In wenigen Wochen werde ich ein halbes Jahrhundert auf der Erde sein. Das war vor einigen Tagen Grund genug für mich, über die Vergangenheit,  aber vor allem über die Zukunft, nachzudenken. Auslöser war jedoch nicht die Frage nach der fetten Geburtstagsparty, die man üblicherweise steigen lässt, und die es übrigens nicht geben wird, sondern die unzähligen Videos, Interviews oder Posts über die sogenannte Generation Y – die Millennials. (Die am weitesten verbreitete Definition umfasst übrigens im Zeitraum 1980 bis 2000 geborene Menschen.)

Generation Y – Handydaumen statt Joystick-Verschleiß

Ich habe mich gefragt, was ich wohl gedacht hätte, wenn ich in den 80ern gesehen, gelesen oder gehört hätte, was und wie man über meine Generation berichtete. Ich weiß es nicht – denn zu meiner Zeit gab es lediglich das Fernsehen (<10 Programme), das Radio und die Printmedien. Wir waren meist von unserem sozialen Umfeld geprägt – nicht den sozialen Medien – und allenfalls noch von fremdsprachigen Büchern oder Dozenten aus fernen, verheißungsvollen Ländern zum Beispiel den USA. Ach ja – es war auch die Dekade der ersten Gamer-Generation. Die großen Games (genannt: Videospiele) waren zum Beispiel die „Olympic Games“ (Sommer wie Winter). Der einzige Nachteil bestand nur im Verschleiß der Joysticks. Aber ich schreibe schon zu viel über die Vergangenheit. Klar ist das alles zu vereinfachend und mit zunehmendem Alter verklärt man die Dinge ein wenig.

Also, ich muss mich schon wundern, wie sich ein Teil meiner Generation (beileibe nicht alle) erdreistet, sich so herablassend über einen Nachfolgejahrgang auszudrücken, den er – und das muss man so konstatieren – selbst geschaffen und großgezogen hat! Viele Millennials sind mitten in der Ausbildung oder im Studium, haben zwischenzeitlich die Ausbildungsstätten, Hochschulen und Universitäten  verlassen oder wechseln bereits in die nächste Karrierestufe. Das ist insoweit für mich sehr nahrhaft, dass es mir mein derzeitiger Job erlaubt, genau diese Altersgruppe nahezu täglich zu erleben und mit ihnen zusammenzuarbeiten – etwas zu erschaffen. Nahrhaft ist vielleicht nicht ganz passend, aber ich ziehe aus dieser Zusammenarbeit unheimlich viel Energie, Zuversicht und Lebenslust. Manchmal aber auch Mut und Wut gerade deshalb etwas in Frage zu stellen und neue Wege zu gehen, denken. Ich nenne das für mich persönlich die #Tag1-Philosophie.

whY – ihr gebt uns zu denken

Ich spüre, wie diese Generation völlig zu Recht den Buchstaben Y erhalten hat, denn sie fragt „whY?“ – sie hinterfragt und das ist nicht nur ihr angestammtes Recht, sondern auch ihre verdammte Pflicht.

Sind es die Jungpolitiker, die eine GroKo um jeden Preis verhindern wollen, weil sie für sich spüren, dass sich etwas grundlegend ändern muss und es nicht so weitergehen darf? Bewerberinnen und Bewerber, die einen Unternehmer in meinem Alter nur mitleidig anschauen, wenn dieser als Einstieg in seine Firma ein Handy mit Flatrate und als Höhepunkt einen Leasingvertrag für einen gehobenen Mittelklassewagen anbietet? Dass vermutlich immer noch nicht verstanden wurde, dass der potentielle Vorgesetzte für diese eine Position lieber erklären sollte, warum die Bewerber als neuer Teil der Firma mit ihrem Beitrag die Welt ein Stück besser machen oder das Leben innerhalb der Gemeinschaft erleichtern können?

