Simone Kimpeler ist Leiterin des Kompetenzzentrums Foresight am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe. Dabei entwickelt die promovierte Kommunikationswissenschaftlerin mit ihrem Team verschiedene Szenarien, mit denen ihre Auftraggeber aus Politik und Wirtschaft auf die künftigen technischen und gesellschaftlichen Veränderungen effizienter reagieren können.

Kimpeler war auch an der Erstellung des zweiten Foresight-Zyklus des Bundeministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) beteiligt. Der dabei entstandene Bericht lieferte den Ausgangspunkt von sieben zukünftigen gesellschaftlichen Herausforderungen für Forschung und Innovationspolitik. Wir haben uns mit der Zukunftsforscherin über ihre Arbeit unterhalten.

Liebe Frau Kimpeler, im Rahmen Ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit betreiben Sie Zukunftsforschung. Kann man denn die künftigen technischen Entwicklungen tatsächlich einigermaßen präzise vorhersagen?

Nein, das kann man nicht, weil technische Entwicklungen immer in enger Wechselwirkung mit gesellschaftlichem Wandel stehen und von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst werden. Es gibt nicht nur eine Zukunft, sondern aus unterschiedlichen Perspektiven sehr viele verschiedene Erwartungen zur Zukunft.

Unsere Aufgabe als Zukunftsforscherinnen und Zukunftsforscher ist deshalb, aus der jeweiligen Perspektive des Auftraggebers, und das können sowohl Ministerien, NGOs oder Unternehmen und Verbände sein, die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Einzeltrends zu beleuchten, die wichtigsten Treiber zu identifizieren und so zu erkennen, welche Entwicklungen um Umfeld möglich sind und welchen Handlungsspielraum wir haben, um Chancen zu nutzen und Risiken zu vermeiden.

Welche Treiber haben denn den größten Einfluss auf die Zukunft?

Technologische Treiber, die unsere Zukunft mit beeinflussen sind sicher technische Entwicklungen in den Bereichen Umwelt und Ressourcen, denn hier besteht der größte Handlungsbedarf, nachhaltige Lösungen für die großen Herausforderungen des Klimawandels zu entwickeln. Ein ganz zentraler Treiber ist natürlich weiterhin die Digitalisierung, aber technische Potenziale alleine ergeben noch keine Zukunftstrends. Erst ihr Zusammenspiel mit zukünftigen Bedarfen, die wiederum von Entwicklungen des demografischen Wandel, dem Ernährungsverhalten oder Wertewandel geprägt werden, lassen dann Trends erkennen. Dazu untersuchen wir wichtige Einflussfaktoren der Trends und wie sie sich zukünftig ausprägen können.

Wie haben sich denn Gesellschaft und Arbeitswelt seit dem Beginn der Digitalisierung verändert und welche Herausforderungen müssen künftig gemeistert werden?

Das kann ich gar nicht genau sagen. Meiner Meinung nach würde es nämlich nicht sonderlich weiterhelfen, frühere Entwicklungen zu nehmen und als Prognosen in die Zukunft fortzuschreiben. Leider machen wir Menschen das aber im Alltag sehr oft und unsere Zukunftserwartungen sind dadurch immer stark von individuellen Verzerrungen oder Filtern der Wahrnehmung geprägt. Deshalb haben wir einen Forschungsansatz entwickelt, um jeweilig vorherrschende Wahrnehmungsfilter zu weiten und damit ein pfadabhängiges Zukunftsdenken bewusst aufzubrechen.

Dabei suchen wir auch nach möglichen Entwicklungen, die zu unseren bisherigen Beobachtungen überhaupt nicht passen. Damit unterstützen wir einen besseren Umgang mit Unsicherheiten und unsere Auftraggeber und alle Beteiligten können auf unvorhergesehene Entwicklungen angemessener reagieren.

Was sind denn Ihrer Erfahrung nach Beispiele für unvorhergesehene Entwicklungen?

Ein gutes Beispiel ist die aktuelle Situation in der Europäischen Union. Vor einigen Jahren haben wir in einer Studie die unterschiedlichen Einflüsse für Forschun

Simone Kimpeler ist Leiterin des Kompetenzzentrums Foresight am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe. (Bild: ISI)

gseinrichtungen in der Europäischen Union untersucht. Dabei haben wir auch den möglichen Zerfall oder eine Krise in der EU thematisiert. Wir haben die derzeitigen Entwicklungen aber nicht vorhergesagt, sondern von Anfang an mehrere unterschiedliche Szenarien entwickelt. Unternehmen müssen nämlich immer eine alternative Zukunft im Blick haben.

