Cloud-Computing, eine vom Marketing ausgeschlachtete Technologie, die noch immer um Anerkennung kämpft. So ist die digitale Wolke beispielsweise bei Medienschaffenden beliebt, bei mittelständischen Industriezweigen eher verpönt. Das wird sich in naher Zukunft auch nicht ändern: Außer, die Cloud wird sicher und vor allem beweglich.

Ein Interview mit Frank Fitzek, Professor am Lehrstuhl für Kommunikationsnetze an der Universität Dresden, zeigt, dass sich auch in Zukunft einiges in Sachen Cloud-Computing bewegen wird. Vor allem die Cloud selbst. Im Jahresrückblick 2014/2015 von iRights spricht der Wissenschaftler über den Mobilfunk der Zukunft, über die Cloud-Technologie, wie sie sich viele wünschen – den Mittelstand mal ausgenommen.

Taktiles Internet: auf niedrige Reaktionszeiten kommt es an

Dabei spielt Zeit seiner Meinung nach die entscheidende Rolle. „Wir wollen das sogenannte taktile Internet für das Internet der Dinge zum Laufen bringen“, so Frank Fitzek. Seiner Meinung nach werden bisher die Latenz-Zeiten als Beiwerk betrachtet. „Sie sind allerdings sehr wichtig. Wir sprechen beim sogenannten taktilen Internet von „der Millisekunde“, so Fitzek weiter. Derzeit ein Ding der Unmöglichkeit und dank klugen Marketings, merken wir nicht einmal etwas davon.

Um was geht es? In den letzten Jahren wollten wir immer mehr Bandbreite. Sie war förmlich der dominierende Treiber beim Ausbau von Kommunikationsnetzen. Heute sind zwischen 50- bis 100-Megabits pro Sekunde Standard. Provider verfügen zudem über genügend Gigabit-pro-Sekunde-Reserven. Diese enormen Bandbreiten ermöglichen immer anspruchsvollere Anwendungen, die allerdings auch immer mehr Netzressourcen sowie Rechenleistung beanspruchen. Und darauf setzt das taktile Internet. „Denn zukünftige Anwendungen wie ferngesteuerte Operationsroboter, Sensor-Aktor-Systeme in Fabriken oder das „intelligente“ Stromnetz, aber auch moderne Verkehrssteuerung erfordern neben der erwähnten Bandbreite weitaus niedrigere Reaktionszeiten von Ende-zu-Ende, sprich deutlich unter zehn Millisekunden“, so der Verband der Elektrotechnik Elektronik und Informationstechnik, kurz VDE. 2020 sollen bereits einige Anwendungen unter einer Millisekunde an Reaktionszeit benötigen.

Der derzeitige Stand: Hierzulande betragen Antwortzeiten im Festnetz aktuell 10 Millisekunden (ms) bis 60 ms. LTE-Mobilfunknetze erreichen heute mit 25 ms bis 40 ms fast die Antwortzeiten eines Festnetzes. Von den oben beschriebenen Industrieanwendungen sind diese Werte aber noch weit entfernt.

„Unsere Daten sind meist in der Cloud gespeichert, oftmals in den USA – zirka 6.000 bis 9.000 Kilometer von der fragenden Quelle entfernt. Die Distanz zwischen mir und der Cloud ist technisch gesehen also zu groß. Die statische Cloud muss näher an den Nutzer gebracht werden. Am besten wäre es, wenn sich die Cloud gleich an einem Zugangspunkt befindet, an der Basisstation also, an der Antenne“, so Professor Fitzek. Noch komplexer wird es, wenn sich Personen bewegen. „Bewege ich mich als Nutzer, zum Beispiel mit dem Zug von Dresden nach Berlin, dann muss sich die Cloud samt der Daten natürlich mit mir bewegen. Sie darf nicht in Dresden verweilen.“

Echtzeit-Anwendungen: größte Herausforderung der nächsten 20 Jahre

Noch Fragen? „Im Klartext bedeutet das, dass die nachgelagerten Netze und nationalen Backbones weiterhin mit Antwortzeiten von zehn Millisekunden bis 40 Millisekunden rechnen. Es ist also unmöglich, Anwendungen mit Antwortzeiten im Millisekunden-Bereich von zentralen Rechenzentren aus zu steuern“, so der VDE. „Letztendlich ist die Signallaufzeit auf der Glasfaser der limitierende Faktor. Daher müssen künftige Echtzeit-Anwendungen nahe an den Nutzer herangeführt und lokal gehalten werden.“ Von sogenannten „Mini Clouds“ und „Mobile Edge Clouds“ ist die Rede. Technisch sowie wissenschaftlich eine der größten Herausforderungen der nächsten 20 Jahre.

Taktiles Internet für die mittelständische Industrie? Harald Orlamünder bringt es auf den Punkt: „In Zukunft werden in Sachen taktiles Internet viele Anwendungen im Bereich Maschine-Maschine-Kommunikation, also in der Produktionsautomatisierung und Industrie 4.0, anzutreffen sein – Anwendungen, in denen der Mensch nicht mehr direkt Kommunikationspartner ist. Je nach Anwendung sind hier kurze Reaktionszeiten und hohe Zuverlässigkeit gefordert. Eine Person, eingebunden in die Prozesskette, würde die gewünschten Eigenschaften allerdings zunichte machen.“

Der Mensch wird allerdings auch weiterhin beim taktilen Internet eine entscheidende Rolle spielen, oder? – ob es allerdings eine gewichtige ist? Kommt wohl auf die von ihm erbrachten Reaktionszeiten an.

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