New York, Tel Aviv, Singapur, Karlsruhe: Seit dieser Woche reiht sich die Fächerstadt ein in die Liste der Metropolen, in der die Innovationskonferenz DLD ihre Zelte aufschlug. DLD steht für Digital Life Design und gilt weltweit als eine der bedeutendsten Veranstaltungen rund um digitale Innovationen. Mit dem Ableger „DLD Campus“ möchte die Burda-Tochter ihr internationales Innovationsnetzwerk mit regionalen Unternehmen, Wissenschaftlern und Hochschulen verbinden.

Die Macher der DLD wählten für das Campus-Format nicht zufällig die badische Landeshauptstadt – kein Geringerer als EU-Kommissar Günther Oettinger empfahl Karlsruhe als Veranstaltungsort: „Er gab den Impuls dafür, das internationale DLD-Netzwerk viel intensiver mit den wirtschaftlich starken und innovativen Regionen in Deutschland und Europa zu vernetzen. Karlsruhe gehört zu den deutschen Innovationshubs schlechthin und bietet eine starke Kombination aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und Medien“, sagt DLD-Gründerin Steffi Czerny. Gemeinsam mit ZKM-Leiter Peter Weibel eröffnete sie am Dienstag die Konferenz im Zentrum für Kunst und Medien mit den Worten: „Traut euch, neugierig zu sein. Geht auf andere Menschen zu, vernetzt euch und probiert Neues aus. Denn genau dafür steht DLD.“

DLD-Gründerin Steffi Czerny mit Karlsruhes Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup. (Bild: Hubert Burda Media)

Unternehmer, Forscher und Studierende aus der Region auf der Bühne

In 13 Vorträgen und Panels wurde diskutiert, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf Wirtschaft und Gesellschaft hat. Die Liste der lokalen Speaker war lang: Rund 20 Panelteilnehmer und Moderatoren kamen aus der Technologieregion Karlsruhe. Darunter Tamim Asfour, Professor für humanoide Robotik am KIT, Stefan Klocke, Aufsichtsratvorsitzender der Taxi-Drohne Volocopter, Marion Weissenberger-Eibl, Leiterin des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung oder auch Michael Mack, der über die Transformation des Europaparks vom klassischen Freizeitpark hin zum technologischen Spielplatz mit Virtual-Reality-Achterbahnfahrten sprach.

Oettinger: „Ich bin stolz auf KIT und ZKM“

Der ehemalige EU-Kommissar für digitale Gesellschaft und Wirtschaft erschien als Wegbereiter des DLD Campus persönlich zur Veranstaltung und sprach über Europa als „Continent of Silicon Valleys“. Er lobte Europa als exzellenten IT-Standort für Industrie, Forschung, Wissenschaft und Kreativität. „Bei Big Data und Social Media liegen wir jedoch meilenweit zurück. Wir müssen unsere Vorsprünge ausbauen und unsere Nachteile aufholen, um langfristig mit dem internationalen Wettbewerb mithalten zu können.“ Innerhalb der EU gäbe es kein Silicon Valley, sondern zahlreiche dezentrale Innovationszentren, die besser vernetzt werden müssten. Über die Fächerstadt sagte er: „Karlsruhe ist viel kreativer und innovativer, als es von außen scheint.“

EU-Kommissar Oettinger sprach über die Bedeutung der EU als IT-Standort. (Bild: Hubert Burda Media)

Daseinsberechtigung des Menschen in der Robo-Zukunft

Welche wirtschaftliche und gesellschaftliche Rolle wird der Mensch in einer Zukunft einnehmen, in der Maschinen sowohl privat als auch beruflich für uns arbeiten? Wofür werden wir noch gebraucht, wenn künftig Roboter unseren Rasen mähen, das Essen zubereiten, Betriebsanlagen steuern, Texte schreiben oder Songs komponieren? Diese Frage beschäftigte gleich mehrere Speaker auf der DLD-Bühne. Nicole Büttner-Thiel von DataQuotient gab zu bedenken, dass sich der Mensch in einer von künstlicher Intelligenz geprägten Welt neu definieren müsse, um weiterhin einen gesellschaftlichen Beitrag leisten zu können. Auch Torsten Kröger vom KIT sieht die Herausforderung insbesondere darin, den Wandel hin zum routinierten Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine zu meistern: „Roboter werden uns diejenigen Aufgaben und Jobs abnehmen, die wir als lästig empfinden. Wir werden uns also künftig auf das konzentrieren können, was uns leidenschaftlich antreibt. Das kann für viele Menschen aber auch bedeuten, einen neuen Lebenssinn finden zu müssen.“

Jüngere Generationen auf neue Herausforderungen vorbereiten

Eigentlich würde man annehmen, dass heutige Berufseinsteiger bereits das Rüstzeug für die Arbeit in der digitalen Welt mitbringen – sind sie doch mit Smartphone und Internet aufgewachsen. Ganz so einfach sieht das in der Praxis jedoch nicht aus, wie im Panel „Company culture in the era of new work“ kritisch thematisiert wurde. Den jüngeren Generationen mangele es oft an Respekt für das, was ihre älteren Kollegen in jahrzehntelanger Arbeit ohne digitale Unterstützung erreicht haben. Auch fehle oft der Wille, volle Motivation und Leidenschaft in den Job einzubringen. „Work-Life-Balance wird von der jüngeren Generation oft missverstanden. Harte Arbeit ist nach wie vor essentiell, um erfolgreich sein zu können“, so Nikolay Kolev von Deloitte Digital. Um optimal auf die Arbeitswelt von morgen vorbereitet zu sein, sollten sich junge Leute weniger stark spezialisieren und stattdessen breit aufstellen, da sich die Aufgabenfelder künftig noch häufiger und schneller verändern werden.

Networking während der Mittagspause im ZKM. (Bild: Hubert Burda Media)

Risikobereitschaft, Flexibilität und Weiterbildung als Voraussetzung für erfolgreiche Innovation

Möchte man ein Fazit der Vorträge des DLD Campus in Karlsruhe ziehen, so wäre es wohl dieses: Wir müssen risikobereit sein, uns ständig weiterentwickeln, kontinuierlich lernen und hart arbeiten, um Innovationen vorantreiben zu können. Der Karlsruher Olaf Zeitnitz, CEO des digitalen Vermögensverwalters VisualVest, formulierte das so: „Innovation ohne Risiko ist nicht möglich. Wir brauchen Freiräume und Flexibilität, die wir nicht durch zu strikte Planung einschränken dürfen.“ Um Innovationen nicht im Keim zu ersticken, sollten wir langfristige Planungen und starre Business Cases überdenken.

Karlsruhe als Vorreiter innovativer Entwicklungen

Humanoide Roboter, denen menschenähnliche Bewegungen beigebracht werden, Drohnen als Taxis der Zukunft, unterschiedlichste Anwendungsformen künstlicher Intelligenz, die Forschungsarbeiten an Hochschulen und Instituten – diese Errungenschaften der Technologieregion kommentierte DLD-Gründerin Steffi Czerny zum Abschluss des Events so: „All diese tollen Entwicklungen kommen aus Karlsruhe, darauf müsst ihr doch verdammt stolz sein!“ Ja, liebe Steffi, das sind wir. Und wir freuen uns, wenn der DLD Campus nächstes Jahr wieder nach Karlsruhe kommt.