Es vergeht kein Tag, an dem nicht über Virtual Reality (VR) berichtet wird: ein Live-Erleben ohne direkt vor Ort zu sein. Technisch möglich wird das durch VR-Anbieter wie Google, Oculus, Samsung und Microsoft. Das birgt für den boomenden E-Commerce neue Möglichkeiten, so Expertenmeinungen. Abseits der rosarot-getönten VR-Brille möchte ich mit Philipp Kannenberg, Geschäftsleiter Sales bei der gaxsys GmbH, neben den Vorteilen durch Virtual Reality im E-Commerce, wie VR-Showrooms und der gezielten Markenpositionierung, auch die Herausforderungen und Risiken beleuchten – für den lokalen Handel, den Online-Shop und den Kunden.

Der Gaming-Sektor macht es vor: Der auf der Gamescom 2016 vorgestellte Science-Fiction-Simulator “Star Trek: Bridge Crew“ des Anbieters Ubisoft macht den Sog in das Star-Trek-Universum durch die VR-Brille Oculus Rift möglich. Beobachtet man die laufenden technischen Neuerscheinungen zum Thema VR, könnte das Nischenprodukt VR-Brille möglicherweise bald zu einem Everybody`s Darling werden. Ob Medizin, gezielte Markenpositionierung oder VR-Onlineshop: Der VR-Technologie sind anscheinend keine kreativen Grenzen gesetzt. Und das Interesse der Verbraucher ist ebenfalls geweckt. Jedem zweiten Bürger ist VR ein Begriff, jeder dritte kann sich den Erwerb einer VR-Brille vorstellen, so heißt es in der gemeinsamen Trendstudie “Consumer Technology 2016“ des Digitalverbandes Bitcom und des US-amerikanischen Beratungsunternehmens Deloitte. Lässt sich der VR-Trend vielleicht sogar auf den E-Commerce übertragen?

Philipp Kannenberg: „Der Mensch ist mehr als seine Körpermaße“

In virtuellen Umkleidekabinen, an denen Shops wie Zalando und adidas arbeiten, können Kunden ihre Kleidung in Zukunft virtuell anprobieren. Der Datenverarbeitungsspezialist für 3D “Body Labs“ und der 3D-Experte 3dMD haben eine Lösung entwickelt, die 3D-Körperscans von Personen ermöglicht. Sind einmalig die individuellen Körpermaße in einer VR-Kabine beim lokalen Einzelhändler vor Ort ermittelt, können Verbraucher ihre Lieblingsmode daheim von Avataren, die den Nutzer dreidimensional abbilden, vorführen lassen. Ein koreanisches Team von MyDesignLab hat außerdem den Virtual-Reality-Spiegel “Mirror Mirror“ entwickelt, der durch Infrarot-Sensoren Körperformen und Bewegungen erfasst und sein Lieblingsdesign auf den eigenen Körper projiziert.

Philipp Kannenberg, der gerne die neuste Technik ausprobiert, findet die Entwicklung von Virtual Reality im E-Commerce spannend, betrachtet sie aber kritisch: „Der immersive Sog in eine andere Welt ist mehr als verlockend und bietet für die Spieleindustrie einen beeindruckenden Ideenreichtum. In der realen Welt, für die Du und ich uns mit echten Produkten und Bekleidungsstoffen ausstatten, verliert das Erleben aber seinen Reiz“, meint der E-Commerce-Experte und legt mit einem Beispiel nach: „Möchte ich die perfekte Jeans für meinen Bedarf kaufen, möchte ich sie vorher ausgiebig anprobieren, von allen Seiten kritisch begutachten und ihre Haptik fühlen. VR kann meinem Avatar einen angesagten Look verleihen, unbestritten, die Präsenz eines Menschen ist aber alles andere als eine Summe aus ermittelten Körpermaßen“, warnt Kannenberg vor dem derzeitigen VR-Hype.

Wie man mithilfe von Virtual Reality Marken positioniert, macht der Outdoor-Bekleidungshersteller “The North Face“ vor.

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Kannenberg: „Trotz VR führt kein Weg an der realen Anprobe vorbei.“

Eignet sich die Technologie für eine virtuelle Sortimentserweiterung? Philipp Kannenberg, der seit Jahren den Onlinehandel beobachtet, ist überzeugt: VR kann einen persönlichen Berater aus Fleisch und Blut nicht ersetzen. „Produkte, die durch begrenzte Ladenfläche im stationären Handel nicht angeboten werden können, werden bereits vereinzelt in digitalen Showrooms präsentiert. Als Verbraucher bin ich zwar schon interessiert, welche Schuhe mein Händler vor Ort auch abseits seines stationären Handels anbietet. Die umfassende Darstellung des Schuhs gibt mir allerdings keine Auskunft über den entsprechenden Tragekomfort und kennt meine speziellen Anforderungen nicht. Allein die jeweilige Schuhgröße variiert meistens nach Hersteller um bis zu zwei Schuhgrößen. Daneben gibt es auch die Fragen zu klären: Habe ich einen Platt- Normal- oder Hohlfuß? Neige ich von meiner körperlichen Statur mit meinen Füßen nach innen oder nach außen zu laufen?“

