Die Digitalisierung hält Einzug in alle Lebens- und Geschäftsbereiche. Dabei stellen disruptive Technologien die Old Economy vor eine immense Herausforderung: Ganze Branchen müssen sich von heute auf morgen quasi neu erfinden – und traditionell starke Wirtschaftsstandorte gleich mit. „Digitalisierung wird künftig zum Standortfaktor“, stellt Prof. Dr.-Ing. Wilhelm Bauer, Institutsleiter des Fraunhofer IAO folgerichtig fest. 11 Gründe, warum Karlsruhe für den Digitalen Wandel gewappnet ist – und was trotz oder gerade wegen der guten Ausgangssituation weiterhin fokussiert werden muss.

1. Vorsprung durch IT

Lichtinstallation zum 300. Geburtstag der Stadt Karlsruhe (Bild: Fotolia | Oskar)

Im Digitalisierungswettlauf hat die Fächerstadt bereits einige Meter Vorsprung. Denn als IT-Standort ist Karlsruhe per se digital: Die Region beheimatet knapp 4.200 IT-Unternehmen mit 36.000 Arbeitsplätzen. In einer EU-Studie zu den wichtigsten ICT-Hubs Europas landete man dank des starken Mittelstands bereits 2014 auf den vorderen Rängen – direkt hinter Metropolen wie München, London und Paris.

Wo andere Standorte wieder bei Null beginnen müssen, hat Karlsruhe bereits eine gute Basis. Nun gilt es, auch in Zukunft ein hohes Tempo auf die Strecke zu bringen und nicht vor der Ziellinie schlapp zu machen.

2. Eine neue IT-Generation wächst heran

Die Informatikfakultäten des Karlsruher Instituts für Technologie wie auch die der Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft ziehen Talente aus ganz Deutschland an (Bild: Karlsruher Institut für Technologie)

Karlsruhe ist eine Studentenstadt mit insgesamt 43.250 Studenten an 9 Universitäten beziehungsweise Hochschulen und knapp 20% davon sind in IT-nahen Studiengängen eingeschrieben. Die renommierten Fakultäten des KIT und der HsKA ziehen Talente aus ganz Deutschland an. Nie zuvor war Informatik derart beliebt: Allein am KIT waren es im Wintersemester 2015/16 insgesamt 730 Informatikstudenten im ersten Semester. Das übertrifft sogar die Neueinschreibungen des Doppeljahrgangs 2012/13: Know-how, das in Zeiten der Digitalisierung von Bedeutung ist.

Es klingt abgedroschen aber: Die Studenten von heute sind die Fach- und Führungskräfte von morgen. Gelingt es, sie am Standort zu halten, profitiert die Wirtschaft davon. Langfristig.

3. Brutstätten für Unternehmen

Das CIE auf dem Campus des KIT bildet für Startups eine der wichtigsten Anlaufstellen in Karlsruhe (Bild: CIE)

In der Fächerstadt hat sich eine sehr aktive Gründerszene entwickelt. Der Austausch ist gut. Man trifft sich regelmäßig – zum Beispiel beim Gründergrillen. Und auch das Unterstützungsangebot ist vorbildlich: Am CIE finden Gründungswillige eine erste Anlaufstelle direkt auf dem Campus. Das CyberForum betreibt mit dem CyberLab einen eigenen Inkubator bzw. Accelerator speziell für IT- und Hightech-Startups. Und IHK wie auch Stadt sind in Punkto Beratungsleistungen ebenfalls gut aufgestellt. Darüber hinaus haben sich alle wichtigen Stakeholder in der Gründerallianz Karlsruhe organisiert.

KMU sind das Rückgrat der Wirtschaft. Und Gründer die nächste Unternehmergeneration. Deshalb muss die Gründerfahne auch dann weiter hochgehalten werden, wenn der derzeitige Startup-Hype wieder etwas nachlässt.

