Wie eine aktuelle Bitkom-Studie zeigt, könnte in Deutschland fast jeder Zweite weitgehend auf Bargeld verzichten – und dennoch greifen nur wenige auf bargeldlose Bezahlmethoden zurück. Vor allem das Mobile Payment fristet hierzulande nach wie vor ein Nischendasein.

In Berlin sind Taxifahrer seit nunmehr einem Jahr dazu verpflichtet, Kartenzahlungen zu akzeptieren – und gerade am Flughafen, wo viele Touristen ankommen, muss das ohnehin selbstverständlich sein. Sollte man meinen. „Ne, bei mir nur Bargeld,“ ruft der erste Taxifahrer in der Schlange den Fahrgästen entgegen. Auch der Zweite schüttelt beim Anblick einer Kreditkarte nur den Kopf. Der dritte Fahrer scheint immerhin zu wissen, dass er Kartenzahlungen eigentlich akzeptieren muss. Also verkündet er ganz kreativ: „Sorry, mein Lesegerät ist kaputt!“

Ortswechsel. Wir befinden uns an der Kasse der Filiale einer großen Modekette. „Ich bezahle mit Visa!“ – „Oh, tut mir leid, Kreditkarten akzeptieren wir hier nicht. – „Ja ok, dann bitte mit EC-Karte!“ – „Leider geht auch das nicht, aber wenn sie kein Bargeld dabei haben, kann ich Ihnen anbieten, dass Sie uns eine einmalige Einzugsermächtigung für Ihr Konto ausstellen, dann buchen wir den Betrag ab.“

Manchmal weiß man in Deutschland nicht, ob man lachen oder weinen soll. Während man beispielsweise in den USA oder in Polen überall jeden Betrag bargeldlos bezahlen kann, muss man hierzulande vor einem Ausflug oder einer Reise vorsichtshalber immer Bargeld abheben. Es könnte ja sein, dass der Kassenautomat in der Tiefgarage keine EC-Karte akzeptiert oder im Supermarkt eines der berühmten „Keine Kartenzahlung unter 10 Euro“-Schilder hängt. Dabei spielt es übrigens keine Rolle, ob man sich im tiefsten Schwarzwald oder in einem hippen Szene-Restaurant in Berlin befindet. Die EC- und Kreditkarten-Verweigerer gibt es überall.

Ein Umdenken setzt (langsam) ein

Eine am Mittwoch veröffentlichte Studie der Bitkom gibt nun Anlass zur Hoffnung. Demnach kann sich fast die Hälfte der Deutschen (46 Prozent) vorstellen, in Zukunft in beinahe allen Alltagssituationen fast ausschließlich bargeldlos zu bezahlen. Vor einem Jahr war es erst gut ein Drittel (36 Prozent).

Interessant dabei: während sich 53 Prozent der 30- bis 49-Jährigen vorstellen können, weitgehend auf Scheine und Münzen zu verzichten, sind es bei den 14- bis 29-Jährigen nur 45 Prozent – und damit noch weniger als bei den 50- bis 64-Jährigen (46 Prozent).

Die Akzeptanz für bargeldloses Bezahlen steigt also. Und das ist gut so. Dennoch liefert die Bitkom-Studie auch eine traurige Erkenntnis: über 40 Millionen Deutschen können sich nach wie vor nicht vorstellen, auf Bargeld zu verzichten. Im Jahr 2016! In Schweden, wo selbst die Kirche die Kollekte bargeldlos einsammelt, würde man in Anbetracht solcher Zahlen wohl nur fassungslos den Kopf schütteln.

Wenn in Deutschland bargeldlos bezahlt wird, dann laut Bitkom-Studie übrigens zu 82 Prozent mit der Girocard. Die Kreditkarte folgt mit 36 Prozent, mobile Bezahldienste belegen mit 13 Prozent abgeschlagen den letzten Platz.

Mobile Payment: Die „German Angst“ steht uns im Weg

Während wir hierzulande die Champagnerkorken knallen lassen, wenn eine Supermarktkette das Bezahlen mit der inzwischen 66 Jahre alten Kreditkarte zulässt, ist man andernorts längst zum Mobile Payment übergegangen.

„Bargeldlose Bezahlverfahren sind komfortabler und sicherer, deshalb werden sie das Bargeld auf mittlere Sicht ersetzen“, sagt Dr. Bernhard Rohleder, Bitkom-Hauptgeschäftsführer. Gerade das kontaktlose Bezahlen mit dem Smartphone habe großes Potenzial. Dabei hält der Kunde sein Gerät kurz vor ein entsprechend ausgerüstetes Lesegerät, um eine Rechnung zu begleichen. Abgerechnet wird in der Regel über eine Kreditkarte. Rohleder: „Mobile Payment ist praktisch und erleichtert den Überblick über die eigenen Finanzen, etwa mithilfe einer App, die automatisch ein Haushaltsbuch führt.“

Ja, das Potential mag da sein, aber eine am Dienstag veröffentliche Statista-Umfrage zeichnet dennoch ein düsteres Bild: Mehr als jeder zweite Onliner in Deutschland hat noch nie bargeldlos mit dem Smartphone oder Tablet bezahlt und kann sich das auch nicht vorstellen. Nur zwei Prozent der Befragten nutzen regelmäßig Mobile-Payment-Angebote, weitere acht Prozent zahlen unregelmäßig mobil.

Statista führt das auf die „German Angst“ zurück, also den Wunsch nach einem garantierten Schutz vor Betrug und Hackern. Die Deutschen sind von Haus aus recht skeptisch, was neue Technologien angeht. Dieser Technik-Pessimismus stellt Mobile Payment-Anbieter vor ganz besondere Herausforderungen, weshalb es Dienste wie Apple Pay und Google Wallet bislang auch nicht zu uns geschafft haben.

Bis auf die Wallets der Mobilfunkbetreiber (Vodafone Wallet, das inzwischen schon wieder eingestellte Telekom MyWallet, etc.) und Dienste wie Payback Pay gibt es in Deutschland kaum Möglichkeiten, mobil zu bezahlen. Hier bestimmt die Nachfrage ganz klar das Angebot.

Infografik: Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

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