Immer mehr deutsche Verlage entscheiden sich dazu, eine Bezahlschranke für ihre Nachrichtenportale im Internet einzuführen. Auch die BNN (Badische Neueste Nachrichten) werden im kommenden Jahr auf Bezahlinhalte umstellen. Wir haben uns angeschaut, warum dieser Schritt unumgänglich ist und welche Formen von Paid Content es überhaupt gibt.

Unabhängig davon, ob man vom „Auflagenrückgang bei traditionellen Medien“, der „Talfahrt der Tagespresse“ oder dem „Zeitungssterben“ spricht – gemeint ist immer dasselbe Phänomen: Gedruckte Tageszeitungen spielen vor allem bei den jüngeren Generationen kaum mehr eine Rolle. So erreichte beispielsweise die „Berliner Zeitung“ im Jahr 1989 eine tägliche Auflage von 345.000 Exemplaren. 66.564 sind davon im Jahr 2018 noch übriggeblieben.

Zwar sieht es bei anderen deutschen Tageszeitungen nicht ganz so düster aus, allerdings haben inzwischen alle Verlage mit sinkenden Auflagen und den damit verbundenen Umsatzeinbußen zu kämpfen. Auf der Suche nach einem Ausweg entdecken nun immer mehr Verlage Paid Content-Angebote im Internet für sich.

„Es war einer der größten Denkfehler überhaupt, zu glauben, dass sich Qualitätsjournalismus im Internet allein über Werbung finanzieren lässt,“ erklärt Rainer Haendle, der als stellvertretender Chefredakteur den digitalen Umbau bei den BNN leitet. „Die Verlage haben ihre Leser jahrelang daran gewöhnt, dass ihnen journalistische Inhalte rund um die Uhr kostenlos zur Verfügung stehen. Inzwischen hat sich jedoch gezeigt, dass das so nicht funktioniert. Nun müssen wir den Leser davon überzeugen, für einordnenden, seriösen Journalismus auch im Internet Geld zu bezahlen.“

Doch wie kann das gelingen? Bei den BNN hat man sich für einen Premium-Ansatz entschieden. Alles wurde auf den Prüfstand gestellt. Statt einzelner Ressorts gibt es künftig einen Newsroom in dem alles zusammenläuft. Medienübergreifend. Hier arbeiten Print und Online Hand in Hand. Während andere Redaktionen dem digitalen Wandel mit Stellenabbau begegnen, setzt man bei den BNN auf eine Qualitätsoffensive, im Rahmen derer das Personal um 20 Prozent aufgestockt wird. Die daraus resultierenden Inhalte werden allerdings nicht kostenlos im Netz zu finden sein, sondern als Paid Content hinter einer Bezahlschranke.

Ein Blick auf die Paid Content-Angebote deutscher Zeitungen

Ein Patentrezept für DIE Paid Content-Lösung schlechthin existiert bislang nicht. Innerhalb der deutschen Zeitungslandschaft finden sich bislang allerdings folgende Bezahlmodelle:

Harte Bezahlschranke: Bei diesem Modell kann das Online-Angebot einer Zeitung nur genutzt werden, wenn man entweder Abonnent ist, oder einen Tagespass kauft.  Alle anderen Nutzer werden „ausgesperrt“. In der Praxis setzen allerdings nur wenige Verlage auf eine harte Bezahlschranke, da durch sie die Klickzahlen, die maßgeblich für die Werbeeinnahmen sind, schnell einbrechen.

Freemium: Die Mehrheit der deutschen Zeitungen setzt inzwischen auf das sogenannte Freemium-Modell. Dabei gibt es Artikel, die allen Lesern kostenlos („free“) zur Verfügung stehen, und exklusive („premium“) Inhalte, für die ein Abonnement oder Tagespass notwendig ist. In der Regel handelt es sich dabei um Datenjournalismus, Reportagen, Hintergrundberichte oder Leitartikel.

Metered Model: Beim „Metered Model“ sind die Inhalte grundsätzlich kostenpflichtig, allerdings stellt die Zeitung jedem Nutzer eine bestimmte Anzahl von Beiträgen kostenlos zur Verfügung. Erst wenn dieses „Kontingent“ aufgebraucht ist, erfolgt die Aufforderung, ein Abo abzuschließen oder einen Tagespass zu kaufen.  In der Praxis wird dieses Modell nur noch selten genutzt, da man diese Form der Bezahlschranke leicht umgehen kann.

Hybrid-Modell: Stellt eine Kombination aus „Freemium“ und „Metered“ dar.

Spenden-Modell / Freiwillige Bezahlung: Wie der Name schon sagt, entscheidet hier der Leser selbst, ob er für die Inhalte bezahlen möchte. Von 229 beim Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger e.V. gelisteten Publikationen nutzen dieses Modell lediglich drei Zeitungen.

Bei den BNN stehen zwar noch nicht alle Details zum Start des neuen Newsportals für Karlsruhe fest, allerdings herrscht Einigkeit darüber, dass die Bezahlung für „BNN+“-Inhalte über ein Freemium-Modell erfolgen wird.

Die Sache mit dem „Netflix“ für Zeitungen

Rainer Haendle
Rainer Haendle ist stellvertretender Chefredakteur bei den BNN und leitet den digitalen Umbau.

Ob Bezahlschranken den gewünschten Erfolg bringen werden? „Es muss funktionieren, ansonsten gehen die Verlage kollektiv unter – und mit uns die in einer Demokratie so wichtige Meinungsvielfalt,“ betont Rainer Haendle. „Gerade in der heutigen Zeit ist einordnender Journalismus wichtiger denn je.“ 

Tatsächlich gibt es für die Verlage derzeit keine nennenswerten Alternativen zu einer Bezahlschranke. Einzig die Idee einer Art „Netflix“ für Tageszeitungen geistert ab und an durchs Netz. In diesem Szenario würden die Leser einen festen monatlichen Betrag bezahlen und hätten dafür Zugriff auf das Nachrichtenangebot einer Vielzahl von Verlagen. Eine Flatrate für Journalismus, wenn man so will. Aber auch ein Modell für die Zukunft?

Das Urteil von Rainer Haendle ist eindeutig: „Ein Newsportal nach dem Vorbild von Netflix, in dem die redaktionellen Inhalte aller Zeitungen zu finden sind, würde das Ende des Qualitätsjournalismus bedeuten. Langfristig würde die damit einhergehende Kannibalisierung zu einem massiven Kahlschlag innerhalb der Branche führen. Die Meinungsvielfalt, wie wir sie heute kennen, wäre massiv gefährdet.“ Was der stellvertretende Chefredakteur der BNN allerdings perspektivisch durchaus für denkbar hält, ist eine Kooperation zwischen einzelnen Verlagen. Wie genau diese aussehen könnte, weiß allerdings noch niemand.