Ganze vier Wochen bin ich nach meinem kleinen Digitalen Nomadenabenteuer wieder in Deutschland. Es ist an der Zeit, zu reflektieren, was mir meine „nomadische“ Zeit in Brasilien gebracht hat und ob das für mich wieder infrage kommt. Denn das ist schließlich die mir am meisten gestellte Frage, mit der ich von meinem Umfeld hier konfrontiert werde: „Und, würdest du das wieder machen?“. In diesem Beitrag möchte ich meine 3 Monate als Digitale Nomadin Revue passieren lassen.

Digitales Nomadentum – Is it for everyone?

Zunächst ist da die Frage, zu wem das Digitale Nomadentum passt. In meinen letzten Kolumnen habe ich versucht, das Leben als Nomadin so realisitisch wie möglich abzubilden. Wer diese nicht kennt, sieht nur Sonne und Meer und irgendwo einen Laptop platziert. „Das beste Lebensmodell“, „ideal“, „das hätte ich auch gerne“ waren die Reaktionen, als ich in Brasilien oder auch in Deutschland anderen Menschen davon berichtete, was ich mache.

Von außen sieht das alles rosig aus; heute dort, morgen von dort zu arbeiten und dabei die Welt zu sehen. Dass reißerische Headlines in der Presse nicht gerade zum Verständnis beitragen, sieht man, wenn man sich die Kommentare unter den Artikeln von SPIEGEL und ZEIT online anschaut.

Menschen an einem Strand in Brasilien
Strand und Sonne – so stellen sich die meisten das Leben eines Digitalnomaden vor. Aber das ist nur eine Seite der Medaille. (Bild: Ute Klingelhöfer)

Im Prinzip findet sich hier die deutsche Neid- und Zweifelgesellschaft at it’s best wieder. Wer schon einmal gegründet hat, der hat eine hohe Toleranzgrenze für solche Kommentare und kommt damit klar, dass er oder sie für einen Spinner gehalten wird. Was jedoch die Kritiker des Digitalen Nomadentums nicht sehen: Jedes Abenteuer kommt mit einem Preisticket.

Sei es, dass man sich bereits vor der Reise finanziell einschränkt oder eben besonders viel arbeitet, um sich entsprechende Reisezeiten, in denen man Land und Leute erkundet, leisten zu können. Oder dass es einfach anstrengend sein kann, sich immer wieder auf einen neuen Ort einzulassen und sich das, was sich Alltag nennt, also wo man schläft, isst, arbeitet und Freunde trifft, aufzubauen.

Ein Arbeits- und Lebensmodell, für das es noch keine Strukturen gibt

Unterwegs habe ich Menschen kennengelernt, die schon über Jahre hinweg ortsunabhängig arbeiten und leben. Einige beschäftigt die Frage, ob sie sich komplett aus ihrem Heimatland abmelden sollen. In den Online-Communities taucht immer wieder die Frage auf, welche Länder für eine Geschäftsanmeldung am besten geeignet seien, um Steuern zu sparen. Wer keinen festen Wohnsitz hat, sieht oft nicht ein, diese einem Staat zu hinterlassen, wenn er oder sie sich dort nur ein paar Tage aufhält.

Zwei Cocktails am Strand
Weniger Steuern zahlen, mehr Geld für Cocktails haben? Das sind nicht die Beweggründe eines Digitalnomaden. (Bild: Ute Klingelhöfer)

Auch wenn ich diese Ansicht nicht teile und ein komplett nomadisches Leben nicht passend für mich wäre, sind das für mich Fragen, denen sich eine Gesellschaft, von der ich in den nächsten Jahren ausgehe, dass sie sich immer mehr statt weniger Selbstbestimmung wünscht und Bewegungen wie die der Digitalen Nomaden wachsen, stellen muss. Vor allem in den folgenden Bereichen sehe ich noch Entwicklungs- und Aufklärungspotenzial:

  • Krankenversicherung: Wie kann man ortsunabhängig Arbeitende versichern? Welche Versicherung deckt einen umfassenden Schutz in allen Ländern ab, die über eine Reisekrankenversicherung hinaus geht und nicht dazu verpflichtet, reguläre Beiträge weiterzuzahlen, wenn die Leistungen im Ausland dadurch nicht abgedeckt sind?
  • Wohnsitz: Braucht ein Mensch einen festen Wohnsitz? Wenn ja, welche Rechte und Pflichten sind damit verbunden? Was, wenn er keinen festen Wohnsitz hat? Wie kommt diese Person dann an andere nowendige Dinge wie ein Bankkonto o. ä.?
  • Steuern: Neben der Frage, wo jemand, der von überall arbeitet, Steuern zahlt, mangelt es laut der Aussagen in den Communities der Digitalen Nomaden an Steuerberatern, die sich mit den Geschäftsmodellen von ausschließlich ortsunabhängig Arbeitenden auskennen. Anscheinend gibt es nur wenige, die sich auf eine ausschließlich digitale Zusammenarbeit einlassen und die dafür notwendigen Tools kennen.

Die Zeit wird zeigen, ob das Modell der Digitalen Nomaden ein gleichberechtigtes und dauerhaftes Lebensmodell neben dem „Karriere-Haus-Kind“ werden wird oder ob sich nicht jeder irgendwann wieder an einem Ort niederlässt. Familien mit Kindern im Kleinkindalter lassen sich jedenfalls nicht davon abhalten, auch diese mit auf Reisen zu nehmen. Wenn die Kleinen jedoch ins schulpflichtige Alter kommen, sieht dies wiederum anders aus.

