf den Markt bringt, hatte Niantic als Teil von Google eher einen Forschungsauftrag und nicht primär kommerzielle Interessen. Orbster ging 2010 insolvent, die Karlsruher flaregames übernahm Mitarbeiter und Assets. Flaregames versuchte sich dann auch nochmal am Thema Location Based Gaming, arbeitete ein knappes Jahr am Spiel Flatmates, legte das Projekt aber 2012 dauerhaft auf Eis und konzentrierte sich auf konventionellere Spielekost.

Wenige hätten gedacht, dass Pokémon Go soein Erfolg wird.
Das Location-based-Game Flatmates von flaregames sollte 2012 erscheinen.

Zurück zu Pokémon: Die Tatsache, dass Niantic ohne kommerziellen Druck Ingress entwickeln konnte, ist der entscheidende Baustein für Pokémon Go. Denn das Sammelspiel nutzt das Kartenmaterial von Ingress und legt einfach Pokéstops dahin, wo bei Ingress Portale oder Arenen waren. Die engagierte Community von Ingress hat gut fünf Millionen Kartenpunkte rund um die Welt angelegt und mit Fotos angereichert, von dieser Arbeit profitiert Pokémon Go immens.

Dazu kommt 2014 ein entscheidender Impuls: Google und die Pokémon Company, eine Tochter von Nintendo, machen zum 1. April eine Kooperation, bei der in Google Maps Pokémon versteckt werden.

Die Sache geht viral, und Hanke lässt, so heißt es, das Konzept zu Pokémon Go entwickeln. Niantic pitcht das Projekt bei Nintendo und der Pokémon Company und rennt, laut Medienberichten, offene Türen ein: Pokémon-CEO Tsunekazu Ishihara ist ein Ingress-Spieler, und Nintendo sucht verzweifelt nach einer Killer-App, um den Aktionären zu beweisen, dass die Firma auch auf Smartphones erfolgreich sein kann.

Niantic arbeitet zunächst in aller Stille daran, wird aber 2015 aus Google (im Zuge der Alphabet-Initiative) ausgegründet und nimmt als stante pede 20 Millionen Dollar in einer Series A auf, mit Nintendo, der Pokémon Company und Google als Geldgebern. Im Februar 2016 kommen noch einmal fünf Millionen von Finanzinvestoren dazu, auf einer Firmenbewertung von 125 Millionen Dollar. Darunter ist der Business Angel Gilman Louie von Alsop Louie Partners, mit dem sich ein Kreis schließt: Louie arbeitete früher für den CIA-Investmentarm In-Q-Tell und war schon in dieser Rolle Investor bei einer Hanke-Firma. Niantic hat mittlerweile rund 100 Mitarbeiter und weist auf seiner Webseite zehn offene Stellen aus, darunter pikanterweise einen Community Manager für Pokémon Go, was Branchenbeobachter zu der Frage animiert hat, warum man den nicht vor dem Start eingestellt habe.

Am Ende ist es ein perfektes Zusammentreffen von Umständen, die diesen Welterfolg ermöglichen: Niantic hat die Erfahrung, die (User-generierte) Datenbank und die Technologie, die Pokémon Company gibt eine der weltgrößten Marken dazu: Die Pokémon-Spiele wurden 200 Millionen mal verkauft, es gibt eine Tv-Serie, Stoffpuppen, ein Sammelkartenspiel und bisher 17 Kinofilme. Und da das erste Spiel bereits 1996 erschien, sind die Spieler von damals jetzt im idealen Konsumentenalter — oder haben selber Kinder. Dieser Erfolg wird, weder von Niantic, noch von Nintendo oder der Pokémon Company, auf absehbare Zeit zu wiederholen sein. Niantic hingegen ist jetzt erstmal gefragt, nachzulegen: Das Spiel ist technisch nicht in allerbestem Zustand, Lags und Freezes sind an der Tagesordnung, und neue Features wird es in Bälde auch benötigen, um einen substanziellen Teil der Spieler bei der Stange zu halten.