Beratung durch Algorithmen? Soziale Interaktion ist Teil der realen Welt

2016 hat der chinesische Pure Player Alibaba vorgelegt und testet aktuell seinen virtuellen Onlineshop Buy+. Auf dem “New Taobao Festival“ in Shanghai konnten Kunden vorab einen Blick in den VR-Webshop werfen, mithilfe von VR-Brillen und VR-Helmen einen simulierten Shop begehen, Produkte drehen und wenden sowie Kleidung virtuell begutachten. „Eine nette Spielerei“, schmunzelt Kannenberg und begründet seine Zweifel: „Natürlich reizt es mich einen solchen Shop zu besuchen und meine Wahlprodukte in einen Warenkorb zu legen. Dauerhaft eine VR-Brille oder einen VR-Helm beim Shoppen zu tragen kann ich mir allerdings nicht vorstellen. Außerdem würde mir die persönliche Beratung von einem realen Menschen fehlen. Soziale Interaktion ist Teil unseres Menschendaseins. Algorithmen können diese Sensibilität nicht leisten.“

Alibaba testet seinen VR-Webshop Buy+.
Auf dem “New Taobao Festival“ in Shanghai konnten Kunden erstmalig Alibabas VR-Onlineshop Buy+ testen und mithilfe von VR-Brillen virtuell einkaufen. Bild-Quelle: Techtrade Asia

Geht es nach Kannenberg kommt kein Webshop an dem Produktversand, als Teil der Kaufentscheidung des Kunden, vorbei. „Ja, ich möchte meine Ware schnell verfügbar haben. Wenn mein Terminkalender es nicht anders zulässt, bestelle ich bequem Produkte aus dem Büro oder nach einem langen Arbeitstag Zuhause gemütlich von der Couch. Man sollte sich nicht die Frage stellen wie der Kunde sich möglichst ohne Anprobe für ein Produkt entscheidet. Vielmehr sollte man sich als Onlinehändler fragen: Wie kommt der Kunde auf dem schnellsten Weg und mit möglichst sauberem ökologischen Fußabdruck zu seinem Wunschprodukt? Der Onlinehändler tut mit Sicherheit nicht gut daran wenn der Kunde fix der VR-Technologie oder seinem Avatar vertraut und am Ende die Kleidung schlichtweg in die Ecke wirft, weil sie dennoch an ihm ganz anders wirkt in der realen (!) Welt. Die kostspielige Retourenquote zu senken wird also auch mithilfe von Virtual Reality im E-Commerce kaum möglich sein, denn lokal wie online, shoppen echte Menschen echte Artikel“, so Kannenberg über die Notwendigkeit des stationären Handels.

VR-Brillen müssen erschwinglicher werden

Trotz der vielen Einsatzmöglichkeiten könnte der mediale Hype um die Virtual-Reality-Technologie erst einmal verklingen, meint der gaxsys-Geschäftsführer für Sales: „Abseits der theoretischen Möglichkeiten die die Virtual-Reality-Technologie bietet, darf nicht vergessen werden, dass sie eine Erweiterung, keinen Ersatz für den Onlinehandel darstellt. Der umfassende Einsatz von Virtual Reality im E-Commerce liegt zudem noch etwa fünf bis zehn Jahre in der Zukunft. Längst nicht jedes Smartphone verfügt etwa über die empfohlene 4K-Displayauflösung, die für eine optimale Nutzung erforderlich ist. Zudem sind VR-Brillen Nutzern zum jetzigen Zeitpunkt schlichtweg zu teurer.“

Eine Oculus Rift VR-Brille kostet bei Media Markt beispielsweise satte 699 Euro. Ausschließlich zum Shoppen werden womöglich nur die wenigsten Nutzer den hohen Preis bezahlen. Die VR-Halterung “Google Cardboard“ ist mit drei Euro spottbillig, an die High-End-Halterungen wie die Samsung Gear VR kommt sie allerdings in puncto Komfort und Head-Tracking, der bewegungssynchronen Bilddarstellung, nicht heran.

VR-Umkleide könnte Datenschutzexperten auf den Plan rufen

Neben der fehlenden Haptik, dem sozialen Aspekt und der Preishürde für den VR-Einsatz im E-Commerce, wird wahrscheinlich ein weiteres Hindernis den Zugang zur VR-Umkleide blockieren: „Der Service zur Ermittlung der individuellen Körpermaße könnte Datenschutzexperten auf den Plan rufen“, warnt Kannenberg. Diese Daten können seiner Meinung nach Onlineshops einerseits dafür nutzen, um Produkte besser auf den Kundenwunsch abzustimmen. Andererseits ist durch den Umgang mit den sensiblen Kundendaten auch Missbrauch nicht ausgeschlossen. „In Deutschland wird Kundenschutz glücklicherweise großgeschrieben.“

Virtual Reality im E-Commerce gleicht aktuell noch einem Luftschloss

Kannenberg resümiert: „Virtual Reality ist Teil der digitalen Realität. Eine Erweiterung im E-Commerce wird aber erst in einigen Jahren möglich sein. Durch den aktuell hohen Preis der VR-Brillen, der oftmals unzureichenden Auflösung der Smartphone-Bildschirme sowie ungeklärten Rechtsfragen, gleicht Virtual Reality im E-Commerce zum jetzigen Zeitpunkt noch einem Luftschloss. Die Konturen für den finalen Einsatz werden sich meiner Einschätzung nach erst im Laufe der nächsten Dekade abzeichnen. Ob die digitale Zukunft den modernen aufgeklärten Menschen tatsächlich in die virtuelle Welt führt, wage ich als sozial vernetzter Mensch allerdings zu bezweifeln.“

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