Am Wochenende ist der amerikanische Informatiker, Musiker und Schriftsteller Jaron Lanier mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Vor rund 1.000 Gästen hat der digitale Pionier in der Frankfurter Paulskirche eine vielbeachtete, rund 40-minütige Rede über eine verwirrende Zeit, digitale Errungenschaften und ihre Folgen gehalten. Wir haben seine wichtigsten Aussagen zusammengestellt.

Jaron Lanier wollte eine Rede halten, die zum großen Teil positiv und inspirierend ist. Aber als Realist sei er gezwungen, manchmal etwas dunkler zu werden, sagt Jaron Lanier.

Jaron Lanier über Gadgets

„Wenn wir unser digitales Spielzeug verwenden, unterwerfen wir uns der billigen und beiläufigen Massenspionage und -manipulation. Damit haben wir eine neue Klasse ultra-elitärer, extrem reicher und unberührbarer Technologen erschaffen; und allzu oft geben wir uns mit dem Rausch eines digital effizienten Hyper-Narzissmus‘ zufrieden.“

 Digitale Kommunikation

„In der Online-Welt führen These und Antithese, eine Hand und die andere, nicht mehr zu einer höheren Synthese. Hegel wurde enthauptet … In Wirklichkeit können nur Medien außerhalb des Internet – insbesondere Bücher – Perspektiven und Synthesen aufzeigen. Das ist einer der Gründe, warum das Internet nicht zur einzigen Plattform der Kommunikation werden darf. Wir haben am meisten davon, wenn es nicht gleichzeitig Subjekt und Objekt ist.“

(Digitale) Bücher

„In der Vergangenheit kämpften wir, um Bücher vor den Flammen zu retten, doch heute gehen Bücher mit der Pflicht einher, Zeugnis über unser Leseverhalten abzulegen, und zwar einem undurchsichtigen Netzwerk von Hightech-Büros, von denen wir analysiert und manipuliert werden. Was ist besser für ein Buch, ein Spionagegerät zu sein oder Asche.“

Frieden und Freiheit

„Ich glaube, wir wissen heute einfach noch nicht genug, um Lösungen für das langfristige Puzzle Frieden zu finden. Das mag negativ klingen, aber eigentlich ist es eine ganz klar optimistische Aussage; denn ich glaube, dass wir immer mehr über den Frieden lernen.“

„Freiheit, losgelöst von Wirtschaft (im weitesten Sinn), ist bedeutungslos.“

Das Internet: Wer hat die Kontrolle?

„Es ist ein Medium, das „Flashmobs“ auslösen kann und regelmäßig schlagartig „virale“ Trends schafft. Zwar haben diese Effekte bisher noch keinen größeren Schaden angerichtet, aber was haben wir im Gegenzug, um sie zu verhindern? Wenn Generationen heranwachsen, die sich großenteils über globale korporative Cyber-Strukturen wie geschützte soziale Netzwerke organisieren und austauschen, woher wissen wir, wer die Kontrolle über diese Strukturen erbt?“

„Ausgerechnet wenn digitale Unternehmen glauben, sie täten das Bestmögliche, optimieren die Welt, stellen sie plötzlich fest, dass sie ein gewaltiges Imperium der Spionage und Verhaltensmanipulation leiten. Man denke an Facebook, das erste große öffentliche Unternehmen dieser Art, das von einem einzigen sterblichen Individuum kontrolliert wird. Facebook steuert heute zum großen Teil die Muster sozialer Verbindungen in der ganzen Welt. Doch wer wird seine Macht erben? Steckt in diesem Dilemma nicht eine neue Art von Gefahr?“

Politik: Outsourcing an Konzerne?

