Arbeiten als Digitaler Nomade – das heißt nicht, die ganze Zeit alleine vorm Laptop ohne Freunde zu verbringen, ausschließlich an den schönsten Stränden der Welt zu faulenzen und es heißt auch nicht, sein Arbeitsleben uneingeschränkt gestalten zu können – zumindest nicht für diejenigen, die auf Kontakt mit dem Kunden angewiesen sind. Das Arbeiten mit dem Reisen zu verbinden bedeutet vor allem, sich gut zu organisieren…

Neben der Packliste gibt es einige Dinge, die geplant werden müssen. Dieser Beitrag soll einen Einblick geben, wie ich von unterwegs arbeite, welche Stolperfallen das Nomadentum mit sich bringt, wie und wo ich andere Digitale Nomaden finde und über welche Mittel ich mit diesen in Kontakt bleibe, wie die Kommunikation auf Reisen funktioniert.

Die Abhängigkeit von der Technik

Ich bin der Meinung, dass die Kunden eines Digitalen Nomadens am wenigstens von seinem Lifestyle mitbekommen sollen. Damit meine ich nicht, dass man sein Unterwegssein verschweigen soll – im Gegenteil – meine Erfahrungen zeigen mir, dass die meisten Kunden interessiert daran sind, wie man das Reisen mit dem Arbeiten verbinden kann.

Wenn jedoch Telefongespräche à la „Frau Klingelhöfer, hören Sie mich?“ – „Ja, ich kann Sie hören, verstehen Sie mich?“ – „Hallo? Hallo?“ – (Verbindung weg) beginnen, bekommt der Auftraggeber auch die negativen Seiten des Digitalen Nomadentums mit. Vielleicht reagiert er halb verärgert, halb neidisch, weil er sein Gegenüber dem Klischee entsprechend an einem sonnigen Sandstrand am anderen Ende der Welt vermutet.

Keine Frage: Der Abhängigkeitsfaktor von der Technik ist sehr hoch. Wenn sie nicht funktioniert, kann mich das schon mal in den Wahnsinn treiben – viel zu oft habe ich erlebt, dass nicht funktionierende Technik einfach als Entschuldigung für eine schlechte Planung hingenommen wurde. In meinem Fall hatte ich zwar gut geplant – eine Unterkunft mit guter Internetverbindung gefunden – und doch konnte ich mich nicht hundertprozentig auf diesen Umstand verlassen.

Wie habe ich reagiert? Ich habe mein Smartphone in die Hand genommen, den Kunden angerufen, die horrenden Roaming-Gebühren des Handy-Providers ignoriert und mit ihm das ursprünglich über Skype geplante Gespräch geführt. Die Schuld allein auf die Technik zu schieben und den Termin bloß verschieben zu wollen, ist meiner Meinung nach keine gute Werbung für den Lebensstil der Digitalen Nomaden.

Ute mit Laptop auf dem Balkon in einer Favela in Rio
Wenn die Technik läuft, muss man zum Arbeiten nicht im Büro sitzen – Arbeiten auf dem Balkon in einer von Rios Favelas (Bild: Ute Klingelhöfer)

Eine andere Herausforderung ist die Zeitverschiebung: Wenn der Deutsche seine Kollegen schon mit „Mahlzeit“ grüßt, habe ich gerade erst einmal gefrühstückt. So kommt es, dass mich ab und an sogar mal das schlechte Gewissen plagt, dem Kunden hinterher zu sein. Arbeitet der Ansprechpartner in Deutschland nur Teilzeit, kann es dauern, bis wir uns per E-Mail erreichen.

Erzähle ich anderen Personen, dass ich im Webbereich arbeite, sagt jeder, dies sei doch ideal, um Digitale Nomadin zu sein. Bedenken gab es allerdings beim Thema Shitstorm und Erreichbarkeit. Ob ich denn noch eine rechtzeitige Reaktion sicherstellen könne, wenn bei einem meiner Kunden plötzlich ein solcher Fall auftreten würde? Die Frage ist zwar berechtigt, aber schmunzeln musste ich schon.

Abgesehen davon, dass eine Kritik fälschlicherweise viel zu oft als Shitstorm hochgepusht wird, geht bei meinen Kunden das Risiko eines solchen gen Null. Ich sehe den viel häufigeren Image- und Umsatzschaden eher in der Nichtbeantwortung von Kommentaren und negativen Bewertungen unzufriedener Kunden, die sich öffentlich in sozialen Netzwerken beschweren. Sie beschweren sich meist nur so lautstark, weil sie sich sehnlichst einen direkten Kontakt zum Kundenservice wünschen, den sie auf anderen Wegen zuvor nicht erhalten haben. Werden diese Anfragen nicht zeitnah beantwortet, erzeugen diese nicht nur ein schlechtes Bild bei dem Betroffenen, sondern auch bei unbeteiligten Dritten und produzieren gegebenenfalls weitere, zeitintensivere Anfragen.

Da sich das Aufkommen solcher Anfragen bei meinen Kunden im B2B-Bereich jedoch derzeit noch in Grenzen hält, kann ich diese Anfragen auch mit einer Zeitverschiebung wie der von Brasilien nach Deutschland beantworten. In anderen Fällen beantworten Mitarbeiter im Unternehmen diese komplett eigenständig und haben zuvor eine Schulung von mir erhalten.

