Vieles von dem, was ich über Digitalisierung lese, ist ziemlich abstrakt. Meistens, weil es dabei um Produkte, Prozesse oder gleich um ganze Unternehmen geht. Deutschland hinkt bei der digitalen Transformation weit hinterher, heißt es dazu in den einschlägigen Medien. Die Konzerne trauen sich nicht so recht und auch der Mittelstand zögert und schaut erstmal aus sicherer Entfernung zu. Wo überhaupt anfangen, fragen sich viele Firmenchefs vermutlich. 

Das Ironische dabei ist, dass Digitalisierung schon lange angefangen hat. Vielleicht ist der Verlauf nicht immer so spektakulär wie bei der Musikindustrie, wo Plattformen wie Spotify die CD für immer in den Keller verbannt haben. Manchmal kommt Digitalisierung auch Schritt für Schritt auf leiseren Sohlen daher. 

In zehn Jahren vom Offline- zum Onlinejob

Während meiner Ausbildung in einer Werbeagentur habe ich noch Produktionsrechnen gelernt. Für eine Prüfung musste ich ausrechnen, wieviel Rollen Papier gebraucht werden, um eine Zeitung mit einer Auflage von 100.000 Stück zu drucken. Ja, Print war zu der Zeit noch ganz groß. Radio als Werbekanal auch und TV sowieso. Von Google Adwords, Facebook und YouTube hat da noch keiner gesprochen. Wenn ich jetzt so auf meinen Lebenslauf zurückschaue, hat sich eigentlich über Jahre hinweg mein gesamter Job und dessen Aufgabenstellungen digitalisiert und ich habe es noch nicht einmal richtig bemerkt. Bewusst wird mir das in Momenten wie diesen. Ich sitze mit meinem Notebook im Homeoffice und schreibe einen Artikel über Remote Working in Portugal. 

LxFactory
Die LxFactory ist ein ehemaliges Fabrikgelände welches unzählige Geschäfte, Cafés und Start-Ups aus der Kreativszene beinhaltet. (Bild: Barbara Przeklasa)

Ich bin dann mal wieder weg

Es war wieder spannend. Ich habe zwischenzeitlich eine neue Chefin und hatte keine Ahnung, wie sie auf mein Anliegen reagieren würde. Im Sinn hatte ich, einen Monat durch Portugal zu reisen und, nach meinen Erfahrungen als in Asien auch von dort aus zu arbeiten. Ihre Antwort auf mein Vorhaben brachte mich allerdings ins Grübeln. Im November sind wir traditionell auf Deutschlands größter Oracle-Konferenz als Aussteller mit großem Messestand und eigener Kundenparty vertreten. Beides ist detailreich in der Planung und in der Umsetzung. Also ist der Oktober als heiße Phase vielleicht nicht unbedingt die beste Zeit, um als Verantwortliche für die gesamte Eventorganisation im Ausland zu sein? Bei mir kamen erste Zweifel auf. Hm ja, der Auftritt auf der Konferenz ist für mein Unternehmen enorm wichtig – schaffe ich das wirklich alles auch von unterwegs? Ich nahm mir ein paar Tage Zeit zum Nachdenken und war mir dann sicher: doch, es geht.

Mein Arbeitsplatz to go

Also wurde ein paar Tage später der Flug gebucht. Nach meiner dreimonatigen Reise durch Südostasien waren vier Wochen Aufenthalt in Portugal zu planen eine recht unspektakuläre Sache. Technisch ist mein „Arbeitsplatz“ so aufgesetzt, dass ich theoretisch allzeit losziehen kann. Was ins Gepäck gehört, weiß ich mittlerweile auch. Das ist übrigens nicht viel. Wie auch bei meiner vergangenen Reise als Digitale Nomadin umfasste mein Gepäck keine 10 Kilo – und ich habe nichts Wichtiges vermisst. Ich war an der Algarve, in Lissabon und Porto. Habe Portugal von Nord nach Süd durchkreuzt und dank coolen Gastgebern und Airbnb-Unterkünften das Land von seiner authentischen Seite her kennengelernt. Natürlich gab es viele Unterschiede zu meiner Zeit in Asien, besonders in Sachen Spontanität. Während es in Thailand und Co. ganz normal ist, morgens in einem Coworking Space aufzuschlagen und einen Schreibtisch zu mieten, hieß es in Lissabon überraschenderweise „next week maybe.“ Gleichzeitig ist Portugal dem deutschen Kulturkreis deutlich näher, was vor allem die Kommunikation im Alltag deutlich einfacher macht. Diesmal hatte ich ganz bewusst nur einer Handvoll Kollegen im Vorfeld von meinem Vorhaben erzählt. Warum? Mir ist es wichtig, dass das Thema Remote Working nicht nur für Freelancer und Selbstständige, sondern auch als Festangestellte „salonfähig“ wird. Und um etwas ganz selbstverständlich werden zu lassen, muss man es manchmal einfach… machen 😉

Coworking Spaces in Portugal: Ein Erfahrungsbericht

Bei meinem ersten Besuch im Cowork Lisboa, musste ich mich in Lissabon vorher via Online-Formular anmelden. Dafür war der erste Tag zum Testen kostenfrei. Ansonsten bekommt man für 12 EUR/Tag einen Arbeitsplatz, schnelles WLAN und natürlich den in Portugal so beliebten Espresso. Insgesamt hat mich das Coworking Space allerdings nicht so richtig überzeugt, es war ziemlich dunkel und dadurch eher ungemütlich. Dafür punktet die Lage inmitten der LxFactory, ein ehemaliges Fabrikgelände mit unzähligen, hippen Geschäften, Cafés und Start-Ups aus der Kreativszene. 

Ein Einblick ins Coworking Space Porto i/o Downtown. (Bild: Barbara Przeklasa)
Ein Einblick ins Coworking Space Porto i/o Downtown. (Bild: Barbara Przeklasa)

Porto ist ein kleines Juwel im Norden Portugals. Ich war vor drei Jahren bereits dort und wusste, ich komme irgendwann wieder. Bei der Wahl eines passenden Arbeitsplatzes für eine Woche fiel meine Entscheidung auf das Porto i/o, das mit zwei Standorten – Riverside und Downtown – viel Abwechslung bietet. Das Team, das hinter dem Coworking Space steht, ist jung, sympathisch und legt spürbar viel Wert auf ein lebendiges Netzwerk. Viele Events am Abend, ein Communitylunch jede Woche und der rege Einsatz von Slack sorgen dafür, dass man schnell und problemlos mit den neuen Coworkern in Kontakt kommt. Außerdem sind sie auf das unangekündigte Erscheinen von Digitalen Nomaden eingestellt und halten extra ein paar Arbeitsplätze für spontane Besucher frei. Auch hier kostet ein Tagespass 12 EUR. Neben der üblichen Ausstattung gibt es sogar Obst und gratis obendrauf eine Aussicht auf den Fluss Douro (Riverside). Dafür gibt´s von mir fünf Sterne!