Was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert. Das erfahren jetzt auch Bereiche, die bislang beispielhaft für Körpereinsatz und Handarbeit standen. Dank Assisted Sail Trim ist jedoch auch auf Segelbooten künftig Zurücklehnen angesagt.

Alle sprechen über selbstfahrende Autos, dabei sind das längst nicht die einzigen Fortbewegungsmittel, die uns ohne großes Zutun ans Ziel bringen können. Auch für Segler gibt es Assistenzsysteme, die die Arbeit an Bord erleichtern. Schließlich gibt es durch sich permanent ändernde Windbedingungen und Stimmungswechsel auf See gefühlt auch viel mehr zu beachten und gleichzeitig zu erledigen als in einem Auto.

Aber klingt es nicht etwas unlogisch, ausgerechnet in einem Segelboot ein Automationssystem einzubauen? Segler lieben doch gerade diese Herausforderung, wenn sie mit ihrem Boot draußen in der Natur sind und auf die wechselnden Aufgaben reagieren müssen. Das stimmt zwar, doch ab einer bestimmten Bootsgröße braucht ein Skipper ein Team. Und wenn die Crew hauptsächlich aus unkundigen Kollegen oder Familien besteht, die eher an Deck in der Sonne chillen wollen, dann fehlt beim Halsen, Wenden oder Kreuzen die Unterstützung. Also hat die französische Sportboot-Werft Jeanneau die Situation erkannt und gemeinsam mit dem amerikanischen Zulieferunternehmen Harken ein elektronisches Assistenzsystem entwickelt.

Wie ein zusätzliches Crew-Mitglied

„Assisted Sail Trim“ (AST) funktioniert wie ein zusätzliches Crew-Mitglied, das sich um die Segel kümmert. Es besteht unter anderem aus einer Anlage, die den Energievorrat der Bordbatterien überwacht, einem seitlichen Neigungssensor für die Krängung und einer Konsole mit Bildschirm und Tasten. Zusätzlich müssen die Winden, die sonst mit Handkurbel bedient werden, durch elektrische Modelle („Rewind-Winschen“) ausgetauscht werden, die Leinen automatisch dichtholen oder lösen.

Assisted Sail Trim
Funktionsweise des Assisted Sail Trim (Bild: Chantiers Jeanneau)

Über den Bildschirm kann der Seemann, der die Rolle des Rudergängers angenommen hat, zum Rudersitzer werden, da er die Winden am Monitor per Knopfdruck einstellen kann ohne selbst aufzustehen. Außerdem gibt es einen fünfstufigen „Auto Trim“-Modus. Dieser lässt das Boot selbstständig auf andere Windrichtungen oder Kurse reagieren und sorgt dafür, dass es autonom die Stellung der Segel korrigiert. Je höher die Stufe, desto schneller greift das System ein.

Spannend ist auch die „Heel Limiter“-Funktion, bei der sich das Boot bei einer Windböe automatisch aufrichtet, falls die Passagiere die starke Krängung nicht vertragen. „Auto Tack“ hilft zusätzlich beim Wenden des Bootes, indem es auf einer Seite die Schot des Vorsegels nachlässt und die Schot der anderen Seite dicht nimmt.

Assisted Sail Trim
Wird ein Neigungswinkel überschritten, korrigiert das System automatisch (Bild: Chantiers Jeanneau)

Die Yacht Jeanneau Sun Odyssey 519 wird für einen Aufpreis von 12.000 bis 33.000 Euro als erstes mit dem Assistenzsystem ausgestattet. Die Yacht kostet in der Grundausstattung etwa 300.000 Euro. Weitere Modelle sollen folgen. Für mindestens ein Jahr hat Jeanneau die Exklusivrechte für die Verwendung dieser Technik. Danach könnten auch andere Boothersteller das Assistenzsystem in ihren Booten verbauen.

Assistenzsysteme: Kein Ersatz, nur Unterstützung

Für die Unterstützung analysiert das AST Daten wie Windstärke und Windrichtung, Kurs auf See und die aktuelle Geschwindigkeit. Doch ausruhen kann sich kein Segler auf diesem Boot. „AST gibt keinen Anlass zu Sorglosigkeit oder Unaufmerksamkeit“, sagt Erik Stromberg, oberster Segelboot-Stratege bei Jeanneau. „Wir wollen dem Segler das Segeln nicht wegnehmen. Es geht nur darum, das Leben an Bord beim Cruisen angenehmer zu machen.“ Bei Windstärke 6 schaltet das System deshalb automatisch ab. Bei dieser Witterung sollte sich kein Seemann auf Technik verlassen. Die Entwickler beim Bénéteau-Konzern sind sich sicher: Assistenzsysteme werden zunehmend gefragt sein – und das nicht nur im Auto.

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