Viele Digitalisierungsansätze sind ambitioniert. Bezogen auf den End2End-Prozess sind sie – zumindest im produzierenden Mittelstand – eher selten durchdacht. Oft fehlt es an Beurteilungskompetenz, wie digitaler Fortschritt im Unternehmen überhaupt aussehen soll und was wirklich gebraucht wird. „Kein Wunder“ sagt Unternehmensberater Uwe Beyer. „Die Themenvielfalt ist für die meisten viel zu undurchsichtig und erscheint dadurch zu komplex.“ Was Mittelständler tun können, um ihre Digitalisierung optimal in den Griff zu kriegen, verrät er im Interview.

Es ist kein Geheimnis – der produzierende Mittelstand hinkt bei der Digitalisierung hinterher. Ist das nicht ein Risiko?

Absolut. Wer wettbewerbsfähig bleiben will, sollte dringend handeln. Die Themen Effizienzsteigerung, Automatisierung von Prozessen und Nachhaltigkeit sind keine Themen, mit denen man sich erst in der Zukunft beschäftigen sollte. Wir sind mittendrin in einer großen Veränderung. Der Zug nimmt immer mehr Fahrt auf. Wenn der produzierende Mittelstand nicht zeitnah aufspringt, rast sein Wettbewerb davon.

Aber die Technologien sind doch eigentlich alle vorhanden …

Digitalisierung ist nicht nur eine technologische, sondern vor allem eine kulturelle Aufgabe. Die Technologien sind oft weiter voraus. Da muss man eher aufpassen, dass man nicht auf jeden Hype aufspringt. Das Problem liegt vielmehr darin, dass Unternehmen überhaupt nicht wissen, wo sie anfangen und wie sie Digitalisierungsvorhaben in ihrem Unternehmen technisch und kulturell umsetzen sollen. Digitalisierung ist nicht nur der Einsatz digitaler Tools. Digitalisierung ist ein neues Weltbild und ein Prozess – und nicht ein fertiges Produkt aus einem Regal.

Wer will schon, dass sein Weltbild von heute auf morgen aus den Angeln gehoben wird?

Das ist der Punkt. Unternehmen haben oft Angst vor dem Umbruch und bleiben deshalb in ihrer Komfortzone stehen und damit hinter ihren Potenzialen zurück. Hier ist es wichtig, vom Unternehmenszweck und dem zu schaffenden Mehrwert auszugehen und sich zu fragen, wobei die Digitalisierung im Unternehmen helfen kann.

Sie sagen, in den Unternehmen fehlt es an Beurteilungskompetenz in Sachen Digitalisierung …

Ja, und das ist auch ganz verständlich. Das Thema ist einfach immer noch zu neu und durch die vielen Angebote undurchsichtig. Und damit meine ich erst einmal gar nicht die Technologien. Die kommen erst im zweiten Schritt. Der erste Schritt entsteht im Kopf. Ich vergleiche das gerne mit einer Ernährungsumstellung. Wer seine Ernährung umstellen möchte, der fängt ja auch nicht beim Einkaufen an – sondern beim „Warum“ und „Was bringt es mir?“

Also fangen wir beim „Warum“, „Was“ und „Wie“ an?

Die Digitalisierung funktioniert nur mit einem ganzheitlichen Ansatz. Das Unternehmen muss erst einmal herausfinden, wo muss ich mich verbessern, was benötige ich überhaupt, wie kann ich das kulturell und technisch umsetzen, was kostet mich das und wie hoch ist mein Return on Invest? Hierfür braucht es eine Entscheidungsvorlage, die am besten für sämtliche Digitalisierungsvorhaben funktioniert.

Klingt wieder kompliziert ….

Im Gegenteil. Durch diese Entscheidungsvorlage kommt Klarheit in jedes Digitalisierungsprojekt. Wir haben gemeinsam mit unserem Partner, der Virtual Fort Knox AG (VFK), einer Ausgründung aus der Fraunhofer Gesellschaft IPA, eine Methode entwickelt, wie man zu einer solchen Entscheidungsvorlage kommt. Im Grunde geht es um ein 9-Punkte-Programm, indem zuerst geschaut wird, welche Bereiche im Unternehmen optimiert werden sollen oder müssen. In den weiteren Schritten geht es darum, ein Nutzenversprechen zu definieren und den Soll-Zustand zu bestimmen. Am Ende steht die Auswahl der passenden Technologien und die Berechnung des Kosten/Nutzen-Verhältnisses. Das Ergebnis zeigt immer, welcher Nutzen, beziehungsweise welche Potenziale für das Unternehmen vorhanden sind.

Aber warum tut sich gerade der produzierende Mittelstand da schwer?

Wie gesagt, weil zum einen die Beurteilungskompetenz fehlt. Zum anderen haben Firmen Bedenken, dass eine Digitalisierungsmaßnahme Eingriffe in ihre Systeme und Arbeitsabläufe bedeutet. Hier ist es wichtig, Technologien zu finden, die auch die Mitarbeiter verstehen und entsprechend mittragen. Denn tragende Säule der digitalen Veränderung sind die Menschen. Ein nutzenbringender Transformationsprozess in der Produktionswelt braucht die Beteiligung aller relevanten Akteure, wie zum Beispiel die Mitarbeiter in der Produktion, im Engineering, im Qualitätsmanagement und im Vertrieb. Sie alle haben erheblichen Einfluss auf den Erfolg des Unternehmens und sollten entsprechend eingebunden und dadurch motiviert werden. Nimmt man nicht alle mit, wird es nicht gelingen. Darüber hinaus braucht es konfliktfähige Führungskräfte, die den Transformationsprozess gut steuern und moderieren.

