Der E-Commerce boomt. Keine Frage. Und nachdem Amazon Dash 2014 gestartet ist, nimmt auch langsam der digitale Handel mit Lebensmittel an Fahrt auf. Doch was in England als E-Food der Renner ist, steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Noch? Schauen wir uns doch gemeinsam den Onlinehandel mit Lebensmittel etwas genauer an – in einer Studie ist von 20 Milliarden Kaufkraft die Rede.

Persönlich weigere ich mich noch, Milch und andere Lebensmittel über das Internet zu bestellen. Ein Freund hat es allerdings schon ausprobiert. So bietet der der Lebensmittelhändler REWE seinen Kunden die Möglichkeit, den Einkauf bequem über das Smartphone und Tablet zu erledigen – oder klassisch mittels Shop im Browser. Er bestellte am Vormittag aus dem Büro heraus, am Abend kam dann der Bote und brachte das Bestellte mit dem Lieferwagen. Alles funktionierte reibungslos. Sogar Funktionen, wie die Buchung des Lieferzeitfensters, sind in der jeweiligen App und im Browser integriert. Das Versprechen: Die Kühlkette wird nach eigenen Angaben eingehalten und die Lebensmittel kommen so beim Kunden an, als hätten er diese gerade selbst aus dem Kühlregal genommen. Bezahlt wird via PayPal, EC-Karten, Kreditkarten oder auf Rechnung. In der Praxis klappte dieses ebenfalls gut. Andere Anbieter hadern dahingehend noch aus. So ist es beispielsweise bei der DHL noch unvereinbar, verderbliche Nahrungsmittel auf herkömmlichen Weg zu transportieren. Das liegt vor allem an den gesetzlichen Verordnungen; an der erwähnten Kühlkette etwa. Was dabei alles zu beachten ist, zeigt die Auflistung von paketda.

„Die Cross-Channel-Revolution zeichnet sich immer deutlicher ab: 20 Milliarden Euro werden im Jahr 2020 allein über die digitalen Kanäle generiert“. Ernst & Young

Ein anderes Beispiel ist Pantry. Mit Pantry lassen sich Amazon-Kunden haltbare Lebensmittel, Waschmittel, Kosmetika oder Tiernahrung direkt nach Hause liefern. Der Kunde stellt sich nach seinen Wünschen seine persönliche Pantry-Box zusammen, die unabhängig vom Inhalt 4,99 Euro Versand kostet. Einzige Voraussetzung ist die kostenpflichtige Mitgliedschaft bei Amazon Prime. Pantry ist jedoch nur ein Vorbote für den nächsten größeren Schritt in Sachen virtuellen Lebensmittelhandel. So erfreuen sich in den USA und Großbritannien Kunden mittels Amazon Fresh auch an frischen Lebensmitteln. Insidern zufolge, sucht Amazon für diesen Dienst hierzulande bereits nach geeigneten Hallen und Mitarbeitern. Lidl stellt sich dem US-Konzern bereits entgegen und ist mit dem Service „Lidl Vorratsbox“ gestartet. Der Dienst kann damit den US-Konzern in einigen Punkten sogar übertrumpfen. So kann beispielsweise jeder Kunde den Service nutzen – bei Amazon sind es lediglich die Prime-Kunden. Des Weiteren erhebt Lidl fürs Erste keine Lieferkosten und gibt keinen Mindestbestellwert an. Noch ist das Sortiment allerdings bei Weitem nicht so umfangreich, wie beim amerikanischen Konkurrenten. Auch Edeka Nord plant einen eigenen Online-Shop.

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Mit dem Amazon Dash Button können mit einem Knopfdruck Bestellungen bei Amazon ausgelöst werden(Video: Amazon)

E-Food: Fisch, Cross-Channel und das Abo-Modell

Und wird bei anderen Anbietern noch hin und her diskutiert, ob verderbliche Lebensmittel auf Postwegen versendet werden sollten, schickt der Fisch-Großhändler „Deutsche See“ seine gefangenen Meeresbewohner bis runter nach Stuttgart – wie das geht? Laut der Frankfurter Neue Presse hat die DHL bereits seit 2014 Boxen im Einsatz, die ihre Fracht bis zu 48 Stunden bei drei bis sechs Grad kühlen. DHL – unter bestimmten Voraussetzungen liefert die Post also doch aus? „Die unterschiedlichen Kühlstufen einzelner Lebensmittel machen die Lieferung schwierig und teuer, erklärt Joachim Pinhammer von der Beratungsfirma Planet Retail. Das nächste Problem ist die Auslieferung. „Lebensmittel können aus Gründen der Hygiene und Sicherheit nicht wie ein normales Postpaket beim Nachbarn abgeben werden“, so Pinhammer weiter. Und Handels-Experte Pinhammer bleibt wohl auch in Zukunft skeptisch: „In Deutschland ist die Infrastruktur an Nahversorgern im Lebensmitteleinzelhandel extrem gut, gleichzeitig die Margen im Lebensmittelhandel extrem niedrig.“

