Derzeit wirbt Apple mit einer neuen Kampagne für das iPad Pro. Die Message: Das iPad Pro ist nicht nur mit einem Computer gleichzusetzen, es kann ihn sogar ersetzen. In der Praxis trifft diese Aussage leider nur in Ausnahmefällen zu.

Ich nutze seit über 10 Jahren ausschließlich ein Macbook und einen iMac. Ich kaufe mir jedes Jahr ein neues iPhone und etwa jedes zweite ein neues iPad. Ja, ich bin überzeugter Apple-Nutzer – und dennoch muss ich Apple widersprechen, wenn die Marketingabteilung behauptet, dass ein iPad einen Computer ersetzen kann. Sorry Apple, aber das ist Quatsch.

Ich habe bereits zwei Mal das Experiment gewagt und versucht, ausschließlich mit einem iPad mobil zu arbeiten. Das erste Mal 2012 mit dem iPad der dritten Generation, das zugleich das erste iPad mit Retina-Display war. Das zweite Mal im vergangenen Jahr mit dem iPad Pro samt Tastatur und Apple Pencil. In beiden Fällen war das Experiment binnen weniger Tage beendet.

Komplexe Dateiverwaltung bremst den Workflow

Das erste große Problem ist die Dateiverwaltung unter iOS, die sich nicht ansatzweise mit der von OS X oder Windows vergleichen lässt. Zwar hat sich in diesem Bereich in den vergangenen Jahren viel getan, aber viele Dateien lassen sich nach wie vor nicht frei durch das System bewegen. Mal eben einen Ordner erstellen und binnen einer Sekunde per „Drag & Drop“ Dokumente darin ablegen? Keine Chance. Immerhin lassen sich bestimmte Dateiformate inzwischen direkt aus dem Browser herunterladen und in iCloud Drive speichern, aber eben längst nicht alle.

Was im mobilen Arbeitsalltag zudem lästig ist: Jeder Vorgang dauert gefühlt drei bis vier Mal so lange. Was ich auf meinem Mac mit „Rechtsklick + Speichern unter“ binnen einer Sekunde erledigt habe, erfordert auf einem iPad in vielen Fällen deutlich mehr Geduld. Dateien vom Desktop oder einem Ordner direkt in ein Programm ziehen und dort bearbeiten? No way.

Spannend wird es auch bei externen Medien. Dateien von einem USB-Stick, einer Speicherkarte oder einer Kamera auf das iPad zu übertragen ist zwar möglich, aber nur mit zusätzlichen Adaptern auf Umwegen und mit viel Aufwand. Wenn ich auf einer Messe 200 Fotos mache, ziehe ich diese mal eben kurz auf meinen Mac, sortiere und bearbeite sie und schicke sie an den Kunden. Das wäre mit einem iPad in der Theorie zwar auch möglich, würde aber deutlich länger dauern – und das nicht nur wegen der Dateiverwaltung.

Ein Touchscreen kann weder Maus noch Trackpad ersetzen

Ich liebe das Multi-Touch-Trackpad meines MacBooks. Texte markieren, Dateien verschieben, Videos und Bilder bearbeiten, zwischen den verschiedenen Programmen hin und her wechseln – all das ist kein Problem und im Bruchteil einer Sekunde erledigt.

Das iPad hat weder ein Trackpad noch eine Maus. In den Werbevideos von Apple sieht man dann immer, wie irgendwelche Kreativen mit dem Touchscreen und dem Apple Pencil wahre Kunststücke vollbringen. Wer aber einmal versucht hat, auf einem iPad in WordPress einen Beitrag mit Bildern und Textformatierungen zu erstellen, weiß, dass das alles andere als komfortabel ist. Bis ich auf dem iPad mit meinem Finger oder dem Pencil eine Textpassage markiert und formatiert habe, habe ich auf meinem Macbook schon den nächsten Absatz fertig geschrieben. Bilder kann ich per „Drag & Drop“ vom Desktop in den Artikel ziehen. Auf dem iPad muss ich mich umständlich durch mehrere Menüs klicken.

Es steht außer Frage, dass ein Künstler – frei von Zeitdruck – auf dem iPad seiner Kreativität freien laufen lassen kann. Wer allerdings unterwegs effizient arbeiten muss und dabei auch mit Bildern und Videos hantiert, für den wird ein iPad einen Computer nicht ersetzen können. Zumindest noch nicht.

Das iPad – perfekt zum Konsumieren und Organisieren

Aus meiner Sicht ist das iPad der perfekte Begleiter auf Reisen – aber eben nicht, um zu arbeiten, sondern um im Internet zu surfen, E-Mails abzurufen, To-Do-Listen zu schreiben, den Kalender zu verwalten und so weiter.

Eine Serie auf Netflix schauen oder die Lieblings-Playlist auf Spotify während der Zugfahrt genießen – das sind die Szenarien, in denen das iPad aufgrund seiner Handlichkeit unschlagbar ist. Ab und an erstelle ich auch mal einen kurzen Text auf dem iPad, gerade im Flugzeug, wo es ohnehin eng zugeht. Spätestens im Hotel muss dann allerdings das MacBook her, um den Text samt Bildern und Videos einzupflegen.

Bleibt zum Abschluss nur noch die spannende Frage: Wie seht ihr das? 😉

  • Micha Braun

    Hallo Herr Feil,

    interessanter Artikel, der tatsächlich der Wahrheit entspricht!
    Ich versuche seit geraumer Zeit papierlos und überwiegend mit dem iPad zu arbeiten.
    Neben Ihren bereits genannten „Schwierigkeiten“ – die ja bereits ausreichend sind, ist das
    Arbeiten mit Excel & Co. sehr anspruchsvoll. 2 Dateien öffnen, hin- und herkopieren, einfach
    nur mühsam.
    Und ohne Internet bekommen Sie auch nichts aus der Cloud, so ist das Arbeiten z.B. im Flugzeug eben auch nur sehr beschränkt möglich. Eine große Festplatte hat da klare Vorteile, über die einfache Ablage bis hin zur Struktur. Und alles mittels Apps zu machen, ist wie Sie schreiben, echt umständlich.

    Insofern muss auch ich immer wieder meinen Lappi hochfahren und die „wichtigen“ Dinge
    darüber erledigen. Also überzieht Apple hier ein wenig!

    VG aus Berlin
    Micha