Laut einer aktuellen Studie von Ernst & Young befindet sich der deutsche Mittelstand in einem Dilemma. Von einer Zweiklassengesellschaft ist die Rede. Geht es nach der Studie, nutzen Mittelständler ihre Chancen der Digitalisierung auf unterschiedlichen Wegen. Wirklich erschreckend dabei: Jedes fünfte Unternehmen gibt an, dass die Digitalisierung innerhalb und außerhalb des Unternehmens gar keine Rolle spielt.

Ich gebe es ja zu; der Teaser fällt ein wenig zu negativ aus. Auch wenn nur jedes fünfte Unternehmen überhaupt die Digitalisierung zum Thema macht – grundsätzlich spielen digitale Technologien bereits bei mehr als jedem zweiten Unternehmen eine wichtige Rolle. Es hakt bisher eher noch an der Gesamtumsetzung der einzelnen Prozesse. Fehlendes Geld, Personal, Know-how, Altlasten und spezielle Kundenwünsche sind Haupthemmnisse für den verstärkten Einsatz digitaler Technologien. Grundsätzlich gilt also: Die Digitalisierung ist auch beim Mittelstand angekommen (Bimodale IT). Und geht es nach der erwähnten Studie „Mittelständler nutzen Chancen der Digitalisierung unterschiedlich“ von Ernst & Young, wird sich auch der Mittelstand darauf einstellen müssen, auf die Überholspur der digitalen Datenautobahn samt der dahinter agierenden Prozesse zu wechseln. Die Stadt Karlsruhe beispielsweise zeigt auf, wie die Digitalisierung des Mittelstandes ausschauen könnte.

Gut jeder dritte Mittelständler rechnet damit, dass die Bedeutung digitaler Technologien mittelfristig deutlich steigen wird. Bei großen Unternehmen mit Jahresumsätzen von mehr als 100 Millionen Euro, geht sogar fast jeder zweite Befragte von einem deutlichen Bedeutungszuwachs aus.

Egal in welcher Form – ob Onlinebezahlung, digitale Kundenbetreuung oder automatisierte Produktion, um nur einige Beispiele zu nennen – die Bedeutung digitaler Technologien wird künftig eher noch zunehmen: Mehr als jedes dritte Unternehmen geht davon aus, dass die Digitalisierung in den nächsten fünf Jahren deutlich zunimmt; einige erwarten dagegen nur eine leichte Zunahme. Warum allerdings in der heutigen Zeit noch von zu hohen Kosten die Rede ist, kann ich persönlich nicht nachvollziehen. Zum einen muss ja zu Beginn nicht jeder Prozess digitalisiert werden, zum anderen sind mir persönlich die Unternehmensberater ein Dorn im Auge (Beitrag von 2012 – aber noch immer passender denn je). „Jedes achte Unternehmen klagt über begrenzte finanzielle Möglichkeiten, jedes neunte über fehlendes Personal und jedes elfte hat nach eigenen Angaben nicht das nötige Know-how“, so zumindest die Studie. Klar, ohne eine nötige Investition wird es nicht funktionieren, ohne den überteuerten Berater aus dem Hause SAP und Co. allerdings schon. Die Lösung muss doch sein, das eigene Personal auf die neue Technologie zu schulen, die Mitarbeiter so langfristig ans Unternehmen binden.

Digitalisierung der Kundenbeziehungen bereits Standard

Und warum die Digitalisierung wichtig ist, beantwortet die Studie gleich zu Beginn. „Kundenbeziehung findet ganz oder teilweise auf digitalem Weg statt“: So ist die digitale Autobahn im Einklang mit dem Kunden und der häufigste Einsatzbereich der 3.000 befragten Unternehmen. Satte 39 Prozent geben zumindest die Kundenbeziehung als Grund an. 33 Prozent forcieren die Digitalisierung, weil die technische Nutzung von mobilen Endgeräte wie Smartphone und Tablet diese voraussetzt. Was allerdings negativ aufschlägt: Digitale Technologien spielen für 46 Prozent der Unternehmen noch keine oder kaum eine Rolle.

Zweifelsohne wird und muss nicht jeder Mittelständler auf die Digitalisierung setzen. Vor allem der Handel und Dienstleister werden laut der Studie verstärkt auf digitale Technologien setzen. So haben knapp 80 Prozent der Befragten (Handel) auf die Frage „Erwarten Sie, dass die Bedeutung digitaler Technologien für das Geschäftsmodell ihres Unternehmens in den kommenden fünf Jahren steigen wird?“ mit „ja“ (36 Prozent) und „ja, leicht“ (44 Prozent) geantwortet.

Bei den reinen Dienstleistern sind es sogar 46 Prozent, die klar bejaht haben – 31 Prozent sagten zumindest „ja, leicht“. Unternehmen aus Bau und Industrie sind dagegen eher verhalten. Der Bau ist sich mit 28 Prozent sicher, die Industrie stimmt mit 28 Prozent zu – für ein „ja, leicht“ stimmten immerhin noch knapp über 40 Prozent. Vielleicht kann ja auch der digitale Leitfaden Unternehmen helfen, die ersten und „richtigen“ Schritte in die Wege zu leiten? Und sind sich Unternehmen auch dann noch unsicher, sollten sie für einige Monate einen Digital Officer einstellen. Er kann abwägen, wo genau das Unternehmen eine Digitalisierung forcieren sollte.

Und nun? Lieber Mittelstand; bleibe so, wie Du bist. Die Zahlen stimmen und zeigen auf, dass die Überholspur nicht unbedingt zum Ziel führt. So gibt es kaum Faktoren, die verhindern, dass ein mittelständisches Unternehmen überhaupt nicht in die Digitalisierung investiert. Die begrenzten finanziellen Mittel, das fehlende Personal und ja, auch das fehlende Know-how hatten wir zu Beginn bereits erwähnt. Doch sehen immerhin 71 Prozent kein Hindernis auf dem Weg zur Digitalisierung, vielleicht ja in 2016. Der Weg dorthin ist meines Erachtens individuell zu betrachten und vor allem Sache des Unternehmens. Letzteres sollte also aufpassen, wen sie sich extern ins Boot holen. Lieber ins eigene Personal investieren.