Wer sich mit dem Thema Heimautomation beschäftigt, stellt schnell fest, dass die innovativen Lösungen längst nicht mehr von etablierten Herstellern kommen, sondern von Start-ups und branchenfremden Unternehmen. Ein Blick in die Smart Home-Welt des Jahres 2017.

Hager, Jung, Gira, Busch-Jaeger und Siedle – diese Marken stehen in Deutschland seit Jahrzehnten für qualitativ hochwertige Elektroinstallationen. Für ein in die Wand integriertes Touch-Display von Jung (zur Steuerung einer KNX-Installation) bezahlen Kunden bis zu 5.000 Euro. Eine Briefkastenanlage von Siedle mit Kamera und Fingerabdrucksensor kann problemlos 10.000 Euro oder mehr kosten.

Die Qualität dieser Produkte ist unbestritten – und dennoch müssen all diese Traditionsunternehmen aufpassen, dass ihnen junge Unternehmen mit ihren preiswerten und deutlich smarteren Lösungen nicht innerhalb weniger Jahre den Rang ablaufen.

Ring und Nest ersetzen teure Türsprechanlagen

Als wir angefangen haben, unser Haus zu planen, habe ich mir von meinem Elektriker ein Angebot für die Türsprechanlage eines renommierten, deutschen Unternehmens geben lassen. Qualität war mir wichtig, aber noch wichtiger erschienen mir zeitgemäße, smarte Funktionen. Das Angebot sah so aus (Auszug):

  • Briefkasten: 1500 Euro
  • Kamera-Modul: 1700 Euro
  • Fingerabdrucksensor: 950 Euro
  • KNX-Steuergerät für die Anlage: 1550 Euro
  • iPhone-Aufschaltung: 1614 Euro
  • Innensprechstelle: 900 Euro

Der Gesamtpreis für die Anlage lag bei knapp 9100 Euro. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Allein die Möglichkeit, mit dem iPhone auf die Kamera zugreifen zu können, schlägt mit knapp 1600 Euro zu Buche. Was im Angebot nicht erwähnt wurde: In diesem Preis ist nur die Lizenz für zwei Endgeräte enthalten. Jedes weitere Smartphone oder Tablet kostet 70 Euro extra. Zudem gibt es keine Möglichkeit, eine Live-Übertragung vom Smartphone aus zu starten. Nur wenn jemand klingelt, schaltet sich die Kamera ein und überträgt das Signal an die Innensprechstelle und das iPhone.

Demgegenüber stehen Produkte wie die Ring Video Doorbell und das Anfang 2018 auf den Markt kommende Nest Hello. Diese kosten zwischen 200 und 300 Euro, verfügen über eine bessere Kamera, erkennen Bewegungen und Gesichter, man kann jederzeit eine Live-Übertragung starten und beliebig viele Endgeräte damit verbinden. Zudem können die Videos in der Cloud gespeichert und bei Bedarf nachträglich abgerufen werden. Allein für die Kosten des oben genannten Kamera-Moduls bekommt man acht dieser smarten Türklingeln (!!), die mehr (und bessere) Funktionen bieten, als die ganze Anlage für über 9000 Euro.

Fairerweise muss man dazu sagen, dass es sich bei der mir angebotenen Anlage um ein KNX-System handelt (fest verkabelt), während Ring und Nest mit WiFi arbeiten. Dennoch stehen hier Preis und (smarte) Leistung in keiner Relation.

Es muss mehr Austausch zwischen Unternehmen stattfinden

Die smarte Türklingel ist nur eines von vielen Beispielen, bei denen Start-ups den alteingesessenen Traditionsunternehmen meilenweit voraus sind. Letztere verlassen sich unterdessen darauf, dass der Elektriker um die Ecke in den vergangenen Jahrzehnten nur ihre Produkte verkauft hat und das auch weiterhin tun wird. Momentan geht diese Rechnung noch auf. Sobald sich in den kommenden Jahren aber mehr und mehr Bauherren mit dem Thema Smart Home befassen werden, wird es schwierig werden, zu erklären, warum eine 10.000 Euro teure Sprechanlage weniger kann, als ein 250-Euro-Produkt.

Zudem versuchen Tado, Nest, Netatmo, Ring und wie sie alle heißen, möglichst viele Dienste von Drittanbietern (IFTTT, Alexa, Google Home, HomeKit, etc.) zu unterstützen und so eine gemeinsame Basis für eine ganzheitliche Heimautomation zu schaffen. Schaut man sich die Platzhirsche an, beobachtet man in erster Linie einen Trend hin zur Abschottung. Anstatt an gemeinsamen Standards zu arbeiten, werden proprietäre Lösungen und Angebote entwickelt.

Ein Austausch untereinander würde im Smart Home-Bereich nicht nur dem Kunden nutzen, sondern vor allem auch den Unternehmen selbst.