Ich persönlich würde mir wünschen, wenn, anders als in den Kommentaren unter den Presseartikeln, begrüßt wird, wenn (junge) Menschen ausprobieren, andere Wege zu gehen. Dazu gehört auch, mal auf die Schnauze zu fallen. Nur durchs Machen lernt man schließlich, was für einen passend ist. Und so eine Zeit hinterlässt Spuren, durch die man meist als reflektierter und gestärkter Mensch zurückkommt.

Der Kulturschock ist beim Zurückkommen größer

Wie ist es nun wieder hier zu sein? An ein wärmeres Klima, einen grundsätzlich entspannteren Umgang mit der zur Verfügung stehenden Zeit und an die günstigeren Preise für frisches, leckeres Obst im Supermarkt habe ich mich in Brasilien bereits nach kurzer Zeit meiner Ankunft gewöhnt. Zurück in Deutschland denke ich mir: Warum so unentspannt?

Eine Schüssel gefüllt mit Obst und Müsli
Frische Früchte en masse … in Brasilien ist die Acai-Bowl eine beliebte Mahlzeit. (Bild: Ute Klingelhöfer)

Natürlich ist es von Vorteil, dass der Deutsche für alles seine ausgeklügelten Prozesse hat und die Dinge gewohnt nach Plan laufen (man kann spontan in einen Supermarkt gehen und nach 5 Minuten mit einer vollen Einkaufstüte wieder herauskommen – während man in Brasilien immer noch am Ende der Kassenschlange steht, weil das Personal miteinander quatscht), aber ein bisschen „vista grossa“ (die Fähigkeit, vorhandene Regeln wohlwollend zu übersehen), gepaart mit einer Prise „gambiarra“ (dem Einfallsreichtum, technische Probleme abseits des Standards just mit dem Wenigen, was man hat, zu lösen – ich erinnere mich da an einen mit dünnem Paketband genähten Strandstuhl, der in Deutschland aus Sicherheitsgründen längst im Müll gelandet wäre) würde unserem Volk sicherlich gut tun.

Lohnt sich Brasilien allgemein für Digitale Nomaden? Ja! Es gehört selbstverständlich Planung dazu, wenn man auf eine stabile WiFi-Verbindung angewiesen ist, aber die kann man auch einmal mit der Internetverbindung übers Handy überbrücken. Von Kriminalität und Diebstahl habe ich persönlich zwar oft genug gehört, war jedoch selbst nie involviert. Wer vorsichtig bleibt und auf sein Bauchgefühl hört, wird in dieser Hinsicht dem meisten Stress aus dem Weg gehen können.

Wenn ich noch mal nach Brasilien gehe, habe ich Interesse daran, auch mit Brasilianern Geschäfte zu machen. Was den Social Media Bereich angeht, herrschen dort traumhafte Bedingungen. Geschäfte laufen über WhatsApp und ansonsten wird geteilt, kommentiert und geliked, was das Zeug hält – während man hierzulande viel zögerlicher ist und viel stärker hinterfragt, ob man etwas mit seinen Kontakten in sozialen Netzwerken teilen kann. Die „Share-Freudigkeit“ der Brasilianer gepaart mit dem Prozessdenken der Deutschen – für mich als Content Strategin eine Traumkombination. ;)

Tipps für Nachahmer

Ich glaube fest daran, dass es in den nächsten Jahren mehr Menschen gibt, die sich dafür entscheiden, zumindest für eine bestimmte Zeit ortsunabhängig zu arbeiten. Die Firmen, die dies bereits jetzt ihren Mitarbeitern ermöglichen, gehören für mich zu den Vorreitern. Der deutsche Reisepass ist, bezogen auf die Anzahl der Visa, die wir damit erhalten, der mächtigste der Welt. Wer jetzt sagt, er will das auch mal ausprobieren, dem möchte ich noch ein paar Tipps mit auf den Weg geben:

  • Erst Erfahrung mit Kunden sammeln, bevor man loszieht (Ich würde nicht gleichzeitig Digitaler Nomade werden und mich geschäftlich selbstständig machen wollen)
  • Reise- und Workbuddies suchen – Am besten Menschen, die eine ähnliche Balance zwischen beidem suchen
  • Die Ressourcen und Kontakte in den Nomaden-Communities nutzen, die es bereits gibt (in diesem Beitrag schrieb ich über verschiedene Facebook-Gruppen zum Thema)
  • Die Sprache der Reiseländer bereits vor dem Aufenthalt lernen
  • Die große Spiegelreflex-Kamera zuhause lassen – ist nur weiterer unnötiger Ballast neben all dem Technikkram
  • Viel Zeit für das Kennenlernen eines Ortes nehmen anstatt nur Sehenswürdigkeiten abzuhaken
  • In Deutschland Personen haben, die wichtige Geschäftspost weiterleiten
  • Lernen, mit dem Vorurteil „Das ist ja alles Urlaub“ klarzukommen ;-)
Ute Klingelhöfer vor einer roten Wand
Tchau Brasil! Das wars mit der Digitalnomaden-Kolumne ;) (Bild: Ute Klingelhöfer)

Zum Schluss bin ich noch zwei Antworten schuldig:

  • Bereue ich meine Entscheidung? Nein.
  • Würde ich das wieder tun? Auf jeden Fall!

Tchau!
Ute

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