4. Wissenstransfer fördert digitale Innovationen

Dr. Rainer Jäkel ist einer der beiden Gründer von ArtiMinds Robotics (Video: Arrow)

In Karlsruhe herrscht ein gutes Klima für Innovationen: Insgesamt 26 Forschungseinrichtungen – darunter drei Fraunhofer Institute, das Forschungszentrum Informatik oder auch das Smart Data Innovation Lab arbeiten an Zukunftsthemen wie Industrie 4.0, Energie, Mobilität, IT-Security und Big Data. Dass der Transfer von Forschungsergebnissen in marktfähige Produkte gelingen kann, zeigen außerdem Unternehmen wie die Big Data Experten Blue Yonder oder ArtiMinds Robotics.

Für eine erfolgreiche digitale Transformation müssen Forschung und Wirtschaft verstärkt am Technologietransfer arbeiten. Einen Teil hierzu beitragen kann künftig das in Karlsruhe ansässige Digitale Innovationszentrum Baden-Württemberg.

5. Bereit für die 4. industrielle Revolution

Die vierte Revolution hält Einzug in alle Geschäftsbereiche ( Bild: FZI Forschungszentrum Informatik)

Karlsruher Unternehmen sind gut auf das Zeitalter der vierten industriellen Revolution vorbereitet. Zu diesem Schluss kommt der Zukunftsindex 2030 der Wirtschaftswoche. Aufgrund der hohen Dichte an Unternehmen aus Bereichen wie Big Data, Smart Services oder auch Cloud Computing erreichte der Standort Platz 3 im Teilranking „Industrie 4.0“. Im Gesamtranking aller 69 deutschen Großstädte kommt Karlsruhe auf Platz 7.

Dabei auffällig: Im Zukunftsindex auf den vorderen Plätzen landeten vor allem Städte mit guten Bildungseinrichtungen, Forschungsinstitutionen und attraktiven Arbeitgebern – ein deutliches Signal für die Zukunft. 

6. Gut vernetzt – auch nach Feierabend

Die Karlsruher Digitalszene trifft regelmäßig – zum Beispiel bei den Netzstrategen und ihrem Feierabend (Bild: netzstrategen)

Die Karlsruher Digitalszene ist gut vernetzt. Cluster, Netzwerke und Plattformen zum Austausch gibt es viele: fokus.energie, K3, KA-IT-Si, MEKA, VKSI und natürlich auch meinen Arbeitgeber, das CyberForum. Regelmäßig finden Vorträge und Networking-Events statt: digiTALK, nmfka, InfoMarkt, #ecommka, WordPress Meetup, Java User Group. Hinzu kommen größere Messen und Kongresse, zum Beispiel die Anti-Prism-Party, die Learntec oder der Karlsruher Entwicklertag.

Für eine mittelgroße Stadt hat Karlsruhe ein großes Angebot an Fachveranstaltungen und Networking-Events: Und im September kommt mit dem new.New Festival von CODE_n noch ein echtes Schwergewicht nach Karlsruhe.

7. Kreativität als Wachstumsfaktor

Das Perfekt Futur – eine besonders anregende Umgebung für Gründer, die der Kreativbranche zugeordnet werden können. (Bild: Fidelis Fuchs | Alter Schlachthof Karlsruhe)

Kreativität und Wissen sind in der Stadtforschung ein wichtiger Faktor für wirtschaftliche Prosperität. Für Karlsruhe klingt das vielversprechend, denn die Kreativwirtschaft vor Ort ist gut aufgestellt: Von 100 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten arbeiten 9,9 im Bereich kreative Dienstleistungen. Das macht Platz 5 im bundesdeutschen Vergleich. Mit dem Kreativpark Alter Schlachthof wurde in den vergangenen Jahren außerdem ein Vorzeigeareal geschaffen, aus welchem das Gründerzentrum Perfekt Futur sogar noch einmal hervorstechen kann.

Schon heute wird viel für die Kreativbranche gemacht. Und das gilt auch für die Zukunft: Im Kreativpark Alter Schlachthof entsteht ein Wachstumszentrum, das 2018 seinen Dienst aufnehmen wird.

