Rund 70 Apps aus insgesamt 18 Ländern – der AppArtAward beweist nun auch im siebten Jahr seine internationale Präsenz und Akzeptanz als Wettbewerb für digitale Kunst durch die vielfältige, multinationale und renommierte Teilnehmerschaft.

Verliehen wurden in diesem Jahr die Preise AppARTivism, Game Art und Sound Art, die jeweils mit 10.000 € dotiert sind. Die Ausschreibung richtete sich an KünstlerInnen, GestalterInnen und EntwicklerInnen aus aller Welt.

Die Jury zeigte sich begeistert von der Vielfalt und der hohen Qualität der eingereichten Arbeiten, die sowohl hochaktuelle Themen aufgriffen als auch beispielsweise auf die Historie der technologischen Entwicklung rekurrierten. Der technische Fortschritt in der App-Produktion sei klar erkennbar, urteilte die Jury.

Polluted Selfie erhält den AppARTivism

Der Preis AppARTivism geht in diesem Jahr an David Colombini für die Web-Application für Android Polluted Selfie (2017). Polluted Selfie ist eine mit einem Sensor verbundene Web-Anwendung, mit der man ungewöhnliche „verunreinigte“ Selfies aufnehmen kann. Bei einem gewöhnlichen Selfie zeigen wir uns stets von unserer besten Seite. Bei dem Polluted Selfie dagegen verändert ein Filter die aufgenommenen Fotos in Abhängigkeit zu den Werten der im unmittelbaren Umfeld gemessenen Luftverschmutzung. Die drei von dem Sensor in Echtzeit erhobenen Messwerte der häufigsten Schadstoffe – Feinstaub (PM), Kohlendioxid (CO2) und Kohlenmonoxid (CO) – beeinflussen jeweils einen bestimmten Parameter des Bildes: Störimpulse sind an den Feinstaubwert gekoppelt, CO- und CO2Gehalt der Luft beeinflussen die Farbgebung. So gleicht kein „SchadstoffSelfie“ dem anderen. Durch die App können NutzerInnen zu UmweltaktivistInnen werden, indem sie ihre Bilder (in den Sozialen Netzwerken) teilen und damit auf die Luftverschmutzung hinweisen. Durch die von Netzkunst, Glitch und Computerviren inspirierte Ästhetik wirft Polluted Selfie aber auch die Frage auf, ob es nicht auch eine Art „digitaler Verschmutzung“ gibt. Die Kunstanwendung wird von CAS Software AG mit einem Preis in Höhe von 10.000 € ausgezeichnet.

„Luftverschmutzung ist eines der dringlichsten Probleme beim Kampf um die Erhaltung des Lebens auf der Erde. Normalerweise laufen die Vorschläge zum Klimaschutz auf eine Reduktion von Technik hinaus. Hier dient die Technik zur Messung und damit zur Kontrolle der Luftverschmutzung. Das Ungewöhnliche der prämierten App besteht darin, dass der Narzissmus, zu dem die Menschen neigen, in ein produktives Gegenteil verwandelt wird. Das narzisstische Selbstdarstellen, das Selbstbetrachten und Festhalten eines Abbilds, das heute Neudeutsch „Selfie“ heißt, wird durch die App verwandelt: Aus der Sorge um sich selbst wird eine Sorge um das Soziale, eine Sorge um die Umwelt. Die Teilung und Distribution in den sozialen Netzwerken, dient eben nicht mehr nur der Multiplikation des Ich, sondern auch der Multiplikation der Warnung, nicht nur vor Luftverschmutzung, sondern auch vor Datenverschmutzung. Die Technologie ist außergewöhnlich, die Idee ist außergewöhnlich. Daher wurde diese App von der Jury mit dem 1. Preis prämiert.“

Glitchskier gewinnt den Preis Game Art

Den Preis Game Art in Höhe von 10.000 € erhält Shelly Robin Alon für die iOS-/Android-/Windows-Applikation Glitchskier (2017).
Glitchskier ist ein klassisches und herausforderndes „Shoot-Em-Up“- Spiel, in einer ästhetisch überraschenden Form. Es vereint smarte Programmierung mit dem Erscheinungsbild illegal heruntergeladener Software im Stil der letzten Jahrtausendwende. Die Spieloberfläche erscheint als virtueller Retrodesktop, auf dem die SpielerInnen statt mit gebräuchlichen Buttons per Doppelklick „Dateien“ öffnen, um das Spiel zu starten oder auch, um das Erscheinungsbild zu ändern. Diese virtuelle Rückkehr zu alten Designs und Strukturen ermöglicht eine Reflexion der zeitgenössischen Interaktion mit dem Smartphone oder Tablet.