Außerdem ist Industrie 4.0 nicht gerade preiswert zu haben …

Das sehe ich nicht so. Viele Kosten sind hausgemacht. Worum geht es denn bei Industrie 4.0? Um Messen, Analysieren und Steuern. Das Messen übernehmen Sensoren. Das Sammeln, Auswerten und Zurücksteuern von Daten soll die Maschinen und in der Verlängerung auch die Produkte optimieren. Bei allen Digitalisierungsmaßnahmen, die wir bisher konzipiert haben, haben sich die Kosten innerhalb von 6 bis 12 Monaten amortisiert. Und dafür waren nicht immer die neuesten Software-Versionen der bereits genutzten IT-Systeme erforderlich. Ein transparentes Nutzen der vorhandenen Schnittstellen, ergänzt um eine Verbindungs- und Kommunikations-Plattform, erwies sich oft als die beste Lösung. Das sparte wiederum Kosten und Zeit.

Das heißt, zentralisierte IT-Systeme sind also nicht State-of-the-Art?

Richtig. Ein zentralisiertes System ist nicht mehr zeitgemäß, weil es die Anzahl der Ansätze und Erweiterbarkeiten von Industrie 4.0-Lösungen limitiert und damit die Realisierungs-kosten in die Höhe treibt.

Heute nutzt man robuste, verteilte und modulare Strukturen. Im Grunde braucht es für die Digitalisierung kein zentralistisches IT-System, wie ein ERP oder ein MES. Das ist den meisten Unternehmen nicht bewusst. Genau hier sehen wir die große Chance für den produzierenden Mittelstand. Die Lösung liegt in einem modularen Aufbau und im intelligenten Steuern der Datenflüsse.

Ein Beispiel wäre schön …

Die Hersteller müssen in naher Zukunft zu den Produkten auch Nachweise über die CO2-Fußabdrücke, Lieferketten und Qualitätsdaten liefern, was in heutigen zentralistischen Systemen nicht abgebildet ist. Ein „Aufrüsten“ wäre für den Mittelstand sehr teuer.

Die Fraunhofer Gesellschaft IPA hat gemeinsam mit der VFK AG die VFK-Technologie entwickelt und diese wird auch von beiden kontinuierlich weiterinnoviert. Diese Technologie ermöglicht es, Basis-Informationen, zum Beispiel Zulieferdaten oder Maschinendaten für die oben genannten Nachweise zu erzeugen. Diese End-2-End-Technologie bedeutet technologisch einen großen Sprung für die Unternehmen. Der ist mit wenig Risiko und wenig Aufwand Schritt für Schritt machbar. Gleichzeitig sollte unbedingt die kulturelle Transformation unterstützt werden, damit der Wertschöpfungsvorteil von den Menschen im Unternehmen nachhaltig erzeugt wird. Technisch geht es in Zukunft darum, die Datenströme zu managen, nicht die IT-Systeme.

„Man muss die Datenströme managen, nicht die IT-Systeme.“

Heißt das für ERP und Co. ‚ab in die Tonne‘?

Ein klares Nein. Unternehmen haben mit der in der Praxis bereits eingesetzten VFK-Technologie die Wahlmöglichkeit für ihre IT-Systeme, wie CRM, ERP, MES, QM, etc. Die Technologie ist eine Verbindungstechnologie, die Datenströme zwischen Daten-Erzeugern und Daten-Verarbeitern steuert und konfiguriert.

Kommen wir zurück auf den ganzheitlichen Aspekt. Wie sieht eine optimale Lösung dann aus?

Wir wollen den Mittelstand unterstützen, weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben. Ziel ist es, Schritt für Schritt, passend zum jeweiligen Unternehmen, eine End2End-Transparenz in Echtzeit und eine Steuerungsfähigkeit herzustellen.
Dabei hilft eine modulare Struktur von verschiedenen IT-Systemen, mit denen Unternehmen unabhängig von den einzelnen IT-Systemen sind und jederzeit Optimierungen und Weiterentwicklungen auch selbst durchführen und ihre IT-Systeme anpassen können.
Für eine Digitale Transformation sollten wertschöpfende Technologien eingesetzt und gleichzeitig die Akzeptanz und Qualifikation der Mitarbeiter unterstützt werden. Das ist für den gelingenden kulturellen Wandel und damit für die Nachhaltigkeit des Unternehmens unerlässlich.

Wer tiefer in das Thema eintauchen möchte, findet im Workshop „Passend praktisch digitalisieren“ in der CyberForum Akademie die entscheidenden Impulse, individuelle Digitalisierungsvorhaben umzusetzen.

Jetzt anmelden. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt.

 

Uwe Beyer ist Unternehmensberater und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Beyer & Kaulich in Frankfurt am Main. Er begleitet Unternehmen erfolgreich bei ihrer kulturellen und organisatorischen Transformation. Gemeinsam mit der „Virtual Fort Knox AG“, einer Ausgründung der Fraunhofer Gesellschaft e.V., unterstützt sein Unternehmen bei der Umsetzung von passenden Digitalisierungs- bzw. Industrie 4.0-Initiativen.