Vor gut 80 Jahren gelang französischen und britischen Technikern ein Durchbruch in der Telekommunikations-Technologie: Die erste Übertragung eines analogen Telefongesprächs per Richtfunk über den Ärmelkanal. Heutzutage gilt der Richtfunk als antiquiert, die Nachfolger Glasfaser und LTE als Heilsbringer. Doch die solide Technik von damals kann auch heute noch einen wichtigen Beitrag zur Vernetzung des Unternehmens liefern.

Zur Verbindung mit der Außenwelt kommt bei großen Unternehmen nur eine Standleitung mit entsprechender Kapazität infrage. Denn nur mit ausreichend Leistung ist die Kommunikation mit anderen Standorten und Kunden sowie die Anbindung an Rechenzentren für Software und Dienste möglich. Kleine und mittelständische Unternehmen, die weniger Leistung benötigen, können hingegen auf klassische DSL- oder Kabel-Angebote zurückgreifen, die inzwischen an vielen Standorten zur Verfügung stehen.

Alternative zum Kabel

Die Betonung liegt dabei auf „an vielen“. Denn laut der Breitbandstrategie der Bundesregierung liegt der Prozentsatz der für das Jahr 2014 mit 50 MBit/s angeschlossenen Haushalte erst bei 75 Prozent. Neben tatsächlichen weißen Flecken, an denen nicht einmal die Mindestbreitbandversorgung von 384 KBit/s möglich ist, bleiben ausreichend Gegenden, in denen die Geschwindigkeit für kleine und mittelständische Unternehmen nicht ausreicht. Schuld an der geringen Bandbreite ist die Entfernung des Standorts zur nächsten Vermittlungsstelle. Denn je länger das verbindende Kupferkabel, desto höher die Dämpfung des Signals, was zu einer deutlich verringerten Leistung führt. Der Austausch der alten Kupferleitungen durch kaum von Dämpfung betroffener Glasfaserstränge ist vor allem aus wirtschaftlichen Gründen in ländlichen Gebieten nicht lohnenswert. Für komplett neue Leitungen und dem damit verbundenen Tiefbau gilt die Wirtschaftlichkeit als Hinderungsgrund um so mehr.

In solchen Fällen kann die Richtfunktechnik zum Einsatz kommen, wie das Beispiel eines Gewerbegebiets in der Nähe von Stuttgart zeigt. Auch hier war der Ausbau des bestehenden Netzwerks nicht möglich, die örtlichen Unternehmen dadurch vom Hochleistungs-Netz abgeschnitten. Ein örtliches IT-Unternehmen löste das Problem kurzerhand durch Richtfunk. Im Gewerbegebiet wurden die bestehenden Netzverteiler ebenso wie die entfernte Vermittlungsstelle mit Richtfunktechnik ausgestattet. Der Anschluss war dadurch kostengünstig als auch komfortabel möglich, da vor Ort weiterhin die bestehende Infrastruktur zwischen Verteiler und Unternehmen zum Einsatz kommt.

Auch im Mobilfunkbereich findet der Richtfunk weiterhin rege Anwendung. Städtische Mobilfunkmasten sind inzwischen zwar aufgrund der guten Infrastruktur direkt mit dem Glasfasernetz verbunden, in ländlichen Regionen werden die Funkmasten hingegen per Richtfunk mit einem Signal versorgt. Zuständig für die Verteilung der für eine Richtfunkverbindung benötigten lizenzfreien Frequenzen zwischen 3,8 GHz und 86 GHz ist die Bundesnetzagentur.

Richtfunk statt LAN-Kabel

Doch auch im lokalen Netzwerk kann Richtfunk eine entscheidende Rolle spielen, beispielsweise wenn zwischen benachbarten Gebäuden eine Verbindung aufgebaut werden soll, vorausgesetzt die beiden Standorte liegen in Sichtverbindung zueinander. Die Entfernung spielt dabei eine untergeordnete Rolle und kann Gebäude auf zwei Seiten einer Straße als auch auf der anderen Seite der Stadt miteinander verbinden. Doch auch ohne Sichtkontakt ist die Anbindung per Funk mithilfe von Relais-Stationen möglich, die das Signal wie eine Art Spiegel lenken.

Was auf den ersten Blick nach viel Planungsaufwand klingt, lässt sich in der Realität relativ schnell umsetzen. Laut der Gesellschaft für Informationstransport und -management, kurz ITM,  bedarf es bei Richtfunkstrecken nur einer relativ kurzen Projektplanungs- und Installationszeit von sechs Wochen. Anders als die Standleitung ist für die Richtfunk-Installation nur eine einmalige sich schnell amortisierende Investition notwendig. Die Verfügbarkeit der Funkverbindung ist mit 99,99 Prozent erstaunlich hoch und unterliegt kaum wetterbedingten Einbußen. Bei Sichtkontakt zwischen Sender und Empfänger können die Anwender Daten mit einer Bandbreite von bis zu 1.000 MBit/s übermitteln.

Je nach Anforderungen kann die Richtfunkverbindung optisch und per Mikrowellenfunk ausgeführt werden. Während durch optischen Richtfunk zwar eine hohe Kapazität sowie zu geringen Kosten möglich ist, können mit Mikrowellenfunk längere Abstände sowie eine höhere Verfügbarkeit erreicht werden. Damit eignet sich Richtfunk nicht nur als Backup-Lösung für eine bestehende Leitung, sondern auch als komplette Alternative zu herkömmlichen Verbindungen.

Angebote von Vodafone und Telekom

Vodafone überbrückt mit seinem Richtfunk-Angebot, das als Wireless Local Loop beworben wird, den Abstand zwischen „entlegenen Unternehmensstandorten“ und der am eigenen Glasfaser-Netz angeschlossenen Basisstationen. Laut Pressestelle sind über diesen Übertragungsweg zwischen 2 bis 300 MBit/s möglich. Laut eigener Aussage verfügt das Unternehmen über Deutschlands größte Richtfunkinfrastruktur.

„Mit unserem WLL-Angebot bieten wir unseren Geschäftskunden eine sehr leistungsfähige und kostengünstige Alternativtechnologie zu einer herkömmlichen Festnetzleitung. […] So können wir Kunden, die wir bisher nicht erreichen konnten, ein attraktives Angebot machen. Mit Richtfunk für Unternehmen treiben wir unsere strategische Ausrichtung als Komplettanbieter für konvergente Kommunikationslösungen weiter voran. Neben Hochgeschwindigkeits-Anschlüssen im Festnetz und im größten LTE-Mobilfunknetz auf über zwei Drittel der Fläche Deutschlands ergänzt nun das Richtfunkangebot für Firmenkunden unser Breitbandportfolio.“

Nachdem die Telekom das Richtfunk-Geschäft 2007 an Ericsson übergeben hat, sind die Bonner primär am Ausbau des eigenen Glasfaser-Netzes interessiert. Die marktbeherrschende Stellung und der Einfluss auf die Politik führt nicht selten zu Blockaden anderer Technologien.

Weitere Informationen zum Richtfunk erhalten Sie bei der Bundesnetzagentur und den Breitbandverbänden BREKO und VATM. Hat Ihr Unternehmen Richtfunk im Einsatz? Dann teilen Sie uns doch bitte Ihre Erfahrungen in den Kommentaren mit.