„Game Art ist die populärste Form der AppArt. Dieses klassische Genre wird hier durch eine sehr intelligente Programmierung upgedated – während das Erscheinungsbild eher retrograd ist, im Sinne eines klassischen Shoot-Em-Up Retro-Game und das in Zeiten von Realismus strotzenden Spielen. Aus dieser Kombination entstehen ein hoher ästhetischer Reiz und eine intellektuelle Reflexion des Genres. Dieses Spiel macht Spaß, erinnert an die alten Spiele und überzeugte die Jury mit seiner Ästhetik. Daher wurde diese App von der Jury mit dem 1. Preis prämiert.“

Der Preis Sound Art geht an Mazetools Soniface und Visual Beat

Die iOS-/Android-/Windows-Applikation Mazetools Soniface (2017) von Jakob Gruhl und Stephan Kloß wird mit 5.000 € im Bereich Sound Art ausgezeichnet. Die App Mazetools Soniface verbindet einen visuellen Synthesizer mit einem Groovesequenzer. Diese Software bietet die Möglichkeit, verschiedene elektronische Musikstile auf mobilen Endgeräten zu entwickeln. Die Kombination der Wortbestandteile „maze“ [Labyrinth] und „tools“ [Werkzeuge] verweist auf den gleichzeitig erkundenden und bewusst schöpferischen Gebrauch der App.

Das immersive musikalische Aktionsfeld basiert auf einfachen und bekannten Methoden der Notation und Musikproduktion: dem Quintenzirkel, dem Farbenklavier von Alexander Skrjabin, polyrhythmischer Perkussion sowie Standards der digitalen Musikproduktion und des Umgangs mit mobilen Apps. Den Aktionsrahmen bildet ein audiovisuell funktionierendes Gitter, in dem jede Linie einer bestimmten Note entspricht. Durch einfache Bewegungen auf der für mehrere Finger sensiblen Oberfläche kann das Gitter verändert werden, während der Synthesizer-Sound simultan moduliert wird. Ein rundes Interface bietet verschiedene Möglichkeiten zur Bearbeitung des Klangs und der visuellen Effekte. Ausgezeichnet wird die Applikation mit einem Preisgeld von 5.000 € von bigFM.

 „Diese App verbindet einen visuellen Synthesizer mit einem Groovesequenzer. Der Titel dieser App verbindet übersetzt die Wörter „Labyrinth“ und „Werkzeuge“. Es gibt dem User somit die Möglichkeit, verschiedene elektronische Musikstile auf seinem mobilen Endgerät herzustellen und zu entwickeln. Hier können die verschiedensten Musikinstrumente, wie z.B. Klavier, Schlagzeug oder Synthesizer erkundet und genutzt werden. Ein digitales „All-in-One“ Musikinstrument für unterwegs. Diese Applikation überzeugte die Jury mit ihrer Komplexität, aber gleichzeitig mit einer spielerischen Handhabung und wurde daher von der Jury mit einem Preis prämiert.”

Die iOS-/Android-/Windows-Applikation Visual Beat (2017) von Max Mörtl wird ebenfalls mit 5.000 € im Bereich Sound Art ausgezeichnet. In seinem interaktiven Musikvideo Visual Beat lässt der Regisseur und Trickfilmer Max Mörtl die Rollen und Grenzen zwischen einem vermeintlich passiven Publikum und den aktiv gestaltenden RegisseurInnen und MusikerInnen verschwimmen. Die NutzerInnen der App werden Teil des künstlerischen Prozesses und werden sowohl in das Arrangement eines Musikstückes als auch in die visuelle Gestaltung einer Art Musikvideo mit einbezogen. Aus einem vielseitigen Repertoire an Instrumenten und Gesängen können immer wieder neue Klang- und Filmkombinationen erschaffen werden.

Der Musikvideo-Baukasten von Visual Beat wurde von den MusikerInnen Mohna, Nutia, Clara und Dobré, die jeweils verschiedene Genres vertreten, für das Projekt gemeinsam komponiert. Für die MusikerInnen wurden individuelle Stop-Motion-Animationen entwickelt und zum Leben erweckt. Die Kunstanwendung Visual Beat wird vom ZKM | Karlsruhe mit einem Preis in Höhe von 5.000 € ausgezeichnet.

„Visual Beat spielt, wie der Titel schon sagt, auf der Synästhesie und Synchronie von visuellen und akustischen Reizen, von visuellen und rhythmischen Mustern. Diese Arbeit erweitert das Musikvideo. Bisher waren die BetrachterInnen eines Musikvideos passiv, nun können sie selbst zu InstrumentalistInnen oder ArrangeurInnen werden, die die Musik und visuelle Gestaltung partizipatorisch prägen. Das Musikvideo wird zu einer Art Baukasten, mit dem eine enorme Vielfalt an Instrumenten, Klängen, Gesängen und Bildkombinationen möglich geworden ist. Besonders gelungen ist bei der App Visual Beat die a-typische Übertragung von Tönen und die Wechselwirkung zwischen Tönen und menschlichen Körpern. Das war der Jury einen Preis in der Kategorie Sound Art wert.“

Quelle: Pressemitteilung des Zentrums für Kunst und Medien Karlsruhe

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