(Bild: simpsonswiki.com)

Ja – all das sollte uns zu denken geben. Wir sollten hoffen, dass wir den Nachwuchs nicht stromlinienförmig erzogen haben. Es ist auch gut so, dass Lehrkräfte einem Linkshänder wie mir nicht mehr Gewalt antun und ihn damit vor der ganzen Klasse als Freak kennzeichnen, sondern es als wertvolle individuelle Entwicklung eines Kindes angesehen wird. Und ja, liebe jungen Leserinnen und Leser, ich rede von meiner Grundschulzeit 1974-1977. Also gar nicht sooo lange her.

Saugroboter Dobby (Bild: Michael Rausch).

Wir leben in einer der spannendsten Zeiten, die man seit der Industriellen Revolution aufzeichnet. Man vermutet zum Beispiel, dass der Mensch, der die letzte reguläre Führerscheinprüfung ablegen wird, bereits geboren ist. Obwohl es bis zum heutigen Tag für Intelligenz keine Definition gibt, sprechen wir mit ihr und entwickeln sie unentwegt: also integrieren wir sie in Gegenstände des täglichen Lebens und schaffen Erleichterung. Meine Eltern, die in den 1940ern geboren wurden, haben sich zum Beispiel einen Saugroboter gekauft. Er kommt aus Wuppertal, ist Teil der Familie und macht seinen Job in der Zeit, in der meine Eltern im Fitnessstudio sind. Demnächst kommt bei Ihnen „: ~ so ein Lautsprecher “ ins Wohnzimmer, weil das mit der alten Stereoanlage einfach nicht mehr funktioniert. Getriggert wurde das übrigens von meinem Papa. Dem gefällt nämlich „Paranoid“ von Black Sabbath bei uns zu Hause viel besser, als bei sich auf seinen 90er BASF Kassetten. Noch mehr gefällt ihm aber auch, dass er nicht aufstehen muss, um vorzuspulen – sondern bequem per Sprachsteuerung auf die „Beach Boys“ switchen kann.

Die Welt verändert sich rasant und zuweilen sogar schlagartig

Ich denke daher, dass wir, die Generation X (was nicht nur die erste Band von Billy Idol; sondern bezeichnenderweise auch der Buchstabe ist, den man uns zurecht gegeben hat) und die Generation Y einen Pakt schließen sollten. Wie dieser konkret aussehen mag, kann ich beim besten Willen nicht umfassen. Aber er sollte maßgeblich von gegenseitigem Respekt, Achtung und dem sogenannten Autoblick geprägt sein. Unter Autoblick verstehe ich die definierte Sicht durch die Windschutzscheibe (Zukunft), Seitenspiegel (Gegenwart) und den Rückspiegel (Vergangenheit).

Bild: Simone van den Boom (Own work) [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], via Wikimedia Commons
Ein Tipp noch zum Schluss: Wir, die Generation X, sind in aller Regel so codiert, dass wir nicht alle etwas von KI (AI), Blockchain oder ML verstehen. Und wenn wir das Icon von Bitcoin erblicken, denken nicht wenige von „uns“ reflexartig an die billigen Metallmünzen, die man in die Schlitze der Boxautos auf dem Messplatz stecken musste.

Aber wir haben jene Grundlage dafür geschaffen, die ihr, die Generation Y, nun nach eurem Verständnis weiter formen könnt und weiter formen werdet. Ihr werdet sogar Teile verschwinden lassen – und das ist gut so; auch wenn „uns“ das nicht allen immer schmecken wird. Ich möchte also sagen: Wir haben einen stark erhöhten mechanischen und analogen Erfahrungsschatz, den man nur abrufen muss. Und die meisten von uns machen das sogar gerne. Das bilaterale Interface existiert also bereits. Vielleicht macht ihr den ersten Schritt, denn ihr tragt die Zukunft in euch. Der Rest kommt dann von ganz alleine. Für mich ist das übrigens keine Utopie, denn ich erlebe es tagtäglich in meinem Beruf. Gegenseitige Wertschätzung gibt es obendrein noch kostenlos dazu. Hm, vielleicht sollte es besser heißen: Generationen aller Länder: Vereinigt euch!