8. Karlsruhe wächst. Nachhaltig.

Entlang der Ludwig-Erhard-Allee entsteht ein neuer Stadtteil mit modernen Bürogebäuden

Die Stadt wächst. Nicht überproportional und entsprechend risikobehaftet, sondern beständig und nachhaltig. Platz 1 im Ranking der nachhaltigsten Städte Deutschlands bestätigt dies. Überzeugen konnte Karlsruhe aufgrund des verantwortungsvollen Umgangs mit Wachstum. Dabei sprachen ein zukunftsweisendes Mobilitätskonzept, beeindruckende Maßnahmen für Flächenrecycling und Projekte wie die „SmarterCity“ für die Fächerstadt.

In der Stadt der Zukunft spielt IKT eine entscheidende Rolle, um Lebensqualität und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit gleichsam zu erhöhen. Stadtentwicklungskonzepte sollten dies berücksichtigen – so wie etwa das Projekt Zukunftsstadt.

9. Mobilitätskonzept: In Zukunft freie Fahrt

Karlsruhe ist die Carsharing Hauptstadt Deutschlands(Bild: Stadtmobil CarSharing GmbH & Co. KG, Karlsruhe)

Bei all den Baustellen in und um Karlsruhe mit dem Argument Mobilität aufzuwarten, erscheint auf den ersten Blick absurd: Mit 64 verschwendeten Stunden im Jahr kommt Karlsruhe derzeit auf Platz 3 der staureichsten Städte Deutschlands. Und dennoch: Karlsruhe ist bundesweit Spitzenreiter beim Carsharing mit 2,15 „geteilten“ Fahrzeugen auf 10.000 Einwohner. Und auch in Sachen Fahrradstadt muss sich Karlsruhe nicht verstecken: Platz 2 hinter Münster.

Je weiter der Bau der Kombilösung dem Ende entgegenrückt, desto deutlicher tritt auch das künftige intermodale Mobilitätskonzept in Erscheinung und wird die Stadt wortwörtlich voranbringen.

10. Digitale Pioniere und medientechnologische Avantgarde

Im Rahmen der GLOBALE entstand im ZKM eine Wolke. Cloudscapes ist ein Projekt der Klimaingenieure Transsolar und des Architekten Tetsuo Kondo (Foto: Harald Völkl / © ZKM | Karlsruhe)

Wie wir Musik hören, Filme schauen, Bücher lesen, Kulturgüter konsumieren: Die Digitalisierung beeinflusst unser gesamtes Leben – nicht nur auf wirtschaftlicher sondern auch auf gesellschaftlicher und kultureller Ebene. Mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie beheimatet Karlsruhe eine Institution, welche ebenjene Auswirkungen der Digitalisierung untersucht und mit Veranstaltungen und Ausstellungen begleitet – etwa mit der Gobale, die sich anlässlich des 300. Stadtgeburtstags für genau 300 Tage dem digitalen Wandel im globalen Zeitalter widmet.

Das Wissen um den Einfluss der Digitalisierung auf Kultur und Gesellschaft kann vorteilhaft sein, denn eines ist klar: Industrie und Wirtschaft können noch so bereit sein für die Digitale Transformation – die Gesellschaft muss diesen Wandel mittragen.

11. Hightech trifft Lebensart

Das Highlight des Festivalsommers zum 300 Geburtstag, die Schloßlichtspiele finden auch 2016 eine Fortführung (Video: KA300)

Eine Stadt kann nur wachsen, wenn die Wirtschaft genügend Arbeitskräfte findet. Dazu müssen Menschen wiederum dort leben wollen. Und Karlsruhe ist durchaus lebenswert – ein sehr gutes kulturelles Angebot, viele Sonnenstunden und hohe Lebensstandards sprechen für sich. Ein weiterer Pluspunkt ist die geografische Lage der Fächerstadt. Karlsruhe ist umgeben von vier alten Kulturregionen, die immer einen Tagesausflug wert sind: Schwarzwald, Pfalz, Kraichgau und das Elsass.

Stadt und Wirtschaft stehen vor großen Herausforderungen: Um die Attraktivität des Standortes halten zu können, gilt es, neuen Wohnraum zu schaffen, die Integration voranzutreiben und nebenher die Digitalisierung zu schultern.