Das Internet als Netzwerk der fast unbegrenzten Möglichkeiten ist mittlerweile über 20 Jahre alt und aus unserem Leben längst nicht mehr wegzudenken. Tim Berners-Lee, der oftmals auch als „Erfinder des Internets“ betitelt wird, beschrieb den Grundgeist des Internets einst als einen kollaborativen. Das Internet soll demnach ein Ort mit freiem Kommunikations- und Informationsfluss sein. Doch: Ist das überhaupt noch so? Im Gespräch mit Rafael Laguna, Mitgründer und CEO der Open-Xchange AG, wurde mir ersichtlich, dass die frühere Offenheit scheinbar in die Jahre gekommen ist.

Rafael Laguna gilt mit seiner Erfahrung schon als alter Hase im Internet. Mit 16 Jahren gründete er sein erstes Software-Unternehmen, mit 21 programmierte er ein komplettes Kassensystem für die Getränkewirtschaft, mit 31 verkaufte er daraufhin sein erstes Unternehmen. Heute entwickelt er mit Open-Xchange Kommunikations- und Collaboration-Software für die Cloud, die Unternehmen und Privatanwendern über Systemintegratoren, Hosting-, Telekommunikations- und Kabelanbieter bereitgestellt wird.

Rafael Laguna
Rafael Laguna ist Mitgründer und CEO der Open X-Change AG (Bild: Open Xchange AG)

Ich weiß, was du nicht weißt

Rafael Laguna erinnert sich: „Das Internet war zu seiner Entstehungszeit ein Marktplatz, an dem jeder teilnehmen konnte, da es auf offenen Technologien beruhte.“ Freie Lizenzen ermöglichten die kostenlose Nutzung, aber auch die beliebige Anpassung. Man konnte sich also mit entsprechenden Kenntnissen aus dieser Basis seinen ganz eigenen Service zusammenschustern. Diese offene Landschaft hat sich allerdings geändert. Immer mehr geschlossene Systeme dominieren unsere Internetlandschaft. Rafael Laguna erläuterte dieses Phänomen anhand des Unterschieds zwischen E-Mail und WhatsApp: Während es bei der E-Mail keine Rolle spielt, wo der Server steht oder welcher Maildienst genutzt wird, funktioniert die Kommunikation über WhatsApp ausschließlich über den Instant-Messaging Dienst. Der Service wird dabei vollständig vom Anbieter kontrolliert, ähnlich wie die Kommunikation zu Zeiten vor dem Internet mit Online-Diensten wie CompuServe, BTX oder AOL verlief.

Das Problem des monopolistischen Internets

Heute sind die wertvollsten Unternehmen der Welt Technologie-Konzerne. So lagen im Jahr 2016 Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft auf den vorderen Plätzen. Man könnte unsere Technologie-Landschaft also auch als GAFAM bezeichnen. Diese Dominanz weniger Firmen findet Rafael Laguna problematisch, da diese Firmen bestimmen was wir im Internet zu sehen bekommen (Stichwort: Filter Bubble) und was nicht. Das ist kein freier Marktplatz mehr.

Skandale über Fehlinformation und falschen Angaben, wie bei der Übernahme von WhatsApp, lassen zusätzlich Zweifel an der Ehrlichkeit dieser Unternehmen wachsen.

Laguna spricht in diesem Zusammenhang von Daten-Silos. Silos, eigentlich Speicher für Schuttgüter, stehen bei ihm für den geschlossenen Charakter von Facebook und Co. Wir füttern diese Silos ständig mit Informationen über uns – ob wir wollen oder nicht. Vorhersagen darüber, wie wir künftig handeln, seien aus der individuellen Aktivität im World Wide Web jetzt schon auslesbar, erläutert Laguna. Daten, die für andere Firmen lukrativ sind. Dies ist aber erst der Anfang. Keiner will sich die Auswirkungen vorstellen, was passieren würde, wenn diese gesamte, riesige „Weltdatenbank“ mit den detailliertesten Informationen über uns in falsche Hände gerät. Dass uns die Kontrolle über unsere Daten und was damit getrieben wird, nicht egal sein sollte, liegt auf der Hand.

