Eine Studie der HTW Berlin enthüllt: Ausgerechnet die großen Dax-Konzerne behandeln das vermeintlich zukunftsweisende Thema der Digitalisierung oft noch recht stiefmütterlich. 

Digitale Transformation, das geistert als Zauberwort für die vermeintlich erfolgreiche Zukunft durch die Flure der Unternehmen. Möchte man zumindest meinen. Eine Studie der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin hat konkret untersucht, wie viel Wert deutsche Spitzenkonzerne auf Digitalisierung legen. Zu diesem Zweck hat das Team um Julian Kawohl, Professor für Strategisches Management an der HTW, die Geschäftsberichte der 30 Dax-Unternehmen durchleuchtet.

„Wie die Konzerne mit dem digitaler Transformation umgehen, sollte sich aus den Geschäftsberichten ergeben“, sagt Kawohl: „Die hier veröffentlichten Informationen sind entscheidend für Anteilseigner, Mitarbeiter und Kunden der Unternehmen.“ In den 30 Geschäftsberichten der Unternehmen wurden insgesamt 6000 Stellen gefunden, in denen Transformationsprozesse thematisiert wurden. Nach einer detaillierten Überprüfung, ob es sich dabei auch wirklich um einen „relevanten Vorgang“ handelte, blieben davon nur noch 212 Fälle übrig – eine bemerkenswert niedrige Zahl. Die Konzerne lassen sich meistens viel Zeit auf dem Weg ins digitale Zeitalter.

Etablierten haben den Kampf angenommen

Spitzenreiter mit 21 in Geschäftsberichten beschriebenen und als transformationsrelevant verifizierte Entwicklungen war dabei die Deutsche Telekom. Kawohl sagt: „Die Telekom als ehemaliger Staatskonzern befindet sich schon seit längerem in einem umfassenden Wandlungsprozess, bei der die Digitalisierung eine wichtige Rolle spielt.“

Auf Platz zwei und drei folgen mit der Deutschen Bank (24 Nennungen) und der Commerzbank (21 Nennungen) zwei etablierte Finanzdienstleister. Den Großen im Finanzgeschäft machen heutzutage kleinere Online-Banken und -Kreditanbieter das Revier streitig. Die Studie zeigt: Die Etablierten haben den Kampf um die neuen Geschäftsfelder angenommen.

Bedeutung des Themas nicht erkannt

Dagegen bildeten der Medizintechnik-Konzern Fresenius, der Düngemittelhersteller K+S und der Gaskonzern Linde gemeinschaftlich das Ende des Transformations-Tableaus. Bei allen drei Unternehmen konnte keine einzige transformationsrelevante Entwicklung im Geschäftsbericht gefunden werden. Das Zeitalter der Digitalisierung? Hier noch nicht. „Dass die Großkonzerne insgesamt nur so spärlich über Transformationsaktivitäten berichten, hat  uns dann doch erstaunt“, konstatiert Kawohl: „Das spiegelt nicht die notwendige Bedeutung des Themas wider.“

Besonders überraschend: Selbst Software-Entwickler SAP liegt beim eigentlichen Kerngebiet, der Digitalisierung, mit nur zwei Nennungen auf Platz 22 des Rankings. Wenigstens dafür gibt es jedoch eine Erklärung. Der Konzern habe sich schon frühzeitig um den Bereich gekümmert, dementsprechend sei der Stellenwert in jetzigen Geschäftsberichten nicht mehr so hoch. Andere haben dieses frühzeitige Kümmern verpasst.

Hier die Gesamtübersicht der in den Geschäftsberichten kommunizierten Transformationsaktivitäten von DAX-30-Unternehmen und der Link zur Studie:

Digitalisierung
(Grafik: HTW Berlin, Julian M. Kawohl & Andreas Badekow)