Reisen oder Arbeiten?

Als mich vor ein paar Tagen eine Freundin fragte, ob ich demnächst mit ihr nach Bonito, einem Naturschutzgebiet im Pantanal, reisen möchte, musste ich nicht lange überlegen: Natürlich möchte ich einen der schönsten Orte in Brasilien mit eigenen Augen sehen, in Höhlen schwimmen und die Unterwasserwelt kennenlernen! Unter einer Bedingung: Ich brauche in unserer Unterkunft Internetzugang – im angedachten Zeitraum zumindest, um E-Mails und Social Media Accounts zu prüfen. Internet ist die Voraussetzung, um als Digitaler Nomade überleben zu können.

Der Durchschnittsnomade, bei dem Wifi in der maslowschen Bedürfnispyramide an erster Stelle steht, kann also nicht uneingeschränkt umherreisen. Irgendwann muss er sich entscheiden: Möchte er an einem wunderschönen, verlassenen Ort im Dschungel leben und kann für ein paar Tage abgeschottet vom Internet sein oder muss er darauf verzichten, weil er eine besonders schnelle und stabile Verbindung für die Kommunikation und Datenübertragung zum Kunden braucht? Doch wer sich beschwert, weil er seine Reise aus dem Strandparadies wegen schlechter Internetverbindung ungewollt früher abbrechen muss, hat entweder schlecht geplant oder jammert auf hohem Niveau.

Screenshot von nomadlist.com mit Filter
Nomad List hilft Digitalen Nomaden, ihre Reiseziele nach bestimmten Kriterien zu checken (Bild: Screenshot nomadlist.com)

Zum Glück gibt es in dieser Hinsicht aber auch Abhilfe: Portale wie nomadlist.com machen es möglich, beliebte Orte für Digitale Nomaden nach Kriterien wie schnellem Internet, dem Vorhandensein von Uber-Taxis, Sicherheit etc. zu filtern. So kann sich jeder seine perfekte Destination, passend zum jeweiligen Budget und Geschmack, heraussuchen.

Andere Digitale Nomaden finden

Digitale Nomaden leben einen Lebensstil abseits der Norm, sie sagen nein zu den meisten Dingen, die für die Freunde in der gleichen Altersklasse normal sind. Die typischen Kennenlerngespräche anderer Touristen langweilen sie, weil sie sich nicht zum hundertsten Mal erklären möchten, warum sie den ganzen Tag nicht am Strand waren und nur am Laptop saßen. Wer diesen Weg nicht einsam bestreiten will, braucht Gleichgesinnte um sich, die einen ähnlichen Lifestyle leben und einen verstehen. Wie und wo aber findet man die?

Neben dem genannten Nomadlist-Portal gibt es zum Beispiel nomadbase.io – anhand einer Weltkarte kann man hier seinen aktuellen Aufenthaltsort mit anderen Nomaden teilen und deren Reiserouten verfolgen.

Für mich funktionieren Facebook-Gruppen am besten, um Gleichgesinnte zu finden und News aus der Szene zu erhalten. Hier lohnt es sich, einfach mal das Keyword „Digitale Nomaden“ bzw. „Digital Nomads“ in die Suche bei Facebook einzugeben.

Drei bekannte Gruppen sind beispielsweise:

Außerdem gibt es spezifische Gruppen für so ziemlich jeden „Digitalen Nomaden Hotspot“. Einfach die Region/Stadt + das Keyword eingeben und man findet die Digitalen Nomaden seiner Stadt.

Ich bin zum Beispiel Mitglied bei den „Digital Nomads Spain“ und „Digital Nomads Cran Canaria“, weil ich mir hier ein gutes Leben vorstellen kann.

Die Kollegen als Mitbewohner: Co-Living

Wer auf den Geschmack gekommen ist, und auf seiner Reise nicht nur Kollegen, sondern auch Freunde gefunden hat, für den ist eventuell das Co-Living Konzept spannend: Neben den typischen Coworking Spaces, die es auch in Karlsruhe gibt, sprießen weltweit die Co-Living-Angebote wie Pilze aus dem Boden. Dort werden die Kollegen zum Mitbewohner: Arbeiten und miteinander Leben am gleichen Ort.

Digitale Nomaden in einer gemeinsamen Wohnung
Digitale Nomaden leben und arbeiten unter einem Dach in Cran Canaria (Foto: Maartje Smit via Wanderlicious)

Wer sich noch nicht sicher ist, ob das Digitale Nomadenleben etwas für einen ist oder einen sanften Start unter Anleitung von erfahreneren Digitalen Nomaden bevorzugt, dem empfehle ich eine „Workation“ – Zeitlich begrenztes miteinander Arbeiten und Leben, z. B. in einem der DNX-Camps. Sie werden von den gleichen Organisatoren wie der gleichnamigen Konferenz DNX organisiert.

Ich bin gespannt, ob die Co-Living- und Workation-Angebote auch in Deutschland Anklang finden werden. Gerade für junge Gründer kann ich mir diese gut vorstellen.

So, ich verabschiede mich nun in den berühmten brasilianischen Karneval und sage

„Até a próxima“

Ute Klingelhöfer

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