Dass es bereits funktioniert, zeigen unsere Nachbarn in Großbritannien: Im europäischen Vergleich nimmt das E-Food-Segment im Land der Queen mit einem Marktanteil von 67 Prozent und einem jährlichen Umsatz von 10,4 Milliarden Euro die Poleposition ein. Prinzipiell sind auch wir Deutschen dem Onlinebestellen von Lebensmitteln nicht abgeneigt. So haben die meisten von ihnen bestimmt schon einmal eine Pizza online bestellt. Wenn es allerdings um die Online-Bestellung von oben erwähnten Lebensmitteln geht, werden Notebook, Tablet und das Smartphone noch sehr zögerlich benutzt. Dennoch: „Die Zukunft des deutschen Lebensmittelhandels liegt im Cross-Channel. Sprich, der Kunde kann sich online zu jeder Tages- und Nachtzeit über das Angebot informieren und eine Bestellung tätigen. Den bestellten Einkauf muss er dann nur noch im Laden oder bei einer entsprechenden Abholstation abholen“, prognostiziert Philipp Kannenberg, Geschäftsleitung Sales bei der gaxsys GmbH. „Zudem darf der Kunde seine Bestellung direkt zu Hause entgegennehmen. Einige Lebensmittelhändler haben sich bereits auf diese Bequemlichkeit der Kunden eingestellt und bieten, zum stationären Handel, auch die Option E-Food direkt nach Hause.“ (siehe oben genannte Beispiele). International muss sich Deutschland auch nicht verstecken.

Dass E-Food ein zunehmend ernstzunehmender Markt ist, zeigt neben den technischen Möglichkeiten, siehe auch Kennzahlen, auch die zunehmende Nachfrage nach sogenannten Abo-Modellen. Das ist meines Erachtens auch die komfortabelste Lösung, E-Food zu nutzen. Die Lebensmittel, die man regelmäßig verbraucht und deren Art oder Marke sich beim Verbraucher nicht ändern, werden in regelmäßigen Zeitintervallen bestellt und benötigen dabei nicht einmal einen Klick im virtuellen Shop – der Bestellzyklus samt Warenkorb wird im jeweiligen Online-Shop einfach dauerhaft hinterlegt. Wie ein solches Abo-Modell erfolgreich funktioniert, zeigt der Kochbox-Lieferdienst HelloFresh: Das Unternehmen verkündet steigende Millionen-Umsätze und plant sogar den Börsengang.

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Frische Zutaten und passende Rezepte gibt es bei Hello Fresh (Video: Hello Fresh)

E-Food in Zukunft?

Dennoch, speziell im deutschen Lebensmittelhandel wird die digitale Entwicklung zwar aufmerksam beobachtet und mit neuen Distributionsoptionen experimentiert. Doch zeigt auch eine Studie des Competence Center Food & Retail aus dem Jahr 2015, dass knapp 71 Prozent der befragten Konsumenten noch nie Lebensmittel online erworben haben. Auch wenn die Befragten aufgeschlossen sind; eine Herausforderung für den Lebensmittelhandel bleibt dieser Kanal auf jeden Fall. Der Handel muss allerdings auch noch viel lernen. So haben 80 Prozent der Befragten noch nie Informationen über Online-Shopping-Möglichkeiten in ihren stationären Supermärkten wahrgenommen.

Ich bin mir aber sicher. Spätestens wenn die autonomen Kühlschränke für den Verbraucher erschwinglich sind und das Vertrauen in Lebensmittel aus dem Internet auf einem Fundament steht, wenn der Wochenmarkt nicht mehr die zentrale Anlaufstelle für den Familien-Einkauf ist, spätestens dann hat sich E-Food auch in Deutschland etabliert und die prognostizierten 20 Milliarden Euro sind tatsächlich greifbar. Aber vielleicht kommt auch alles anders und Facebook revolutioniert den Onlinehandel mit Lebensmittel? Und eines kann ich auch schon vorweg nehmen: Die Umwelt leidet nicht unter den Mehr-Lieferungen.

Tipp des Autors: Wer hinsichtlich E-Food und Anbieter immer auf dem Laufenden gehalten werden möchte, dem empfehle ich den E-Food-Blog.

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