Sollten Schüler parallel das ABC und C++ lernen? Experten – auch in Deutschland – sagen ja: Grundkenntnisse im Programmieren sind wichtig. Trotz internationalem Druck, Fachkräftemangel im IT-Bereich und obwohl sich die Mehrheit der deutschen Lehrer für Informatikunterricht als Pflicht ausspricht, verändert sich das deutsche Bildungssystem schleppend.

Die IT-Branche wächst trotz Wirtschaftskrise. Vor allem im Bereich Softwareentwicklung suchen Unternehmen händeringend Fachkräfte. Insgesamt 39.000 Stellen seien aktuell in Deutschland zu besetzen, teilte der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (Bitkom) kürzlich mit. Der Nachwuchs fehlt. Zu gering ist die Zahl junger Menschen, vor allem Frauen, die sich für ein Informatikstudium entscheiden.

Eine Ursache dieses Problems liegt für Bitkom wie auch für die Gesellschaft für Informatik (GI) darin, dass Informatikunterricht im Gegensatz zu den Fächern Mathematik, Chemie oder Fremdsprachen nicht fest im Curriculum der Schulen verankert ist. Nur ein solider Unterricht könne Schüler motivieren, sich für eine Karriere im IT-Bereich zu entscheiden, und auf das Informatikstudium vorbereiten, erklären Michael Fothe und Steffen Friedrich in einem Plädoyer der GI.

Informatikunterricht: Bayern und Mecklenburg-Vorpommern sind Vorreiter

GI und Bitkom setzen sich seit Jahren für einen bundesweit verpflichtenden Informatikunterricht von der fünften Klasse an ein. Aktuell veröffentlichte Ergebnisse einer von Bitkom beauftragten Befragung zeigen, dass auch drei Viertel der Lehrer in Deutschland – und dazu zählen nicht nur Lehrkräfte der Naturwissenschaften – diese Forderung unterstützen.

In einem föderalen Bildungssystem bleibt die Entscheidung über Umfang und Inhalt des Informatikunterrichts letztlich jedoch jedem Bundesland selbst überlassen. Zwar wird in der Sekundarstufe 1 bundesweit informationstechnische Grundbildung (ITG/IKG) angeboten. Die Kurse erfüllten jedoch, „oft nicht einmal die Aufgabe, Schülerinnen und Schüler mit der Bedienung gewisser einfacher Informatiksysteme vertraut zu machen“, sagt Hans-Ulrich Heiß, Vorsitzender des Fakultätentag Informatik. Informatikunterricht als Pflicht haben bislang nur einige wenige Bundesländer eingeführt, zum Beispiel Bayern oder Mecklenburg-Vorpommern.

Das europäische Ausland zeigt sich dagegen weitaus offener und flexibler: So hat Großbritannien im vergangenen Jahr Informatik zum Kernfach erklärt. Für estländische und slowakische Grundschüler gehört das Fach sogar von Anfang an dazu. Sie lernen, Computertechnik sowohl zu nutzen, als auch zu gestalten. Kleine Programme zu schreiben gehört zum Schulalltag wie Rechnen und Zeichnen.

Industrie muss Druck machen

Ein „Unterrichtsfach Programmieren ab der Grundschule“ beschreibt Gesche Joost als ihre „Traumvorstellung“. Die Designforscherin ist von der Bundesregierung als „Digital Champion“ entsandt, um als deutsche Vertreterin die europäische „Digital Agenda“ mitzugestalten. Sie hat hohe Ziele. Darin verdeutlicht sich umso mehr, dass ein Umdenken in Deutschland nötig wird, um international mithalten zu können.

Zumindest müsse Informatik „als Teil der Allgemeinbildung begriffen werden“, denn IT-Kenntnisse würden in immer mehr Branchen notwendig, künftig mit Industrie 4.0 auch vermehrt in der Produktion, skizziert Bitkom-Präsident Dieter Kempf die Zukunft. In der Grundschule solle der Fokus auf Medienkompetenz in allen Fächern liegen, so Kempf.

Immerhin: Der Lehrplan des Landes Rheinland-Pfalz für Informatik in der Sekundarstufe 1 sieht eine kontinuierliche positive Entwicklung vor: „Das Schulfach Informatik ist auf dem Weg, sich im Fächerkanon der Schule als gleichwertig zu anderen Fächern zu etablieren.“ Ohne Initiative seitens Schülern, Lehrern, Experten und Entscheidern ist dies jedoch nicht anzunehmen. Für Norbert Breier, Erziehungswissenschaftler der Universität Hamburg, wiegt sogar ein Faktor noch weitaus mehr: „Der Druck der Industrie.

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