„Wir haben unsere Politik zum großen Teil an ferne Konzerne „outgesourct“, womit es oft keinen klaren Kanal zwischen dem Denken und dem Kodieren gibt, also zwischen dem Denken und der gesellschaftlichen Realität. Programmierer haben eine Kultur geschaffen, in der sie den Regulatoren davonlaufen können.“

„Es ist traurig, dass die derzeitige digitale Politik oft so unsinnig ist. Der Mainstream der digitalen Politik, die immer noch als jung und „radikal“ angesehen wird, pflügt immer noch mit einer Reihe von Ideen über Offenheit voran, die über drei Jahrzehnte alt sind, selbst wenn die spezielle Formulierung offensichtlich gescheitert ist.“

Cloud Computing und Big Data

„Algorithmen erzeugen keine Garantien, doch sie zwingen nach und nach die breite Gesellschaft dazu, Risiken zu übernehmen, von denen nur ein paar wenige profitieren.“

„Es gibt eine allgemeine statistische Vorhersehbarkeit, aber sie gilt nur für begrenzte Zeitabschnitte, und ihre Beschränkungen lassen sich nicht universell vorhersagen. Cloud-basierte Statistiken funktionieren also oft am Anfang, und dann scheitern sie.“

„Jedes Mal, wenn jemand einen Cloud-Service einführt, um einen Aspekt des Lebens leichter zu machen – sei es der Zugang zu Musik, Mitfahrgelegenheiten, Verabredungen, Krediten etc. -, wird in Kauf genommen, dass die Menschen zuvor einen gewissen Schutz genossen hatten, der nun in Vergleich zu früheren Regelungen seinen Wert verliert.“

Innovation: Leistung und würde des Erbringers

„Gute technologische Neuerungen müssen sowohl die Leistung als auch die Würde der Erbringer verbessern.“

Algorithmen die uns sagen, was wir tun sollen

„Typischerweise haben die Nutzer das Gefühl, sie machen ein unglaublich gutes Geschäft. Musik umsonst! Sie scheinen unfähig zu sein, die Verbindung zum Schrumpfen ihrer Möglichkeiten zu ziehen. Stattdessen sind sie dankbar. Wenn man ihnen durch die Anwendung von Algorithmen vorschreibt, mit wem sie ausgehen sollen oder wie sie sich ihrer Familie zeigen sollen, werden sie es tun.“

Share Economy: Täuschungsritual der Todverleugnung?

„Die „Share Economy“ bietet nur die Echtzeit-Vorteile von informellen oder Schattenwirtschaften, wie man sie bisher nur in Entwicklungsländern, vor allem in Slums gefunden hat. Jetzt haben wir sie in die entwickelte Welt importiert, und junge Menschen lieben sie, weil das Gefühl des Teilens so sympathisch ist. Doch die Menschen bleiben nicht für immer jung … Weil die Realität anders aussieht, muss die Share Economy letztendlich als Täuschungsritual der Todesverleugnung verstanden werden.“

Glaube und Technik: Computer weniger als menschlich

„Wir müssen uns nicht darüber einigen, ob im Menschen ein göttliches Element vorhanden ist oder nicht, noch müssen wir entscheiden, ob gewisse „Grenzfälle“ wie die Bonobos als Menschen betrachtet werden sollten. Noch müssen wir absolute Urteile über die letztendliche Natur von Menschen oder Computern abgeben. Doch wir müssen Computer zumindest so behandeln, als wären sie weniger-als-menschlich.“

Veränderung: Es gibt Raum für Alternativen

„Wir müssen anerkennen, dass es Raum für Alternativen gibt. Das Muster, das wir heute sehen, ist nicht das einzig mögliche Muster, es ist nicht unabwendbar. Unabwendbarkeit ist eine Täuschung, die die Freiheit aushöhlt.“

Die vollständige Rede können Sie in der ARD Mediathek (ab 0:50) schauen oder auf dieser Webseite des Börsenvereins nachlesen.

Lesenswert ist auch der Beitrag von Florian Cramer im Merkur-Blog, der sich wundert, warum Jaron Lanier als einer „der Pioniere in der Entwicklung des Internets“ und „wichtigsten Konstrukteure der digitalen Welt“ ausgezeichnet wurde. Denn nichts davon stimme.

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