Ich sag dann mal „Tschüss“?

Jedem ist natürlich selbst überlassen, ob er diese Services nutzt. Warum nicht wieder telefonieren und SMS schreiben, statt Nachrichten auf WhatsApp? Warum sich nicht einfach wieder mit Leuten treffen, statt nur durch deren virtuelles Leben in irgendeiner Chronik zu scrollen? Doch radikaler Verzicht auf Social Media, digitale Kommunikation und E-Commerce und zurück in die Steinzeit ist nach meiner Meinung auch nicht das, was unsere Welt braucht, vielmehr müssen noch mehr vertrauenswürdige Alternativen zu diesen monopolistischen Services geschaffen werden.

Ein Leitfaden für mehr Ehrlichkeit

Doch: Wie stellt man das an? Und: wenn die Daten schon im Umlauf sind, kann man überhaupt noch etwas retten? Die Antwort lautet: Ja, wir müssen sogar.

Rafael Laguna sieht vor allem in der Open Source Software, also Software mit offenem Quelltext, die von jedem genutzt und geändert werden kann, große Chancen. Er versteht Open Source als Geisteseinstellung frei nach Bernhard von Chartres, dass Innovation nur auf den Schultern von Giganten stattfinden kann. Bei proprietärer Software, wo auf alle Änderungen ein Patent anmeldet wird, geht diese Innovationskraft irgendwann verloren.

Doch was sind konkret die Vorteile von Open Source gegenüber geschlossenen Systemen? Rafael Laguna nennt vier Eckpfeiler, die solche vertrauenswürdigen Services ausmachen:

  1. Ein Dienst ist vertrauenswürdig, wenn es denselben Dienst an vielen Stellen gibt. Gibt es Alternativen? Muss es unbedingt Google Maps und Gmail sein?
  2. Es muss möglich sein, seine Daten von einem zum anderen Service mitzunehmen. Digitale Musiksammlungen, E-Books oder Nachrichtenverläufe, Fotosammlungen – wechselt man den Dienst, sind auch die Daten weg oder können nicht ausgelesen werden.
  3. Die Software des Service muss verfügbar sein. So kann man beispielsweise eine „Facebook-Software“ nirgendwo kaufen. Nur wenn die Software des Services verfügbar ist, kann ein Provider, der den eigenen Ansprüchen entspricht, individuell selbst gebaut werden.
  4. Offene Quellcodes: Wo die Implementierung offen liegt, da würden auch jegliche Sicherheitslücken und Hintertürchen auffallen.

Dass Open Source durchaus schon lange als sichere und kostengünstigere Alternative genutzt wird, zeigen viele Beispiele. So setzten schon in den frühen 2000-ern Kommunen Open Source Software ein. Auch haben etliche Staaten, beispielsweise Schweden, Spanien, Großbritannien, aber auch Italien, Bestimmungen erlassen, die dafür sorgen, dass Open-Source-Software im Vergabeverfahren für die öffentliche Verwaltung bevorzugt wird. 

Fazit: Was für ein Internet wollen wir in Zukunft haben?

Mit neuen Technologien wurde im Zuge der Geschichte schon immer zunächst etwas sorglos umgegangen, man denke da nur an den Umgang mit Radioaktivität zu Zeiten Marie Curies. Eine ähnliche Naivität begleitet uns, wenn wir mit der „Ist-doch-alles-kostenlos“-Haltung im World Wide Web unsere Spuren hinterlassen, wie wir es derzeit noch tun.

„Es gibt für jeden Dienst offene und vertrauenswürdigere Alternativen“, schließt Rafael Laguna unser Gespräch ab. Diese noch vermehrt zu entwickeln und zu schaffen, wird in Zukunft wichtig sein, um wieder ein Ökosystem und einen freien, offenen Markt zu erzeugen.

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