Ein weiteres Beispiel ist sicherlich die Bioökonomie. Wir sind derzeit auf dem Weg in eine Gesellschaft, die sehr stark von biologischer und nachhaltiger Denkweise geprägt ist. Es gibt sogar schon Stimmen, die sagen, die Bioökonomie ist der Nachfolger der Digitalisierung. Wenn man aber etwas tiefer in die Thematik eintaucht, stößt man aber immer wieder auf die so genannten Rebound-Effekte. Selbst durch gut gemeinte Strategien wird am Ende nämlich teilweise das Gegenteil erreicht.

Wann wird denn eine gute Idee zu einem gesellschaftlichen und politischen Bumerang?

Ein gutes Beispiel für einen Rebound-Effekt ist aktuell auf jeden Fall die Debatte über die Vermeidung von Einwegkaffeebechern aus Plastik. Auf der einen Seite will man nicht abbaubare Plastikbecher durch Bioplastik- oder Pappbecher ersetzen. Aber auf der anderen Seite müssen auch die weichen Pappbecher zur Verwendung als Trinkgefäß beschichtet werden.

Außerdem wurde festgestellt, dass es sich die Entsorgung dieser Becher über unser bestehendes Abfallsystem als sehr schwierig gestaltet und für die Produktion sehr viel Energie verwendet wird. Dadurch wurde das ursprüngliche Konzept gleich wieder in Frage gestellt. Allerdings handelt es sich bei solchen Beispielen um keine unlösbaren Probleme. Wichtig ist, dass über die verschiedenen Problemstellungen breit diskutiert wird. Nur wenn man sich seiner Handlungsmöglichkeiten und möglichen Folgen des eigenen Verhaltens bewusst wird, kann man die eigene Zukunft auch aktiv beeinflussen.

In der Science-Fiction-Literatur spielen immer wieder unendlich viele Paralleluniversen eine Rolle. Wie viele verschiedene Szenarien werden denn bei der Zukunftsforschung erstellt?

Die Anzahl ist relativ überschaubar. Eine große Anzahl an Szenarien wäre nämlich nicht zielführend. Wichtiger ist, dass eine sinnvoll handhabbare Anzahl an verschiedenen Szenarien im Prozess ausgewählt wird, um das Bewusstsein für den eigenen Handlungsspielraum zu schärfen. Meistens analysieren wir drei bis fünf unterschiedliche Szenarien.

Kann man eigentlich die Zukunft so gestalten, dass sie am Ende doch vorhersehbar wird?

Nein, zum Glück nicht. Die Komplexität der Wechselwirkungen von sozialen, technischen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen, die sich gegenseitig verstärken und zugleich auch relativieren oder aufheben können sowie die Vielschichtigkeiten der lokalen und globalen Vernetzung individueller und sozialer Handlungen hat zur Folge, dass unsere Zukunft immer unbestimmbar bleibt. Ehrlich gesagt beruhigt mich das auch ein wenig, denn damit kann ich für mich immer wieder neue Zukunftsperspektiven eröffnen.

Und mit welchen gravierenden gesellschaftlichen und technischen Veränderungen müssen wir in den kommenden 15 Jahren ihrer Einschätzung nach rechnen?

Hier möchte ich vor allem die Transformation hin zu einer Bioökonomie und den Mobilitätswandel nennen. Beide Entwicklungen stellen große und aufgrund des Klimawandels und der Ressourcenknappheit dringend notwendige Veränderungen auf gesellschaftlicher und technologischer Ebene dar, die bereits begonnen haben und die wir nun bewusst in allen Bereichen der Gesellschaft, Wirtschaft sowie Forschung und Entwicklung mitgestalten müssen. Die Bioökonomie wird angesichts der Dringlichkeit des Umstiegs auf biobasierte Rohstoffe, Prozesse und Produkte unser Wirtschaftssystem und unseren Alltag langfristig prägen.

Und der Begriff der Mobilitätswende bezeichnet aus meiner Sicht sehr treffend eine sich zunehmend abzeichnende Abkehr vom Automobil als Kern der individuellen Mobilität. Die Mobilitätswende ist eng verknüpft mit einem Wandel der Arbeit in einer stark auf die Automobilwirtschaft ausgerichteten Industrielandschaft in Deutschland, mit vernetzten Verkehrssystemen, neuen Antriebstechnologien und auch einem Wertewandel in der Gesellschaft, in der das Auto als Statussymbol an Bedeutung verliert.

Titelbildmetamorworks / iStock
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Ekart Kinkel
Ekart arbeitet seit 2003 als freiberuflicher Journalist, PR-Berater und Dozent in Karlsruhe. Vorher hat er an der Universität Karlsruhe Maschinenbau studiert. Sein dadurch erlangtes technisches Rüstzeug lässt er heute in zahlreiche Veröffentlichungen über die boomende Karlsruher IT-Branche im Wirtschafts- und Wissenschaftsteil der Tageszeitung BNN mit einfließen. Seine Freizeit verbringt er aber hauptsächlich in der analogen Welt, nämlich auf dem Tennisplatz, in der Handballhalle oder beim Wandern mit der Familie im Pfälzerwald.